Weiss Facebook, was die Dritte Welt braucht?

Mit der Initiative Internet.org will eine Koalition um Mark Zuckerberg die Schwellenländer kostenlos mit Internet versorgen. Doch dem Projekt erwächst Widerstand.

Handys sind auch in Entwicklungsländern verbreitet – doch am Internetzugang mangelt es.<br />Foto: Anindito Mukherjee (Reuters)

Handys sind auch in Entwicklungsländern verbreitet – doch am Internetzugang mangelt es.
Foto: Anindito Mukherjee (Reuters)

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Während inzwischen mehr als die Hälfte der Menschheit ein Mobiltelefon besitzt, ist der Zugang zum Internet nach wie vor ein Luxusgut. 60 Prozent der globalen Bevölkerung sind offline. In den Entwicklungsländern sind es sogar 70 Prozent, die nicht am Internet partizipieren können. Das ist vor allem eine Preisfrage: Ein mobiler Datenzugang kostet in Entwicklungsländern im Schnitt etwa zehn Prozent des monatlichen Einkommens und ist somit unerschwinglich. Das hat die Alliance for Affordable Internet ermittelt. Das ist eine Initiative, an der unter anderem Google, Intel, Cisco und Facebook beteiligt sind.

Unter der Federführung von Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich 2013 eine Koalition zusammengetan, die das Ziel verfolgt, das Web wortwörtlich «worldwide» zu öffnen. Zu Internet.org gehören nebst Facebook auch Ericsson, Samsung, Nokia und Qualcomm. Die Unternehmen bieten unter dem Namen Free Basics kostenlos Zugang zu Nachrichten, Gesundheitsinformationen, Job­börsen und Erziehungsinhalten an. Es braucht fast nicht erwähnt zu werden: Natürlich ist auch Facebook selbst Teil dieses Grundangebots. Die Bereitstellung erfolgt in Partnerschaft mit lokalen Mobilfunkanbietern. Inzwischen gibt es die Free Basics in 37 Ländern in Afrika, Fernost und Lateinamerika.

Datensparend und anspruchslos

Kritik erwuchs dem Projekt von Anfang an, weil es nicht das ganze Internet bereitstellt. Die Auswahl ist beschränkt auf einen kleinen, handverlesenen Teil von Sites. Anfänglich hat Facebook das Angebot bestimmt. Doch inzwischen sei es offen für jeden Anbieter, der die Teilnahmebedingungen erfülle, erläutert Chris Daniels, der stellvertretende Chef der Initiative. Die Richtlinien verlangen, dass die Inhalte datensparend angeboten werden müssen. Videos, Bilder und Dateien über 200 KB sind demnach nicht erlaubt. Ausserdem fordert Internet.org, dass die Angebote auch ohne Technologien wie Java Script oder Flash auskommen. Nur so sind sie auch auf schwachbrüstigen Endgeräten anzeigbar. Zur Auslieferung werden die Inhalte auf den Servern von Internet.org zwischengespeichert.

Dieses Auswahlverfahren hat Mark Zuckerberg in einem Facebook-Post mit den Kosten begründet: «Die Mobilfunkanbieter geben Dutzende von Mil­liarden Dollar aus, um den ganzen ­Internetverkehr aufrechtzuerhalten», schrieb er. «Das bedeutet, dass die meisten Dienste ausgeklammert werden müssen, wenn Internet.org finanziell tragbar sein soll.»

Ist ein kleiner Teil des Internets nicht besser als gar kein Internetzugang? Die Vertreter der Netzneutralität widersprechen. Sie verlangen, dass alle Inhalte im Internet gleichberechtigt behandelt werden. Simon Schlauri ist Anwalt für Internetrecht und hält die Initiative von Zuckerberg für problematisch: «Sie führt dazu, dass Markteintritte von anderen Internetanbietern, die die Netzneutralität wahren, erschwert werden. Damit könnte die Entwicklung in den betroffenen Gebieten mittelfristig sogar beeinträchtigt werden.»

«Pseudophilantropisch!»

Noch harscher fällt die Kritik der Erklärung von Bern aus. Mediensprecher Oliver Classen sagt: «In der globalisierten Pharma-, Agro- oder Textilindustrie gehören soziale Doppelstandards längst zum Geschäftsmodell. Die pseudophilanthropische Facebook-Initiative weitet diese infame Logik aufs Netz aus und schafft einen Zweiklassenzugang, der die egalitäre Grundstruktur des Internets korrumpiert.» In einem ausführlichen Antwortkatalog verteidigt Zuckerbergs Initiative die Selektion der Inhalte. Die Mobilfunkanbieter müssten bereit sein, das Gratisangebot zu leisten. Geld fliesse nämlich nicht, und eine Subventionierung wäre gefährlich, weil sie zu Marktverzerrungen führe. Ausserdem sei das Free-Basics-Angebot kein Hemmschuh, der die Leute davon abhalten würde, das komplette Internet kennen zu lernen. Im Gegenteil, so Zuckerberg: «30 Tage nachdem sie zum ersten Mal online gingen, zahlen 50 Prozent der Leute für Daten und greifen aufs Internet ausserhalb von Free Basics zu.»

