Macht Facebook-Sprache aggressiv?

Trendmedien wie Facebook machen Mädchen aggressiver und rauer. Das behaupten prominente Sprachhüter in England. Jugendforscher sind sich allerdings uneins, woher die Verrohung tatsächlich kommt.

Soziale Medien beeinflussen unsere Art der Kommunikation: Kinder beim Tippen einer SMS. 
Bild: Keystone.

Soziale Medien beeinflussen unsere Art der Kommunikation: Kinder beim Tippen einer SMS. Bild: Keystone.

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Es ist so was wie ein medialer Dauerbrenner: Die Sprache der Teenager wird rauer und ärmer. In England ist in diesen Tagen eine Debatte darüber entbrannt. Wenn es nach der Organisation Plain English Campaign geht, dann sind die Neuen Medien daran schuld, dass die Jugendsprache verkümmert. Als «besorgniserregend» deklariert die Gruppe, die sich in England für die Sprachkultur und Sprachpflege einsetzt, ihren Befund. So ist man der Ansicht, dass die jungen Menschen zunehmend unhöflich und respektlos auftreten. Am Pranger steht das weibliche Geschlecht: Mädchen kommunizieren zunehmend direkter und aggressiver.

Rauer und aggressiver Ton

Wie Marie Clair von Plain English Campaign gegenüber der Tageszeitung «Daily Mail» sagt, habe sich der Sprachstil der Jugend wegen Angeboten wie Facebook und Twitter verändert. Der raue Ton sei aber – und das ist hier zu betonen – nicht beabsichtigt. Der Zwang, schnell zu kommunizieren, lasse es nicht mehr zu, dass die jungen Menschen länger über eine Formulierung nachdenken könnten. Mädchen seien davon stärker betroffen als Jungen.

Diese Beobachtung macht auch Michel Walrave, Professor für Kommunikation an der Universität Antwerpen in Belgien. Walrave hat soeben ein Buch mit dem Titel «eYouth» veröffentlicht. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt Walrave, dass diverse Studien bestätigen, dass Teenager wegen Social Media zunehmend unter Druck gerieten. Sie müssten immer schneller antworten, Status-Updates posten und möglichst oft online sein. Daher seien ihre Kommentare jeweils kurz und knapp. Die Folge: Oftmals wird dieses Verhalten als negativ und aggressiv interpretiert. Das sei auch der Grund, warum die Cybermobbing-Fälle zugenommen hätten.

Dieser Ansicht ist auch der renommierte Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier aus Österreich. «Die Sprache wird tatsächlich direkter und rauer», sagt Heinzlmaier gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet und führt dies ebenfalls auf die schnellen Kommunikationskanäle zurück. «Wir alle sind Opfer der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, besonders aber die Jugendlichen», erklärt der Forscher. Heinzlmaier spricht von einer Kommunikationstrance, in der sich die Jugendlichen befänden, wenn sie neue Medien benutzten. Dieser Trancezustand enthemme sie, was sich in der Sprache manifestiere. Er spricht von einer Verrohung der sprachlichen, aber auch der bildlich-symbolischen Kommunikation, die Medien wie Facebook und Twitter zur Folge haben.

Deborah Cameron, Professorin und Sprachforscherin an der Universität Oxford, will dies nicht generell bestätigen. Sie bringt allerdings noch ein anderes Argument ins Spiel, warum die Sprache der Jugendlichen womöglich aggressiver geworden sei. Sie verweist auf aktuelle Studien aus den USA, die belegen, dass moderne Popsongs von Sängerinnen wie Ke$ha and Britney Spears der Grund dafür seien, dass Mädchenstimmen heute rauer klängen.

Kein Grund zur Sorge in der Schweiz

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Hinterlassen Facebook und Twitter ihre Spuren im Sprachgebrauch der Jugend? Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt Martin Luginbühl, Sprachwissenschaftler vom Deutschen Seminar der Universität Zürich, dass die Frage so pauschal nicht beantwortet werden könne. Jüngste Untersuchungen hätten ergeben, dass Schweizer Jugendliche in der Lage seien, die verschiedenen Medien adäquat in ihrer Kommunikation einzusetzen. So würde die Mehrheit beispielsweise in Briefen oder Mails an Lehrer oder Vorgesetzte den formellen Schreibstil einhalten.

Facebook und Co hätten, soweit bekannt, nicht zu einem Sprachzerfall geführt. Man habe in einer breit angelegten Studie Hunderte von Schüleraufsätzen untersucht. Das Resultat: Es gibt keinen Grund zur Sorge. «Neue Medien haben praktisch keinen Einfluss auf den Schreibstil», sagt Luginbühl. Die Jugendlichen haben ein grosses Repertoire an Schreibstilen und können diese entsprechend der Schreibsituation richtig anwenden. Das gelte auch in der sogenannten Face-to-Face-Kommunikation, also im direkten Gespräch.

Trend zur legeren Sprache

Einzig sei ein Trend zum Informellen zu beobachten. Allerdings reicht dieser bis in die 70er-Jahre zurück. Damals wurde es Mode, erstmals Wörter wie «cool» zu gebrauchen, was in den 60er-Jahren undenkbar gewesen sei. Dass Teenager vermehrt eine informelle Art der Kommunikation pflegten, sei nicht erst durch soziale Medien aufgekommen. Luginbühl will aber nicht ausschliessen, dass Facebook und Twitter diesen Trend verstärkten. Medienkonsum und Entwicklung der Sprache sind voneinander abhängig. «Was den Sprachwandel wirklich auslöst, ist aber schwierig zu sagen», sagt Luginbühl. Zudem verweist der Sprachforscher auf den aktuellen Stand der Forschung. Demnach könne man nicht von einer Jugendsprache und einer Entwicklung sprechen. Kleine Gruppen müssten isoliert betrachtet werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.07.2012, 10:55 Uhr)

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