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«So wie ich jetzt aussehe, hätte ich damals nicht spielen dürfen»

Interview: Christof Kneer, Philipp Selldorf, Danzig. Aktualisiert am 26.06.2012 2 Kommentare

Sami Khedira erklärt seinen Wandel zum unbestrittenen Führungsspieler der deutschen Mannschaft.

Unverkennbar mit Stirnband, fliegenden Haaren und Dynamik: Sami Khedira.

Unverkennbar mit Stirnband, fliegenden Haaren und Dynamik: Sami Khedira.
Bild: Reuters

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Schmeicheln Ihnen die positiven Kritiken hier bei der EM?
Natürlich freut es mich, aber für mein Ego brauche ich das nicht.

Kommen Sie, ein bisschen eitel sind Sie doch bestimmt auch.
Ich kenne meine Spielweise, und da muss ich nicht der grosse öffentliche Liebling sein. Wichtig ist, was die Trainer denken – und da habe ich eigentlich immer positive Rückmeldungen erhalten, bei der Nationalmannschaft, bei Real Madrid und auch früher beim VfB Stuttgart.

Der Bundestrainer sagt, Sie seien auch 2010 wichtig gewesen, aber jetzt seien Sie eine zentrale Führungsfigur. Was ist passiert in diesen zwei Jahren?
Wenn ich heute Szenen von der WM 2010 sehe, denke ich manchmal: Was läufst du denn da vorne rein, da ist doch gar kein Platz! Wenn man dann mit José Mourinho und Jogi Löw arbeitet, dann entwickelt man sich einfach weiter und weiss irgendwann: Diese Situation hatte ich schon tausend Mal, da kann ich kein Tor erzielen, also bleib ich lieber hinten und spiel den einfachen Pass. Das ist genau die Entwicklung, die ich erhofft habe, deshalb ging ich zu Real. Ich kannte die Champions League aus Stuttgart, aber eben nur die Gruppenphase. Da spielt man dann gegen Bukarest . . .

. . . genau genommen gegen Unirea Urziceni . . .
. . . stimmt, so hiess die rumänische Mannschaft damals, aber das hat eben nicht das Niveau eines WM-Viertelfinals. Diese Qualität war komplett neu für mich. Auf dieses Niveau wollte ich kommen, und das ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen. Wenn man zwei Jahre lang täglich mit den besten Spielern der Welt trainiert, wird man automatisch auch ein besserer Spieler. Denn wenn du bei Real Madrid mit 95 oder 98 Prozent trainierst, kommt sofort ein anderer und nimmt dir deinen Platz weg.

Inzwischen sind Sie so weit, dass Sie sogar den angeschlagenen Nebenmann Bastian Schweinsteiger durchs Turnier schleppen können.
Ich muss Bastian nicht durchschleppen, das kann man so auf keinen Fall sagen. Bastian ist mit sich selbst im Moment nicht zufrieden, das ist klar, aber er ist so erfahren und so gut, dass er uns auf jeden Fall weiterhilft. Seine Körpersprache, seine Mentalität, da muss ihm keiner helfen. Es geht eher um Spieler wie Reus, Schürrle oder Götze, die haben eine Wahnsinnsqualität, aber auf diesem Niveau noch nicht die Erfahrung. Sie kommen noch ins Grübeln, wenn die Griechen im Viertelfinal plötzlich das 1:1 schiessen, und dann braucht es eben Spieler, die schon ein Gespür für so eine Situation haben.

Spieler wie Sami Khedira.
Ich wusste: Es wird nichts passieren. Wir stehen kompakt, wir haben einen einzigen Fehler gemacht, aber wenn wir nicht an uns zweifeln und das Tempo hochhalten, dann werden wir noch unsere Tore schiessen. Dieses Gefühl muss ich keinem Schweinsteiger vermitteln, er hat das selbst. Aber Spieler wie Reus oder Schürrle brauchen diese Hilfe noch. Wenn sie dieses Gefühl haben, dann kommt ihre Qualität richtig zum Tragen. Was Marco Reus spielte, war ja fast Weltklasse. André Schürrle sah ich auch sehr stark.

Sie selbst sind erst 25, aber wenn man in Ihre Personalakte schaut, sieht man lauter Titel. Es begann mit einem, Moment, wir haben es aufgeschrieben . . .
. . . B-Jugend-Titel mit dem VfB Stuttgart, 2:1 gegen Cottbus.

Torschütze zum 1:0: Khedira.
Ich weiss noch, wie ich das Tor erzielte, ein direkter Freistoss.

Haben Sie solche Szenen noch dreidimensional vor Augen?
Prägende Momente vergisst man nie, sie geben Sicherheit.