Also doch eine Werbeaktion für die Telkos und eine Charmeoffensive für Facebook? Nicht unbedingt, denn es gibt auch bereits wieder Aussteiger. So haben Anfang Monat die Behörden in Ägypten den Ausstieg beschlossen, ohne eine Begründung zu liefern. Drei Millionen Nutzer hatten den Dienst verwendet, eine Million habe auf diesem Weg erstmals Kontakt mit dem Internet gehabt, meldete die Nachrichtenagentur AP. Das Nachrichtenportal Heise.de brachte den Ausstieg mit der gleichzeitigen Verhaftung von regierungskritischen Bloggern in Zusammenhang. Das scheint spekulativ. Da der Zugang zu Free Basics jeweils über lokale Anbieter erfolgt, ist es auch den landesüblichen Zensurmechanismen unterworfen.

Auch in Indien ist Internet.org umstritten: Letzte Woche hat die indische Telecomaufsicht scharfe Kritik geübt, weil Facebook die Nutzer aufgefordert hatte, in einem vorgefertigten Schreiben für die Beibehaltung des Free-Basics-Angebots zu lobbyieren. Nutzer von Facebook erklärten, sie seien durch eine trickreiche Benutzeroberfläche dazu gebracht worden, gegen ihren Willen ihre Unterstützung für Free Basics auszudrücken.

In Indien ist das Angebot wegen Netzneutralitätsbedenken seit längerem unter Druck. Ende Jahr hatte die Aufsichtsbehörde vom indischen Telekommunikationsanbieter Reliance verlangt, die Zusammenarbeit mit Facebook zu beenden. Was bei Zuckerberg schlecht ankam: «In Bibliotheken gibt es auch nicht alle Bücher der Welt, trotzdem sind sie eine gute Sache», schrieb Zuckerberg für die «Times of India». Und fragte: «Wie kann man bloss dagegen sein?»

Schlechtes Bauchgefühl

Der Grund für das Misstrauen dürfte ein schlechtes Bauchgefühl sein: Sind Facebooks und Zuckerbergs Engagement wirklich so selbstlos, wie es den Anschein machen soll – oder doch nur der verkappte Versuch, mit Facebook auch die Schwellenländer zu erobern? Internet.org geht in seinem Antwortkatalog auch auf diesen Vorwurf ein, beschränkt sich aber auf den Hinweis, es gebe bei Facebook via Free Basics keine Werbung – und daher auch keinen Umsatz zu ­machen.

Der indische Unternehmer Nikhil Pahwa, Gründer eines Newsportals, fühlt sich jedenfalls bevormundet, so schreibt er in einem Beitrag für die ­«Times of India»: Facebook gebe den ­Armen einen persönliches Blog und die Website einer Immobilienfirma, aber nicht das offene, pluralistische und vielseitige Internet.

Der in Indien einflussreiche Kommentator verweist auf den Anbieter Aircel, der unbeschränkten Internetzugang mit der relativ bescheidenen Geschwindigkeit von 64 kbps anbietet. Und auf die Mozilla-Stiftung mit ihrem werbefinanzierten Angebot. Nikhil Pahwa zitiert den indischen Politiker Naveen Patnaik, der sagt: «Wenn man diktiert, was die Armen erhalten, dann nimmt man ihnen das Recht, zu entscheiden, was ihrer Meinung nach am besten für sie ist.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.01.2016, 18:34 Uhr)

Laufende Initiativen

Internet für Schwellenländer

Project Loon. Googles Muttergesellschaft Alphabet forscht nach der Möglichkeit, abgelegene Gebiete über Ballone in der Stratosphäre mit Datenverbindungen zu erschliessen. Sri Lanka soll als erstes Land dank Google «bezahlbares Breitbandinternet für die ganze Bevölkerung» erhalten.

Outernet. Ein Start-up verbreitet in einer Einwegverbindung ab Satellit ausgewählte Inhalte wie E-Books, Wetterkarten, Nachrichten und Artikel aus Wikipedia auf günstige Empfangsgeräte. Die Inhalte werden von der Community ausgewählt. Outernet deckt inzwischen grosse Teile der Welt mit Ausnahme Grönlands und Teilen Russlands ab.

Wikipedia Zero. Das Ziel dieses Projekts der Wikimedia-Stiftung ist es, in Entwicklungs­ländern durch Zusammenarbeit mit lokalen Mobilfunkanbietern das Onlinelexikon ­kostenlos zur Verfügung zu stellen. Der Start war 2012 in Malaysia. Inzwischen gibt es Wikipedia Zero in 80 Ländern und Gebieten. Ähnlich wie Free Basics steht auch dieses Projekt aus Netzneutralitätsgründen in der Kritik. (schü.)

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