Fünf Tricks gegen die Filterblase

Das Internet ist nicht für alle gleich. Ob Suchresultate, Facebook-Meldungen, Leseempfehlungen und bald auch Twitter-Nachrichten, alles wird personalisiert. Es droht die Wohlfühlisolierung.

Techkonzerne bestimmen, was wir zu sehen bekommen. Foto: Oleg Kharseev (Getty Images)

Techkonzerne bestimmen, was wir zu sehen bekommen. Foto: Oleg Kharseev (Getty Images)

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Es ist ein Horroszenario: Internetkonzerne bestimmen darüber, welche Neuigkeiten wir erfahren, und damit, wie wir uns im Alltag verhalten, welche Entscheide wir treffen, mit wem wir befreundet sind, welche Partei wir wählen und welches Joghurt wir uns kaufen. Das Schreckgespenst heisst Algorithmus, ein Programm, so geheim wie das Rezept für Coca-Cola oder Appenzeller Käse. Irgendwo im Hintergrund laufen diese Programme, analysieren uns und beliefern uns mit massgeschneiderten Dienstleistungen.

Was diese Algorithmen aber genau machen und vor allem wie sie funktionieren, ist eines der bestgehüteten Firmengeheimnisse von Google, Facebook und Co. Und bald auch von Twitter? Der Kurznachrichtendienst sorgt aktuell für viel Aufregung mit Gerüchten und Dementi über einen Algorithmus, der künftig individuell bestimmen soll, welche Beiträge noch angezeigt werden und welche nicht. Bis anhin wurden bei Twitter alle Beiträge gleichberechtigt und chronologisch sortiert angezeigt.

Der Algorithmus meint es gut

Bei Facebook ist die individuell zusammengestellte Liste mit Beiträgen längst gang und gäbe. Wer das soziale Netzwerk nutzt, sieht nicht mehr jedes Ferienfoto jedes noch so entfernten Bekannten. Ein Algorithmus sortiert die Freunde und zeigt nur noch das, was uns erfahrungsgemäss interessieren oder gar gefallen wird.

Im Extremfall kann das zu einer sogenannten Filterblase führen. Geprägt wurde der Ausdruck vom amerikanischen Politaktivist und Autor Eli Pariser. In seinem gleichnamigen Buch beschreibt er, wie Algorithmen dazu beitragen, dass Menschen nach und nach nur noch das zu sehen bekommen, was ihnen gefällt, sei dies bei Facebook oder in den Google-Suchresultaten. Denn auch die sind individualisiert. Nur weil ein Artikel in den eigenen Suchresultaten an erster Stelle auftaucht, heisst das nicht, dass jemand anderes den überhaupt angezeigt bekommt. Bei Facebook etwa wird dieses Verfahren häufig als Grund für die zunehmende Extremisierung mancher Nutzerinnen und Nutzer genannt. Die Filterblase bestärkt einen, immer extremere Meinungen zu lesen oder zu vertreten.

Sind wir als Nutzer diesen verhaltensbeeinflussenden Algorithmen also hilflos ausgeliefert? Und müssen uns von Internetkonzernen einmal hierhin und einmal dahin schubsen lassen?

Im Alltag ist das (noch) nicht so dramatisch. Man sehe sich nur die lausig personalisierten Werbungen an, die in den meisten Fällen mehr komisch als treffend sind. Allwissende und alles lenkende Algorithmen sehen anders aus.

Trotzdem reicht es nicht, sich einfach zurückzulehnen. Denn auch wenn die Personalisierung noch in den Kinderschuhen steckt, ist man gut beraten, den einen oder anderen Tipp gegen die ­Filterblase zu beherzigen. Denn wenn man schon heute in einer solchen steckt, ist das zu einem grossen Teil selbst ­verschuldet.

Störenfriede im Auge behalten. Auf Facebook läuft man Gefahr, Personen, mit denen man nicht interagiert, aus den Augen zu verlieren. Bei Twitter ist die Versuchung gross, nur Personen zu folgen, mit denen man einer Meinung ist und ähnliche Interessen hat. Möchte man der Filterblase entgehen, empfiehlt es sich in beiden Fällen, kein zu harmonisches Umfeld zu schaffen. Bei Facebook kann man Freunde, deren Beiträge man zwar nicht mag, die aber einen guten Kontrapunkt darstellen, mit der Funktion «Als Erstes darstellen» prominent im Newsfeed behalten, ohne dass man ihre Beiträge mit «gefällt mir» belohnen muss. Bei Twitter ist es noch einfacher: Folgen Sie Leuten, die in anderen Bereichen tätig sind, die eine andere Meinung vertreten oder die sie einfach nur nervig finden.

