Der Mensch hinter dem Hass

Eine Dokumentation lässt Internettrolle sprechen. Ob das reicht, um sie zu entzaubern?


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Es ist eine Entwicklung, die man auch bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet bemerkt: In den Kommentarzeilen der Website und auf den Social-Media-Kanälen wird der Ton rauer. Ausserdem verstecken sich jene, die unter der Gürtellinie oder jenseits des guten Geschmacks kommentieren, immer seltener hinter Pseudonymen. Das, was sie sagen, ist nicht zuletzt auch wegen des politischen Klimas im Westen wieder salonfähig geworden.

Die Dokumentation «The Internet Warriors», die Internetkrieger, des norwegischen Fotografen Kyrre Lien besucht diese sogenannten Trolle bei sich zu Hause und lässt sie sprechen. Männer und Frauen, junge und alte, verschiedener Bildungsschichten, aus Europa, den USA und dem Libanon kommen zu Wort. Was sie eint: Sie verabscheuen jemanden oder etwas so sehr, dass sie sich darüber äussern müssen. Meist in einem Ton, der über das hinausgeht, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt. Manchmal so, dass es in einigen Ländern justiziabel wäre. Was sie ebenfalls gemeinsam haben: Sie wähnen sich im Recht. Und treten deshalb so offensiv auf.

Die Ziele ihrer Ablehnung sind bekannt: Ausländer, Muslime, Juden, Homosexuelle, Journalisten. Dahinter lassen sich Einstellungsmuster erahnen, irgendwo zwischen wertkonservativ und rassistisch oder wahnhaft-verschwörerisch. Doch es gibt auch andere Stimmen: der 24-jährige Imaad, Flüchtling aus Syrien, gestrandet in Beirut. Er vertritt den regionaltypischen Antiamerikanismus, wenn er sagt, dass nichts Gutes von den Amerikanern zu erwarten sei.

Und spätestens hier tappt man als Zuschauer in die Klischeefalle – oder ist es Filmemacher Lien selbst, der allzu stereotypen Bildern verfällt? Der Islamhasser Robert hat sein Haus mit einer grossen England-Fahne bemalt, der Muslim aus Nahost verabscheut die USA, der Trump-Fan Nick ist ein Redneck wie er im Buche steht, der vor seinen Kindern flucht, Alexandra aus St. Petersburg hat etwas gegen Schwule.

Sind alle Trolle im Netz so? Wandelnde Klischees, die unsere Bilder von den Zu-kurz-Gekommenen erfüllen, die aufgrund ihrer eigenen Benachteiligung nach unten treten, gegen alle, die noch randständiger sind als sie? Lien wählt für seine Dokumentation die purste Form: Er lässt alle Filmsequenzen unkommentiert. Und trägt somit natürlich auch nicht zur Auflösung bei.

Doch hier und da zeigen sich auch Brüche: Robert hasst zwar alle Muslime (und die EU, und die britische Regierung), hat aber seine Frau – auf legalem Weg und für viel Geld, wie er betont – ins Land geholt. Sie bringt ihm und dem Kameramann Kaffee, er schenkt ihr ein Lächeln. Roger aus London kämpft gegen die Vermischung von verschiedenen Rassen, will aber kein Rassist sein. Er kümmert sich – selbst nicht mehr der Jüngste – um seine Mutter, grüsst seine Nachbarn freundlich und hat ein inniges Verhältnis zu Mamas Hund.

Sina kämpft gegen die angebliche Islamisierung Norwegens und würde ihr Leben für ihre Katze geben. Sie liebt ihren Ehemann, der Ausländer ist und dem ihre Radikalität nicht ganz angenehm ist. Die Muslimin Sofia wehrt sich gegen ein vorgeschlagenes Verhüllungsverbot, und man fragt sich als liberaler Betrachter: Ist das Verteidigen liberaler Werte schon Trolling? Und wenn die Dänin Dorthe kommentiert, dass der Veganismus der Weg sei, um den Klimawandel zu verhindern, ahnt man, dass die Grenze zwischen Aktivismus und dem Trollen leicht verwischt.

Dabei erstaunt immer wieder die Selbstreflexion, die allerdings in vielen Fällen mit Borniertheit kollidiert: «Ich bin halt so», heisst es dann oft halbherzig entschuldigend, das Anliegen sei wichtiger, als gemocht zu werden. Und Ashleigh aus Wales, die Lady Gaga eine Schlampe nennt, ist der Meinung, dass Onlinekommentare doch niemanden verletzen würden. Die Dünnhäutigen sind selbst schuld. Einzig Kjell Frode aus Norwegen zeigt Einsicht, mit der man fast nicht mehr gerechnet hätte.

Deutlich wird im Film gezeigt: Diejenigen, die Hasskommentare schreiben, sind auch nur Menschen. Manchmal sogar mit nachvollziehbaren Motivationen. Aber immer auch mit nicht haltbaren Vorurteilen. Robert ist verständlicherweise sauer, dass er drei- bis viertausend Pfund zahlen musste, um seine Ehefrau zu sich zu holen – und dass sie nach einem halben Jahr Aufenthalt das Land verlassen muss. Seinen Hass auf Muslime erklärt das nicht.

So skizziert «The Internet Warriors», das über drei Jahre entstanden und als Kurzdoku (s. oben), Webprojekt und Buch erschienen ist, mehr, als dass es Antworten und Erklärungen liefert. Nachdenklich stimmt es allemal. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2017, 15:58 Uhr

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