Die Kunst des idealen Vernetzens

Sie wollten schon immer wissen, wie man sich das perfekte Netzwerk aufbaut? Diese 12 Regeln sollten Sie befolgen. Beruflich werden Sie kreativer, privat glücklicher.

«Don't be a star, be a galaxy!»: Das visualisierte Facebook-Netzwerk von Peter A. Gloor. 
Bild: Gloor

«Don't be a star, be a galaxy!»: Das visualisierte Facebook-Netzwerk von Peter A. Gloor. Bild: Gloor

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Kürzlich sagte mir ein 17-jähriger Schweizer IT-Lehrling, nur alte Leute würden noch E-Mails schreiben. Sein soziales Leben spiele sich fast ausschliesslich auf Facebook und Whatsapp ab. Während dies für ihn zutreffen mag, kann auf jeden Fall der richtige Einsatz der elektronischen Kommunikationsmittel entscheidend sein für Karriere und Lebensglück. Im Folgenden möchte ich zwölf Regeln des Online-Netzwerkens präsentieren, die sich im Rahmen unserer Forschungsprojekte am MIT Center for Collective Intelligence im Verlauf der letzten zehn Jahre herauskristallisiert haben. In unseren Projekten haben wir soziale Netzwerke auf verschiedenste Arten sichtbar gemacht, indem wir das Facebook-Netz mit unserem Visualisierungs- und Analysetool Condor untersuchten. Das oben stehende Bild zeigt mein persönliches Facebook-Netz. Es illustriert meine erste Regel der Kommunikation:

1. Don't be a star, be a galaxy!

Der Inhaber des Netzes – in dem Fall ich selber – ist deutlich sichtbar im Zentrum des Netzes. Er ist allerdings nicht in einem Sternmuster vernetzt (kein Star), sondern eingebettet in Galaxien und Cluster von Freunden. Er teilt sein soziales Kapital und damit seine Freundesbeziehungen mit anderen, und seine Freunde kennen sich untereinander. Im Netzwerkbild sind die verschiedenen Gruppen, die mein momentanes Leben bestimmen, klar ersichtlich: meine Kollegen und Studenten am MIT, der Uni Köln und Helsinki sowie eine Gruppe von Forschern eines Projektes am Kinderspital in Cincinnati und ganz weit draussen auch meine ehemaligen Kollegen von Deloitte. Meine Netzwerkstruktur illustriert auch zwei weitere Grundprinzipien sozialer Netze bezüglich schwacher und starker Verbindungen.

2. Schwache Links sind gut für den Berufserfolg

Der Netzwerkforscher Marc Granovetter hat schon in den Siebzigerjahren festgestellt, dass diese sogenannten Weak Ties (Gelegenheitsbekanntschaften, keine engen Freundschaften) unentbehrlich sind, um eine neue Stelle, neue Kunden oder Mitarbeiter zu finden. Sie machen uns damit erfolgreich, aber nicht glücklich. Dazu braucht es die sogenannten Strong Ties.

3. Eingebettet sein in ein starkes Netz von guten Freunden macht glücklich

Die Dreiergruppen von guten Freunden werden in der Fachsprache als Triaden bezeichnet, was bedeutet, dass sich alle drei in einem Dreieck kennen. Diese Triaden sind ein direktes Mass für unser Glücklichsein. Diese Erkenntnis wurde in verschiedenen Projekten, unter anderem bei einer Langzeituntersuchung (über Jahrzehnte) von Herzpatienten, aber auch in Teams der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Autoherstellers bestätigt.

4. Oszillierende Teamstrukturen sind ein Anzeichen von Kreativität

Eine soziale Netzwerkstruktur, in der im Zeitverlauf zentrale Leader als Stars mit dezentralen Galaxien abwechseln, ist der beste Prädiktor für ein kreatives Team, vor allem wenn der Star in der Mitte gelegentlich wechselt. Unser Team hat das für Softwareentwickler, Marketingmitarbeiter und Doktorandenteams untersucht, indem deren E-Mails und direkte Kommunikation untersucht wurden, dies mithilfe von sogenannten Sociometric Badges, die die Face-to-Face-Kommunikation messen.

5. Eine konstante Anzahl gesendete/empfangene Messages führt zu höherer Leistung

Ein Team, in dem jedes Mitglied die gleiche Anzahl von gesendeten und empfangenen Kommunikationselementen – beispielsweise gesprochene Worte, E-Mails oder Tweets – liefert, ist produktiver. Wir haben das bei Studententeams, aber auch bei Bankmitarbeitern und medizinischen Forschern festgestellt, deren Kommunikation wir mit Sociometric Badges und via E-Mail gemessen haben.

6. Ein Team, das eine eigene Sprache entwickelt, ist kreativer

Ein eingeschworenes Team kommuniziert zwar auf Deutsch oder Englisch, es entwickelt allerdings seine eigenen Abkürzungen und Bezeichnungen und gibt Worten eine neue Bedeutung, so wie ein Börsenhändler über «Bulls» und «Bears» oder «short» und «long» redet. In verschiedenen E-Mail-Inhaltsanalysen hat unser Team, aber auch andere Forscher, festgestellt, dass die statistische Abweichung vom Standarddeutsch oder Standardenglisch einhergeht mit der kreativen Produktivität des Teams.