Auch mal anonym ins Netz. Je besser man im Internet für die Konzerne erkennbar ist, desto grösser ist das Risiko, in eine Filterblase gesteckt zu werden. Schlagen Sie Konzernen ein Schnippchen, und behalten Sie, so oft es geht, so viele persönliche Daten wie möglich – auch den Geburtstag – für sich. Wer die Personalisierung ohne technische Vorkenntnisse ein bisschen erleben möchte, kann als Experiment bei seinem Browser die Privat-Funktion aktiveren oder einen zweiten Browser nutzen. Unerschrockenen Leserinnen und Lesern sei das Experimentieren mit allerhand Privacy-Plug-ins oder dem Tor-Browser empfohlen.

Unsortierte Dienste nutzen. Je weniger ein Webdienst einem Empfehlungen macht, desto kleiner ist die Gefahr, in eine Filterblase zu geraten. Dabei gewinnen bereits angestaubte Dienste wie Newsletter oder RSS-Reader wieder an Wert. Selbst bei der hochpersonalisierten Google-Suche gibt es die Möglichkeit, die Personalisierung mit ­einem Knopf oben rechts wenigstens teilweise auszuschalten.

Von keinem Konzern abhängig. Bleiben Sie flexibel, und legen Sie nicht alle Eier ins selbe Körbchen. Wer sich in seinem digitalen Alltag zu sehr von einem Konzern umarmen lässt, hat es schwer, davon loszukommen, wenn er eine unliebsame Entscheidung trifft.

Auch mal raus aus dem Netz. Nur weil es auf Twitter alle unglaublich grossartig finden, heisst das noch lange nicht, dass es auch so ist. Nichts holt ­einen schneller aus einer Filterblase als ein Gespräch in der realen Welt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.02.2016, 22:55 Uhr)

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Der Test auf Facebook

Gefällt mir, gefällt mir...

2014 klickte sich der Autor des Techmagazins «Wired» Mat Honan zwei Tage lang durch Facebook und drückte auf jeden Like-Knopf, den er im sozialen Netzwerk finden konnte. Das Ziel seines Experiments war es, herauszufinden, wie sich der angezeigte Inhalt von Facebook verändern würde, wenn er wahllos alles toll fände – selbst Beiträge, die er schrecklich findet. Schon beim vierten Facebook-Beitrag bekam er Gewissensbisse. Sollte er diesen dämlichen Witz wirklich mit einem Like belohnen? Er tat es. Noch schwieriger wurde es, als eine Kollegin ein Foto ihrer kleinen Tochter nach einem Sturz auf dem Trottoir online stellte. Kann man das traurige Foto mit dem aufgeschürften Gesicht liken? Er konnte. Nur einmal waren die Gewissensbisse zu gross. Dann nämlich, als jemand den Tod eines Familienmitglieds auf Facebook kundtat. Da drückte er nicht auf den Like-Knopf. Aber sonst bei jeder Gelegenheit. Alle möglichen Fotos, Beiträge von längst vergessenen Freunden, Zeitungsartikel zu jedem Thema, politische Statements und vor allem Werbung. Ganz viel Werbung.

Schon nach einer Stunde war Facebook nicht mehr wiederzuerkennen. Wo früher noch die Beiträge von Freunden und Bekannten zu sehen waren, gab es plötzlich nur noch Botschaften von Marken und ganz viele Artikel von Verlinkprofis wie der «Huffington Post».

Am Ende des ersten Tages vor dem Schlafengehen drückte Honan noch Like bei einem Israel-freundlichen und Palästinenser-kritischen Artikel. Am nächsten Morgen war sein Newsfeed eine ganze Spur rechtskonservativer geworden. Trotzdem drückte er bei Anti-Immigranten-Seiten genauso auf «Gefällt mir» wie bei republikanischen Hardlinern wie Ted Cruz oder Rick Perry. Erstaunlicherweise rückte sein Feed aber auch weiter ins andere Extrem. So mischten sich Links von liberalen Magazinen mit solchen, die so rechts waren, dass er sich bei jedem Like sorgte, auf eine Warnliste der Polizei zu kommen.

Am zweiten Tag wurde der Newsfeed auch zusehends dümmer. Ein doofes Tanzvideo, ein Quiz; ein Beitrag drehte sich um einen Tänzer von Katy Perry. ­Alles sensationalistischer Blödsinn, wie Honan schrieb.

Das Fass zum Überlaufen brachten schliesslich die Facebook-Freunde des Autors. «Wurdest du gehackt?», fragte einer. Denn der Algorithmus von Facebook beschloss, all die Sachen, die Honan gefielen, auch seinen Freunden zu zeigen. Eine beklagte sich: «70 Prozent meines Feeds sind all der Blödsinn, der dir angeblich gefallen hat.» Nach zwei Tagen beendete Honan das Experiment. Sein Fazit: «I didn’t like it.» (zei)

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