Obamas Politik mit «Star Trek» verstehen
Von Christian Bütikofer. Aktualisiert am 19.11.2008
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Im Vergleich zum Wahlkampf vor vier Jahren geschah im Internet Entscheidendes, auch wenn das Web im Jahr 2004 schon eine Rolle spielte. Wie damals der linke Demokrat Howard Dean, so nutzte Barack Obama das Web sehr effektiv zum Spendensammeln (siehe Box «Ohne Dean kein Obama»). Obama setzte auf Deans Software und stellte fürs Fundraising Profis ein (TA vom 4. 11. 08).
Eine andere Seite von Obamas Kampagne sorgte für eher wenig Aufsehen: Er machte Politik zum Bestandteil der Populärkultur. Dies gelang ihm dank den Möglichkeiten digitaler Technologien, mit ihnen transportierte er die Botschaft: Obama, das ist Wandel, das Neue. Als ein Team des Musiksenders MTV Jugendliche befragte, mit welcher Marke sie Obama und McCain vergleichen würden, antwortete die Mehrheit: Obama ist Apple, McCain Exxon Mobil. Handy gegen Öltürme, neue gegen alte Technologien, Silicon Valley, nicht Automobilindustrie.
«Time»-Journalist David von Drehle beschrieb im Januar, wie Obama in den Vorwahlen, als er sich gegen Hillary Clinton durchsetzen musste, einige Staaten nur deshalb gewann, weil er konsequent auf die Jugendlichen setzte und ihre Internetgewohnheiten adaptierte: Er machte ausgiebig Gebrauch von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Myspace, wo sich seine jüngsten Wähler austauschten. Damit gab er ihnen die Möglichkeit, sich durchs Web und dessen verschiedene Communities für ihn zu engagieren – und sie taten es: 24 Millionen 18- bis 29-Jährige wählten diesmal, 70 Prozent davon gaben ihre Stimme Barack Obama, berichtete ein Experte am MIT-Forum «The Campaign and the Media». Das sind vier Millionen mehr als 2004 und der bisher grösste Unterschied zwischen zwei Kandidaten.
Natürlich wusste Obama, dass man Wahlen nicht nur mit schönen Homepages gewinnt, sondern mit Inhalten und persönlichem Kontakt. Eine alte Weisheit, die sich auch mit neuen Technologien nicht ändert: Leute gehen eher wählen, wenn sie von Vertrauenspersonen dazu motiviert werden. Technologien wie Facebook machten es nur einfacher, dass dieser Link gelang.
Dass Obama es schaffte, seine politischen Botschaften übers Internet zu transportieren, lag aber nicht nur daran, dass er die Werkzeuge (soziale Netzwerke, Blogs usw.) professionell nutzte. Es lag auch daran, wie er sich auf die im Web prominent vertretene Populärkultur – manche nennen es schlicht Trash-Kultur – einliess.
Obama nimmt Gamer ernst
Während John McCain Jugendliche verurteilte, die das Fantasy-Rollenspiel «Dungeons and Dragons» spielten, waren Obamas Kampagneleiter die ersten, die in einem Videogame Werbung schalteten. Im Rennspiel «Burnout Paradise» für die Xbox 360 von Microsoft erschienen am Strassenrand Werbeschilder mit Obamas Konterfei sowie dem Hinweis, dass man jetzt wählen könne. Zusätzlich wurde die Adresse der Webseite «Vote for Change» angegeben. Damit zeigte Obama, dass er die neuen Technologien versteht, sie nicht meidet und die Gamer als Wählerschicht ernst nimmt. Die virtuellen Plakate waren ein voller Erfolg; sie generierten auch in den Massenmedien einiges Echo.
Die Videogame-Werbung war nur eines der Mittel, mit welchen Obama es schaffte, die Politik in Populärkultur zu integrieren und damit selbst Bestandteil derselben zu werden. Auf Youtube existiert etwa ein Privatvideo, das Politik anhand des Onlinegames «World of Warcraft » erklärt – offenbar ist das eine Art, wie Politik auf lustvolle Weise begreifbar gemacht werden kann.
