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Wo Papier dem iPad überlegen ist

Von . Aktualisiert am 28.05.2010 6 Kommentare

Für Papierprofessor Timothy Barrett hat Papier Zukunft. Als Geldschein, Verpackung, aber auch als Buch. Papier sei weder virusanfällig noch energieabhängig. Und worin sonst blättert der Mensch so lustvoll?

«Es gibt nur ein Problem mit all den iPods und iPads: Sie sind vom Funktionieren riesiger digitaler Netzwerke abhängig»: Timothy Barrett.

«Es gibt nur ein Problem mit all den iPods und iPads: Sie sind vom Funktionieren riesiger digitaler Netzwerke abhängig»: Timothy Barrett.
Bild: Keystone

«Mir ist das iPad genauso wie das Kindle oder andere Formen
des E-Readers zu klobig»: Timothy Barrett.

Der Papierprofessor

Timothy D. Barrett, 59, ist Papierliebhaber, Papiermacher, Papierhistoriker und Papierwissenschaftler. Von 1996 bis 2002 amtierte er als Direktor des Center for the Book an der Universität von Iowa, wo er noch immer als Professor unterrichtet – und zwar alles, vom Handwerk und der Geschichte des Papiermachens bis zur zerstörungsfreien Analyse von europäischem Papier des 14. bis 19. Jahrhunderts.

Als Experte für die Konservation von Papier hat er unter anderem die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vor dem Zerfall gerettet. Eines von Barretts Interessengebieten ist die vor kurzem erhielt Timothy Barrett den mit 500'000 Dollar dotierten Genius Award der MacArthur Foundation, eine Art Nobelpreis für Menschen mit aussergewöhnlichen Talenten und Leidenschaften.

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Wird das Papier in einer digitalen Gesellschaft ausgedient haben?
Wohl kaum. Papier wird ja nicht nur im Buchdruck, als Schreibmaterial und zur Aufbewahrung von Information verwendet. Denken Sie an Geburtsscheine oder Geldnoten, an Verpackungen und Papiertaschentücher. Oder an gewisse Baumaterialien wie Gipskartonplatten, die wir hier in Amerika beim Hausbau jährlich tonnen- und abertonnenweise einsetzen. In diesen Bereichen wird Papier zweifellos weiterhin von zentraler Bedeutung sein.

Aber das Buch halten auch Sie für ein Auslaufmodell?
Keineswegs. Damit wir uns richtig verstehen – mich faszinieren E-Books und digitale Datenträger insgesamt ungemein. Es gibt nur ein Problem mit all den iPods und iPads: Sie sind vom Funktionieren riesiger digitaler Netzwerke abhängig. Das Buch hingegen ist völlig autark. Es ist weder virusanfällig, noch muss es von einer äusseren Energiequelle gespeist werden, und es bietet dem Leser jederzeit Zugang zu seinen Informationen. Ich bin überzeugt davon, dass viele Daten und Stoffe der Weltliteratur auch in Zukunft auf Papier bzw. in Buchform aufbewahrt werden. Jedenfalls so lange, bis wir eine Alternative dazu entwickelt haben, die den Zugriff auf diese Texte ohne Netzwerke und elektronische Geräte möglich macht.

Dennoch sind viele Bibliotheken daran, ihre Bestände zu digitalisieren. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn ihre Geschichte und ihr gesammeltes Wissen plötzlich nur mehr in Form von Festplatten vorhanden sind?
Ich würde den Gedanken sogar noch ein bisschen weiter spinnen. Digitale Medien könnten eines Tages so benutzerfreundlich und effizient sein, dass wir zur Tradition der mündlichen Überlieferung zurückkehren. Ein Beispiel: Eine Lyrikerin veröffentlicht eine neue Gedichtsammlung. Das Internet bietet Ihnen die Wahl zwischen einem 3-D-Film, in dem die Autorin ihre Gedichte vorliest, einer Print-on-demand-Version der Sammlung und einer von der Autorin signierten Ausgabe aus handgeschöpftem Papier. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Für die Spezialausgabe.
Das ist auch eine Möglichkeit. Tatsächlich bin ich ja der Ansicht, dass die digitale Revolution das Beste sein könnte, was Papierliebhabern je passiert ist. Eben weil sich so vieles nur noch auf Festplatten abspielt und über Bildschirme flimmert, wird die Wertschätzung für Dinge steigen, die wir auf Papier festhalten. Mit einem Liebesbrief auf handgeschöpftem Papier werden Sie Ihre Angebetete ungleich mehr beeindrucken als mit einem SMS. Zeugnisse, Urkunden – solche Objekte werden wieder richtig kostbar werden, und die Leute, die sich auf ihre Herstellung verstehen – Kalligrafen, Papiermacher – werden wieder sehr gesucht sein.