Diese ersten sechs Regeln sind unabhängig vom Kommunikationsmedium. Die nächsten sechs sind direkt verknüpft mit dem Kommunikationskanal. Im Firmenumfeld ist die E-Mail – trotz der Bemerkung des 17-jährigen IT-Lehrlings – immer noch das wichtigste Online-Kommunikationsmedium, deshalb zunächst die beiden E-Mail-Regeln:

7. Das Senden von vielen kurzen E-Mails ist besser als das Verfassen von wenigen langen

In einem Forschungsprojekt mit einer Firma mit 70 Headhuntern fanden Forscher von der University of Michigan heraus: Je mehr kurze E-Mails ein Headhunter schreibt, desto profitabler war seine Arbeit. Das Verfassen von langen und sorgfältig formulierten E-Mails sollte also besser dem Poeten überlassen werden.

8. Je schneller E-Mails beantwortet werden, desto besser

Das schnelle Beantworten von E-Mails ist gut in jeder Hinsicht, gut für denjenigen, der durch die schnelle Beantwortung seine Wertschätzung für den Empfänger zeigt, aber auch gut für den, der eine schnelle Antwort auf seine Anfrage bekommt. In verschiedenen Forschungsprojekten haben wir festgestellt, dass zufriedene Mitarbeiter schneller antworten und dass Personen mit hohem Respekt oder Prestige schneller geantwortet wird. Allerdings ist es nicht so, dass viele Freunde per se glücklicher machen. Im Gegenteil, wer viel Zeit auf Facebook verbringt, kompensiert ein Freundesdefizit.

9. Je mehr Zeit ein Benutzer auf Facebook verbringt, desto unglücklicher ist er

Diese Erkenntnisse gewann ein Forscherteam, das Studenten einer US-Universität beobachtete. Am meisten Zeit verbrachten einsame junge Studenten auf Facebook, die ihre Kollegen online beobachten und ihr eigenes Profil pflegen. Andererseits haben populäre Studenten viele Freundesanfragen.

Den gleichen Effekt haben wir festgestellt für Linkedin und Xing, bei denen wir 18'000 deutsche Start-up-Unternehmer-Profile gesammelt haben und deren Firmenerfolge wir mit der Freundesanzahl verglichen haben. Dabei fanden wir heraus...

10. Je mehr Freunde ein Unternehmer in Xing oder Linkedin hat, desto weniger erfolgreich ist er

Der Unternehmer sollte seine Zeit besser dazu einsetzen, Beziehungen in der realen Welt aufzubauen. Freundeslinks auf Xing oder Linkedin beinhalten kein Sozialkapital, der Unternehmer kann von seinen Tausenden von Xing- oder Linkedin-Freunden keine Gefälligkeiten erwarten. Allerdings ist es schon so, dass, wer unter seinen Linkedin- oder Xing-Freunden viele Absolventen von Elite-Unis wie Harvard oder MIT oder Rechtsanwälte und Bankiers hat, geschäftlich erfolgreicher ist.

Auch auf Twitter gibt es Möglichkeiten, den Einfluss eines Twitterers zu messen, allerdings hat dieser nur indirekt mit der Anzahl der Follower zu tun. Lady Gaga oder Justin Bieber mit je über 28 Millionen Followern haben einen immensen Einfluss, aber ein noch besseres Signal ist...

11. Je mehr Follower jemand hat und je weniger er selbst folgt, desto einflussreicher ist er

Ein weiteres Mass ist die Retweet-Rate, mit der Tweets weitergeleitet werden. Ein Mega-Twitter-Star wie Justin Bieber hat mehr als 28 Millionen Follower, während er selber nur 120'000 Twitterern folgt. Seine Tweets werden dafür oft 100'000-fach geretweetet.

Schlussendlich haben wir festgestellt, dass das effizienteste Netzwerken immer noch im direkten Face-to-Face-Kontakt passiert. In Teamexperimenten mit den Sociometric Badges fanden wir heraus...

12. Je mehr wir den anderen vertrauen, desto kreativer sind wir – und je mehr wir den anderen in die Augen schauen, desto mehr vertrauen wir ihnen

Es gibt also auch im Zeitalter der omnipräsenten sozialen Netzwerke keinen Ersatz für den direkten Face-to-Face-Kontakt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.10.2012, 08:35 Uhr)

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Zum Autor

Peter A. Gloor ist Dozent an der Sloan School of Management an der Technischen Hochschule in Massachusetts (MIT) in Boston sowie an den Universitäten von Köln und Helsinki. In seiner Forschung untersucht er die sogenannte «Schwarmkreativität»: Danach verhalten sich Gleichgesinnte – zum Beispiel potenzielle Kunden eines Unternehmens – ähnlich wie Schwärme in der Tierwelt. Gloor nennt seine Methode «Coolhunting». Durch die Analyse sozialer Netzwerke kann er diverse Trends voraussagen. Beispielsweise den Goldpreis, Börsenkurse oder Kinoerfolge.

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