Nie mehr unscharfe Bilder

Die Lytro-Kamera tanzt nicht nur optisch aus der Reihe: Mit der neuartigen Lichtfeld-Technik kann man nachträglich bestimmen, welcher Teil des Fotos scharf sein soll. Wir haben das aussergewöhnliche Gadget getestet.

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An der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas stach sie sogar die Playstation Vita von Sony aus: Die Lytro-Kamera. Die Hardware des gleichnamigen kalifornischen Startups gewann den von der Messe ausgerufenen Wettbewerb Last Gadget Standing Supersession und verwies die portable Konsole des japanischen Traditionskonzerns auf Platz 2.

Die Lytro-Kamera wirft bisherige Fotografie-Konventionen über Bord. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kameras ist es mit der auch Lichtfeld-Technik genannten Kamera möglich, den Fokus auf ein Objekt nachträglich zu verändern. Lytro nennt das Verfahren «focus after the fact» (nachträgliches Fokussieren) – der Effekt ist verblüffend und hinterlässt ein Gefühl der Dynamik, welches normale Bilder vermissen lassen, wie der Test von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt.

Doch wie ist das überhaupt möglich? Bei einer herkömmlichen Kamera werden beim Auslösen eines Bildes die Lichtstrahlen durch hintereinander angebrachte Linsen auf ein Medium projiziert (heutzutage ein Sensor). Bei der Lytro-Kamera hingegen werden durch eine Matrix von kleinsten Linsen die Lichtstrahlen vor dem Sensor «aufgefächert». Der Sensor kann so nicht nur Intensität und Farbe der Lichtstrahlen festhalten, sondern auch deren Richtung. Durch dieses Verfahren werden im Prinzip alle Objekte scharf aufgenommen.

Fokus nach dem Knipsen bestimmen

Anfangs ist es schwierig, geeignete Aufnahmen zu finden, bei denen der Effekt voll zum Zug kommt – der Nutzer muss zuerst herausfinden, welche Perspektiven sich dafür eignen. Besonders bei Szenen, in denen sich ein Objekt nahe an der Linse befindet und andere im Hintergrund sind, entfaltet die Lytro-Kamera ihr volles Potenzial. Sehr interessant sind auch Makroaufnahmen oder Fotos gegen ein Schaufenster. Hier ist der Effekt markant: Zum einen kann man die Objekte hinter dem Glas in den Fokus nehmen, zum anderen die Scheibe oder gar Objekte, die sich in der Scheibe spiegeln.

Tückische Bedienung

Das Design der Kamera ist schlicht und funktional. Die Bilder kann man direkt auf dem 1,5-Zoll-Bildschirm begutachten und auch gleich neu fokussieren. Am Computer macht die Bearbeitung jedoch mehr Spass. Neben Einschaltknopf, Auslöser und Zoom-Regler (alles ist kompakt in das Design integriert) findet man noch einen Mikro-USB-Anschluss für die Verbindung mit einem Computer.

In der Praxis hat das Design seine Tücken: Die Bedienelemente sind schwierig zu ertasten, der Zoom spricht bei der leichtesten Berührung an. Weiter negativ aufgefallen ist, dass der Speicher (8 oder 16 Gigabyte) für die Bilder sowie der Akku nicht austauschbar sind.

Software läuft nur auf Mac

Ein weiterer Minuspunkt: Die mitgelieferte Software Lytro Desktop ist vorläufig nur für Mac erhältlich. Lytro hat aber eine Windows-Version angekündigt. Wie die Kamera ist die Software schlicht aufgebaut und installiert sich selber, sobald die Kamera das erste Mal angeschlossen wird. Die Bilder werden automatisch von der Kamera importiert. Sobald die Daten ausgewertet sind, kann man mit dem Fokus experimentieren. Einzelne Bilder können immer wieder neu fokussiert und im JPEG-Format exportiert werden. Die Bilder haben eine Auflösung von 1080 x 1080 Pixel (72 dpi).

Exportieren und Teilen

Die Software ermöglicht es dem Benutzer, die Bilder mit Freunden via Facebook oder via einen HTML-Link zu teilen. Der Vorteil: Die Aufnahmen kann man im Web weiter neu fokussieren. Lytro arbeitet mit einem Trick, denn die Rohdaten dieser Bilder – mit 16 MB pro Bild keine Leichtgewichte – eignen sich nicht für die Verwendung im Web. Die Software erstellt beim Teilen eines Bildes einen Auszug dieser Daten (1 MB) und gaukelt dem Betrachter ein echtes Neufokussieren wie auf der Mac-Software vor. Trotz diesem Trick bleibt der Effekt äusserst eindrucksvoll.

Proprietäres System

Lytro hat sich entschlossen, die eingesetzten Technologien (vor allem das Dateiformat) nicht öffentlich zu machen. Die «Living Pictures» müssen auf den Lytro eigenen Servern belassen werden, von wo sie dann auf Facebook verlinkt werden können. Auch der nicht auswechselbare Akku der Kamera weist darauf hin, dass Lytro alles daran setzt, dass niemand die Technologie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Einerseits ist das durchaus verständlich, weil viel Entwicklungsleistung in das Produkt floss. Auf der anderen Seite behindert die Firma so kreativen Input von der freien Programmiererszene. Ob sich das auf längere Sicht für die Firma auszahlt, bleibt abzuwarten.

Fazit

Wer sich über die verwunderten Reaktionen von Freunden und Verwandten auf die «Living Pictures» freut, ist mit der Lytro-Kamera gut bedient. Das Gadget wird die herkömmlichen Digitalkameras nicht ersetzen, bietet aber eine völlig neue Erfahrung im Umgang mit Bildern (die sich aber nur für kleinformatige Ausdrucke eignen. Dem Vergleich mit Abzügen von gängigen Digitalbildern können sie nicht standhalten). Beim Hereinzoomen in ein exportiertes Bild auf dem Computer kommen hässliche Artefakte zum Vorschein (siehe Bildstrecke), deshalb sind sie auch für ein Nachbearbeiten am Computer eher ungeeignet.

Die Lytro-Kamera wird mit 8 oder 16 Gigabyte Speicher verkauft und kostet 399 respektive 499 US-Dollar. Bis auf weiteres ist der Verkauf auf Amerika beschränkt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.04.2012, 14:29 Uhr)

Nächster Schritt: 3D-Bilder

Lytro hat bereits durchblicken lassen, dass das nachträgliche Fokussieren erst der Anfang der Lichtfeld-Technologie ist: Die Firma fasst als nächsten Schritt eine Berechnung von 3-D Bildern ins Auge. Dies wird via Software-Update möglich, denn die Rohdaten der Bilder bleiben dieselben. Was ändert, ist die Software, welche die Daten interpretiert. So werden auch bereits geschossene Bilder von den Weiterentwicklungen profitieren können.

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