«Die virtuelle Welt ist ein Spiegel der realen»

Peter A. Gloor ist Netzwerkforscher, sein Spezialgebiet die Schwarmintelligenz. Er weiss, wie sich die User auf Twitter und Facebook vernetzen. Und wie sich dadurch der Goldpreis voraussagen lässt.

«Glückliche Menschen bekommen Einladungen. Unglückliche verschicken Einladungen»: Peter A. Gloor. 
Bild: zvg

«Glückliche Menschen bekommen Einladungen. Unglückliche verschicken Einladungen»: Peter A. Gloor. Bild: zvg

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Herr Gloor, 400 Personen zählen auf Facebook zu meinem Freundeskreis. Damit bin ich unterdurchschnittlich vernetzt. Sehen Sie das auch so?
Aus der Forschung wissen wir, dass das menschliche Gehirn nur etwa 150 Beziehungen mit Menschen eingehen kann. Wer also auf Facebook 5000 Freunde hat, führt in Wirklichkeit ein Telefonverzeichnis.

Es macht also keinen Sinn, auf Facebook mehr als 150 Freunde zu pflegen?
Wir haben viele Plattformen studiert und sind zum Schluss gekommen, dass alle Netzwerke ihre Grenzen haben. Ab einer gewissen Anzahl Kontakte bringt einem die Community nichts mehr.

Können Sie ein Beispiel machen?
Erfolgreiche Start-up-Unternehmer haben nur ein paar Hundert Kontakte und keineswegs ein paar Tausend, wie man oft meint. Unternehmer pflegen einen grösseren Freundeskreis als Nichtunternehmer. Hat man allerdings zu viel Kontakte, ist man ein schlechter Unternehmer.

Wo liegt das Optimum?
Ich kann keine absolute Zahl nennen. Aber ich würde von einem Bereich zwischen 300 und 400 Freunden sprechen. Falls Sie mehr Freunde haben, bringt Ihnen das Netzwerk nichts mehr.

US-Studenten haben zwischen 500 bis 1000 Beziehungen auf Facebook. Also zu viel?
Wer mehr Freunde hat, hat nicht zwingend mehr Möglichkeiten. Das zeigte uns eine Untersuchung von 18'000 Start-up-Unternehmern, die auf Businessplattformen aktiv sind. Wir wollten wissen, wie erfolgreich sie sind. Das Fazit unserer Untersuchung: Je mehr Kontakte jemand hat, desto weniger erfolgreich war er. Ausser sie waren von Personen, die eine Eliteuniversität besuchten. Dann war es so: je mehr, umso besser. Jeder Link zu einem Harvard-Absolventen ist Gold wert. Die Vernetzung an der Universität Zürich bringt ihnen als Unternehmer allerdings kaum was. Die Anzahl Freunde sagt überhaupt nichts über den Geschäftserfolg aus. Aber je mehr Rechtsanwälte und Banker ich unter meinen Freunden habe, desto höher sind die Chancen für beruflichen Erfolg. Und was die US-Studenten angeht: In Chile führen die Studenten 200 Freunde auf Facebook. Und die sind nicht weniger erfolgreich oder unglücklicher als ihre Kollegen in den USA.

Dann gilt die Regel also nicht, wonach man beliebter ist, wenn man möglichst viele Freunde auf Facebook hat?
Es gibt zwei Regeln: Je mehr Freunde man auf Facebook hat, desto mehr Zeit verbringt man auf dieser Seite. Und je mehr Zeit ein Student auf Facebook verbringt, desto unglücklicher ist er.

Personen mit einem grossen Freundeskreis auf Facebook sind unglücklich?
Nicht ganz. Es ist klar, dass Stars und schöne Frauen viele Freundschaftsanfragen erhalten. Aber einfach gesagt: Glückliche Menschen bekommen Einladungen. Unglückliche verschicken Einladungen.

Gibt es andere Regeln?
User, die viele Status-Updates schreiben, aber wenig Feedback in Form von Likes oder Kommentaren bekommen, versuchen ein Image zu kreieren, welches sie nicht haben. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Aber auch hier gilt es, die Aussage mit Vorsicht zu geniessen. Manche nutzen Facebook auch als Marketingtool.

Sind menschliche Beziehungen durch Facebook und Twitter besser geworden?
Einige Forscher sagen Nein. Ich sehe das aber positiver. Vor zwei Jahren traf ich an einem Helpdesk eine übergewichtige Frau. Und die war extrem glücklich. Sie sagte mir, dass sie via Twitter Hunderte von Freunden habe, was in ihrer Kindheit wegen des Übergewichts nicht der Fall war. Kommt hinzu, dass die Menschen durch Social Networks offener und vernetzter sind als früher. Das ist doch nur positiv.

Ist die neue Offenheit nicht auch eine Gefahr?
In Ländern wie Mexiko, Chile, Indonesien oder auf den Philippinen sind die Menschen extrem offen. Da werden Liebesgeschichten ausgeplaudert, über den Chef hergezogen oder sonstige privaten Geheimnisse veröffentlicht. Ich sehe da aber keine Gefahren.

Da nutzen wir Schweizer Twitter geradezu autistisch.
In der Regel ist die Plattform für uns ein Promotionsinstrument. Wir schlagen unsere Liebesgeschichten nicht breit. Und im Gegensatz zum Ausland sind wir vermutlich auch sehr unglücklich. Wir haben weltweit untersucht, wo die Menschen am meisten den bekannten Smiley nutzen. Im Vergleich zu den Amerikanern sind wir unglücklich.

Die Twitter-Dichte in der Schweiz ist im Vergleich zu den USA auch zehnmal kleiner.
Natürlich. Viele Schweizer sehen nicht ein, warum sie twittern sollen. Das wird sich wahrscheinlich auch nicht gross ändern.