Gibt es überhaupt Kulturen ohne Papier?
Es gibt Kulturen ohne eine geschriebene Sprache. Doch ist in jeder Gesellschaft, die über ein Schul- und ein Handelssystem und über eine Bürokratie verfügt, Papier früher oder später aufgetaucht. Was viele Leute allerdings nicht wissen, ist, dass auch bei uns im Westen während 1800 Jahren jedes Blatt Papier von Hand gemacht wurde. Das heisst, dass jedes antiquarische Buch, das vor 1800 gedruckt wurde, jeder Papierfetzen aus der Zeit davor aus handgeschöpftem Papier besteht. Erst dann wurde die Papiermaschine erfunden.

Sie sind ein leidenschaftlicher Papiermacher und unterrichten das Handwerk auch. Wann haben Sie sich in Papier verliebt?
Ich muss 16 oder 17 gewesen sein, als mir ein Blatt japanisches Papier in die Hände kam. Das fühlte sich so warm und natürlich an wie kein anderes Papier, das ich bis dahin zwischen den Fingern gehalten hatte. Danach begann ich mich für alles zu interessieren, was mit Papier zu tun hat.

Das ist ziemlich ungewöhnlich für einen Teenager, dessen Freunde sich vermutlich für die ersten Atari-Videospiele begeisterten. Sind Sie besonders romantisch oder kunstsinnig veranlagt?
Anfangs waren es tatsächlich vor allem die ästhetischen Qualitäten des handgemachten Papiers, die mich bezauberten. Ich konnte mir nicht erklären, wie etwas so schön sein konnte. Diesem Geheimnis wollte ich auf den Grund gehen, indem ich mich ins Studium der Technik und der Geschichte des Papiermachens vertiefte. Und siehe: Es lässt sich wissenschaftlich belegen, dass und weshalb es Unterschiede zwischen handgeschöpftem und billigem industriell hergestelltem Papier gibt. Mehr noch: Die Wissenschaft ermöglicht es einem, andere Leute vom Wert speziellen Papiers zu überzeugen und davon, dass man kein Romantiker zu sein braucht, um sich damit so intensiv zu beschäftigen, wie ich es tue.

Sie haben das Papiermachen zwei Jahre lang in Japan studiert. Was macht das japanische Papier so besonders?
Hauptsächlich die Art und Weise, wie es geformt wird. Sowohl das japanische als auch die westlichen Verfahren der Papierherstellung sehen das Abschöpfen, das Trocknen und das Pressen des gekochten Faserstoffes vor. Doch die Zugabe eines bestimmten Pflanzenschleims ermöglicht es, sogenanntes Japanpapier gewissermassen schichtweise in seine Endform zu bringen. So kann man hauchdünne Blätter herstellen. Ich versuche seit langem, ein solches Papier aus dem Bast des Maulbeerbaums zu machen. Bisher ist es mir aber nicht gelungen, die ideale Balance zwischen Weichheit und «Knusprigkeit» des Papiers hinzukriegen.

Werden Sie sich irgendwann ein iPad kaufen?
Vermutlich nicht. Mir ist das iPad genauso wie das Kindle oder andere Formen des E-Readers zu klobig. Ein wirklich benutzerfreundliches E-Book wird meiner Meinung nach eher die Grösse eines iPhones haben und einem traditionellen Taschenbuch ähnlich sehen. Es hätte einen Umschlag und Seiten zum Umblättern.

Sozusagen Seiten aus dem Papier der Zukunft?
Genau. Es gibt bereits jetzt halb flexible Materialien aus flüssigen Kristallen, die in der Lage sind, elektronisch Texte wiederzugeben. Bald werden wir völlig flexibles digitales Papier haben. Eine Seite des idealen E-Books wäre für E-Mails, eine weitere für persönliche Notizen, eine dritte fürs Internet und eine vierte für den Text des eigentlichen Buches. Es ist viel übersichtlicher, wenn man physisch von der einen Ebene zur andern wechseln oder eben blättern kann, ohne gross herumklicken zu müssen. Geschlossen könnte man dieses E-Book als Handy benutzen. Und anders als ein steifer exponierter Bildschirm würde ein Umschlag den Inhalt beim Lesen in der Subway vor neugierigen Blicken schützen.

Was lesen Sie denn für Sachen?
Na ja, meistens bloss Fachliteratur oder allerlei Artikel über E-Books. Und wenn ich mich mal wirklich entspannen will, dann «Die Abenteuer des Huckleberry Finn». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2010, 21:06 Uhr

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6 Kommentare

Michael Trümmer

28.05.2010, 11:49 Uhr
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Papier ist brandanfällig, und eine Sicherheitskopie ist schlecht machbar, weil der "Inhalt" darauf bei jeder Kopie an Qualität verliert. Antworten


Richard Hennig

28.05.2010, 12:33 Uhr
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Als dipl. Reiseführer in der Normandie, kann ich Herrn Barrett nur Recht geben. Für Alltagsinformationen in meinem Beruf, ist das Internet sehr praktisch und hilfsreich. Wenn ich aber über die Rechtstreitigkeiten von zwei Adligen aus dem 15 Jahrhundert Bescheid wissen will, hilft hier nur das Suchen in den Archiven. Und kürzlich habe ich ein Buch aus dem Jahre 1733 erstanden, wunderschön. Antworten



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