Obama, die männliche Paris Hilton
John McCain merkte bald, dass er bei diesem Segment der Wähler stark im Rückstand lag. Mit politischem Judo versuchte er diesen Vorteil seines Gegners in dessen Gegenteil zu kehren. In einem Spot wurde Obama auf die gleiche Stufe wie Paris Hilton gestellt – McCain nutzte eine Berühmtheit der geschmähten Populärkultur. Er brauchte die gleichen Bilder, nur versuchte er damit genau das Gegenteil zu zeigen: Obama als TV-Darling ist nicht bereit, ein Land zu regieren. Über Youtube wandte sich McCain an jene Klientel, die ihm die kalte Schulter zeigte, und versuchte ihr klarzumachen, dass sie die falsche Person anbetete, dem falschen Messias huldigte.
Mit Videos wie «Obama Fan Club» legte er den «Fans» nahe, sie seien hirntote Konsumenten, die alles tun, was ihr Idol Obama sagt. Sie widmeten ihr Leben wertlosem Wissen, huldigten der TrashKultur, seien asozial, kindisch, unreif und könnten Fantasie nicht vom «realen» Leben unterscheiden. Damit wollte McCain die jungen Fans vom Wählen abhalten und Obama bei jenen, die mit Populärkultur sowieso nichts anzufangen wissen, als unwählbar fürs Amt des Präsidenten hinstellen: Obama ist nicht «The One». «Get a Life!», «Werdet endlich erwachsen!» war die Botschaft, und damit war gemeint: «Beteiligt Euch nicht am politischen Diskurs, bitte schön!»
Photoshop-Demokratie
In diversen Studien erkannte der amerikanische MIT-Forscher Henry Jenkins, dass die Grenzen zwischen Populärkultur und politischem Diskurs zunehmend verschwinden – nicht nur Politiker bedienen sich ihrer, sondern auch die Wähler.
Als McCain Sarah Palin zur Vize kürte, kursierten wenige Tage danach Bilder im Netz, die den greisen Milliardär J. Howard Marshall und seine viel jüngere Ex-Frau und Playmate Anna Nicole Smith zeigten. Das Bild zierte nur zwei Namen: «McCain – Palin». Jedermann war klar, was da angesprochen wurde: Was passiert, wenn der 72-Jährige während der Präsidentschaft stirbt? Soll dann eine Ex-Miss die Geschicke des Landes führen? McCain und Palin wurden auch mit anderen, positiveren Insignien der Populärkultur verglichen. So kursierten etwa Bilder, die die beiden als Superman-Paar zeigten.
Obama alias Mr. Spock
Barack Obama auf der anderen Seite wurde von Privatpersonen mit Mr. Spock gleichgesetzt, dem Vulkanier der Sciencefiction- Serie «Star Trek». Spock ist in diesem Zukunftsepos das Kind eines Ausserirdischen vom Planeten Vulkan und eines weiblichen Menschen. In der Serie muss Spock immer wieder zwischen Menschen und Ausserirdischen vermitteln, da er ja beide Seiten in sich vereint.
Einer der Hauptpunkte von Obamas Kampagne war es, klarzumachen, dass er dank seiner gemischten Herkunft über die Parteigrenzen hinweg politisiert, Amerika nach der Bush-Ära versöhnt und dank dieser Eigenschaften der beste Kandidat ist, das Land aus der Krise zu führen. Wie wenn es ein Zufall wäre, stellte jemand prompt das Video «Obama Prefers Spock» auf Youtube. Dort schildert Schauspieler Leonard Nimoy – der in Star Trek Mr. Spock spielt – an einem Sciencefiction-Anlass, wie ihn Barack Obama vor Jahren mit dem serientypischen sogenannten Vulkanier–Gruss empfing.
Henry Jenkins nennt solche Webphänomene «Photoshop-Demokratie» – das ist da, wo jeder Bürger aktiv Werke herstellen oder bestehende verändern und verteilen kann. Nicht nur in den USA werden politische Botschaften von Leuten kreiert, verändert und digital verteilt. Diese Spielart beherrschen auch Schweizer. Zu grosser medialer Aufmerksamkeit gelangten etwa die Parodie-Filme über den Berner SVP-Lokalpolitiker Thomas Fuchs, dessen TV-Spots von Rappern mit eigenen Texten auf die Schippe genommen wurden. In die gleiche Kategorie gehört das Video «Ueli Maurer und Zottel» auf Youtube – auch hier wird ein Original von Privatpersonen verfremdet, in ihr Gegenteil verkehrt und online der Welt zugänglich gemacht.