Wie nutzen Sie als Netzwerkforscher Facebook und Twitter? Die Plattformen sind im Prinzip riesige Datenschätze. Was können Sie alles aus diesen Netzwerken herauslesen?
Wir können Wahlen und Börsentrends voraussagen. Aber mit Twitter allein klappt das nicht. Für präzise Prognosen brauchen Sie die Weisheit der Massen, die Weisheit der Experten und Weisheit des Schwarms, also inhaltlich Gleichgesinnte, wie wir sie auf Wikipedia sehr oft finden. Mit Wikipedia und Twitter können wir beispielsweise den amerikanischen Goldpreis oder Firmenerfolge ziemlich präzis voraussagen. Die reale Welt hat inzwischen ein gutes Abbild auf solchen Plattformen gefunden.

Sie können tatsächlich Börsenkurse voraussehen?
Bevor Lady Gaga und Justin Bieber zu Twitter-Stars wurden, konnten wir die Börsenentwicklung ziemlich klar voraussagen. Die Korrelation war sehr gut. Wenn wir viele Nachrichten lesen wie «I hope that», geht der Dow Jones nach unten, bei «I fear that» geht er nach oben. Über Hoffnung redet man nur, wenn man sie bereits verloren hat. Aber das hört sich so einfach an. Sie brauchen für verlässliche Prognosen eine Infrastruktur, um 40 bis 60 Millionen Tweets auszuwerten.

Mit einem Twitter-Account ist das also nicht möglich?
Nein. Menschen sind so oder so ganz schlecht, wenn es darum geht, falsche Aussagen zu erkennen. Im Gegenteil: Studien belegen, dass wir auf Lügen schneller und öfter reinfallen als auf wahre Aussagen. Das ist ein Grund, warum viele Firmen im Netz gefälschte Kritiken und Kommentare veröffentlichen. Wir können selten ehrliche Tweets von falschen unterscheiden.

Haben die Versuche, die Massen via Twitter zu manipulieren, zugenommen?
Auf jeden Fall. Es ist unglaublich, wie viele falsche Aussagen zum Goldpreis oder zu Börsenkursen in die Welt gesetzt werden.

Reden wir über den Wert von digitalen Beziehungen. Was sagt die Anzahl Likes auf Facebook aus?
Das Mass der Likes ist ein ganz primitives Mass. Viele Likes bedeuten nicht gleich Einfluss. Das ist ein weitverbreiteter Trugschluss. Wichtiger sind Verhältnisse. Wer eine grosse Gefolgschaft im Netz hat, aber wenigen folgt, der ist in der Regel einflussreich. Barack Obama ist ein gutes Beispiel. Er folgt auf Twitter 100 Leuten, ihm folgen hingegen 10 Millionen. Wir nennen solche Personen Päpste. Sie twittern nur, wenn sie etwas zu sagen haben. Wer wenig twittert und eine grosse Gefolgschaft hat, der hat am meisten Einfluss.

Wie werden Social Media das Leben noch verändern?
Was wir erleben, ist im Prinzip erst der Anfang. Die Richtung geht dahin, dass wir intelligenter werden. Der Durchschnittsbürger wird cleverer, weil wir mit der neuen Technik neu umzugehen wissen. Vor 20 Jahren wusste der Lehrer beispielsweise mehr als die Schüler. Diese wissen dank Smartphones heute allerdings mehr. Die kollektive Intelligenz wird zunehmen. Für meine Kinder sind Social Media bereits integraler Bestandteil. Das wird weitergehen.

Spiegeln soziale Netze unser tägliches Leben wider?
Auf jeden Fall, allerdings ist der Durchdringungsgrad individuell sehr unterschiedlich. Für 15- bis 30-Jährige besteht zwischen Kommunikation mit Kollegen auf Facebook, SMS, Whatsapp und Face to Face kein Unterschied mehr, ein Spontanevent im Kollegenkreis wird in Rekordzeit in der virtuellen Welt organisiert und anschliessend in der realen Welt durchgeführt.

Wie stark verschwimmen die Grenzen zwischen virtueller und analoger Welt?
Die virtuelle Welt ist ein Spiegel der realen Welt, die grössten und erfolgreichsten Firmen und Politiker haben auch die dominanteste Position im Internet. Es geht allerdings auch in die andere Richtung: Justin Bieber, Ashton Kutcher und Lady Gaga haben sich die dominante Position in der realen Welt durch geschicktes Marketing und Kommunikation in der virtuellen Welt erworben.

Welche Welt hat den höheren Stellenwert?
Je nach Branche hat die virtuelle Welt einen höheren Wert als die reale. In der Tourismusindustrie können schlechte Reviews in Tripadvisor oder die Verbannung in die Tiefen der Google-Suchresultate den wirtschaftlichen Ruin bedeuten. Der lokale Quartierbäcker hat hier weniger zu befürchten (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.10.2012, 10:58 Uhr)

Zur Person

Peter A. Gloor ist Dozent an der Sloan School of Management an der Technischen Hochschule in Massachusetts (MIT) in Boston sowie an den Universitäten von Köln und Helsinki. In seiner Forschung untersucht er die sogenannte «Schwarmkreativität»: Danach verhalten sich Gleichgesinnte – zum Beispiel potenzielle Kunden eines Unternehmens – ähnlich wie Schwärme in der Tierwelt. Gloor nennt seine Methode «Coolhunting». Durch die Analyse sozialer Netzwerke kann er diverse Trends voraussagen. Beispielsweise den Goldpreis, Börsenkurse oder Kinoerfolge.

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