Schmierkampagnen können schneller verbreitet werden
Doch einer der grössten Vorteile des Internets ist zugleich auch dessen Nachteil: Informationen jeglicher Art sind schnell von jedermann verbreitet, verändert. Dies öffnet natürlich Schmierenkampagnen Tür und Tor. Aber auch hier ging Obama anders vor als McCains Lager.
Barack Obama und auch McCains Vize Sarah Palin waren von Beginn an Opfer virtueller Schmutzfinken. Die Demokraten gingen seit Beginn offensiv mit dem Thema um, versuchten die falschen Gerüchte nicht totzuschweigen, sondern kreierten die Webseite «Fight the Smears» (www.fightthesmears.com). Darin thematisierten sie jedes Lügenmärchen und stellten die Fakten klar. Jeder Surfer konnte nicht nur Infos konsumieren, sondern bekam eine aktive Rolle zugewiesen: Falls er wollte, konnte er mit ein paar Klicks ganz einfach Werbung für diese Seite machen. Bei Palin suchte man diese Nutzung des Webs und den Einbezug ihrer Gefolgschaft vergebens.
Subversive TV-Plauderer im Web
Auch der grosse Erfolg von Talkshows wie «The Daily Show» (thedailyshow. com) ist ein Indiz dafür, dass Populärkultur und Politik Hand in Hand gehen. Mittels exzellenter Videoarchiv-Recherchen lässt «Daily Show»-Talkmaster Jon Stewart Politikern und Politanalysten regelmässig die Hosen runter. Eines dieser Müsterchen lieferte er am 3. September, als Stewart zeigte, wie der gleiche Analyst von «Fox News» über die Vizekandidaten völlig unterschiedlich urteilte: Bei Sarah Palin war das Regieren einer Stadt mit 9000 Einwohnern ein ganz ausgezeichneter Leistungsausweis. Bei Tim Kane (Richmond, Virginia) aber, einem der damals möglichen Vizekandidaten Obamas, musste dieselbe Leistung (Bürgermeister einer Stadt mit 200 000 Einwohnern) als weiterer Beweis für seine Unfähigkeit herhalten. Den erwähnten Videoschnipsel «Sarah Palin Gender Card» kann man ganz einfach seinen Kollegen weitersenden – im gleichen Spot erfährt man nebenbei auch, wie Hillary Clinton von einigen Meinungsmachern aufs übelste sexistisch beurteilt wird und die gleichen Personen dann bei Palin plötzlich ganz andere Messlatten anwenden – zum Beispiel, wenns um Teenager-Schwangerschaften geht.
TV-Shows mischen sich parodierend ins Tagesgeschäft ein, klären die «unmündigen» Konsumenten auf, der Videoausschnitt landet dank dem Internet durch einen Klick auf «share» (teilen) in Sekundenschnelle im E-Mail-Fach der Freunde und wird, falls Musse und Zeit vorhanden sind, gleich noch digital verfremdet. Die Showmaster werden sich ihrer Rolle langsam bewusst. In einem Interview mit dieser Zeitung (TA vom 7. 11. 08) erklärte Bill Maher von «Real Time with Bill Maher» (www.hbo.com/billmaher) auf die Frage, ob politische Satire Wahlen beeinflussen kann: «Bisher habe ich eigentlich immer sehr bescheiden gesagt, dass kein Komiker [. . .] Wahlen beeinflussen kann [. . .] In den letzten Jahren ists mir aber öfters passiert, dass Leute zu mir kamen und sagten, sie würden meine Show sehen, und dass sie nun Obama wählen [. . .]. Viele Amerikaner kommen die Nachrichten nur über Komiker mit. Läsen sie Zeitungen, würden sie die Dinge dort erfahren [. . .].» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.11.2008, 11:45 Uhr
































