Inwiefern Sicherheit?
Wenn man ganz früh in seiner Karriere schon anfängt, wichtige Tore zu erzielen, dann bekommt man eine Art Grundvertrauen in sich selbst. Man weiss: Ich kann das, ich bin da, wenn es ernst wird. Und mit diesem Glauben an sich selbst ist man dann auch fähig, so etwas immer wieder zu wiederholen.

Wie 2007, als Sie den VfB am letzten Spieltag zur Meisterschaft geköpfelt haben, wieder gegen Cottbus.
Auch wenn es sich blöd anhört: In so einem Moment ist es egal, ob man im WM-Halbfinale spielt oder im B-Jugend-Finale. Es ist ein anderes Level, aber eine ähnliche Situation. Man traut sich so etwas zu, weil man weiss, dass man es schon einmal geschafft hat.

Horst Hrubesch, Ihr ehemaliger Trainer bei der U-21, sagt, dass die U-21-Europameisterschaft im Sommer 2009 für Ihre Karriere sehr entscheidend gewesen sei. Sie waren Captain der Mannschaft, die den Titel gewann.
Es war ja so, dass Horst Hrubesch die Mannschaft erst kurz vor dem Turnier von Dieter Eilts übernommen hatte. Bis dahin hatten wir unterschiedliche Captains, es gab keine grosse Ordnung in der Mannschaft. Und dann kam Horst Hrubesch zu mir und sagte: «Sami, du bist mein Captain, du hast noch Neuer, Boateng und Höwedes an der Seite, und ihr führt jetzt die Mannschaft. Ich, Hrubesch, führe die Mannschaft nicht, ihr macht das. Ich, Hrubesch, schaue, dass die schwierigen Typen, die Chaoten mit ins Team kommen, aber ihr führt die.»

Die Chaoten?
Ja, liebevoll gemeint natürlich, das war die Fraktion Dejagah/Ebert, alles feine Menschen, aber halt Jungs, die manchmal schwierig sein können. Ja, dann stehst du da, bist 21 Jahre alt, bist plötzlich Captain und denkst: Wie mache ich das denn jetzt?

Und? Wie machten Sie es?
Ich überlegte mir, wie ich die Jungs am besten ins Boot holen kann. Ich rief sie vor dem Turnier alle zusammen, ohne das Trainerteam, und hielt eine Rede. Ich sagte: «Ich opfere mich für euch, ich haue mich rein, so gut ich kann, aber ich möchte, dass alle den Weg mitgehen.» Am Ende zogen alle mit, und ich glaube nicht, dass wir sonst Europameister geworden wären. Horst Hrubesch machte das nachträglich gesehen super, er übertrug uns eine Verantwortung, die uns damals fast untragbar erschien.

Sie waren aber nicht von Anfang an akzeptiert.
Am Anfang wurde schon noch gelacht, wenn ich eine Ansage machte. Das ist vielleicht auch normal, wenn einer plötzlich den Führungsspieler gibt. Aber im Laufe des Turniers merkte ich schon, wie die Akzeptanz steigt. Wenn ich Offensivspielern wie Özil oder Dejagah Kommandos gab, sagten sie nicht: Was willst du eigentlich, lass mich in Ruhe! Sie kamen mit zurück, sie gingen die geforderten Wege.

Das muss ein entscheidender Moment für Sie gewesen sein.
Das war eine Riesenbestätigung für mich. Ich ging aus dem Turnier raus und dachte: Mensch, du kannst ja eine Mannschaft führen, sogar eine schwierige Mannschaft. Das ist ein erstes Zeichen für mich gewesen, ich habe gedacht: Du kannst vielleicht einmal ein wichtiger Spieler in einer ganz grossen Mannschaft werden.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sagt sinngemäss, man habe Sie deshalb so früh in die Verantwortung gezwungen, weil man dieses Gen aktivieren musste, das Sie in sich tragen.
Verlieren konnte ich noch nie, auch nicht als Kind, weder beim Mensch-ärgere-dich-nicht noch beim Fussball. Wenn wir da einmal ein Spiel verloren hatten, war ich der Erste, der in der Ecke sass und weinte. Ich glaube schon, dass ich so eine Art Siegeswillen in mir habe, ich kann da wahrscheinlich nicht viel dafür, diese Eigenschaft steckt einfach in mir.

Und Hrubesch und Sammer haben sie geschärft?
Man darf die Ausbildung beim VfB nicht vergessen. Da wird sehr auf diese Tugenden geachtet: Disziplin, Respekt, Höflichkeit. Als Jugendlicher findet man manches übertrieben.

Stimmt es, dass man keine langen Haare haben durfte?
Keine Ohrringe, keine Kapuze, keine langen Haare, kein Stirnband. So wie ich jetzt aussehe, hätte ich damals nicht spielen dürfen. Man mag das belächeln, aber irgendwann versteht man den Sinn dahinter: Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nicht die bunten Schuhe spielen, nicht das Stirnband spielt – der Spieler spielt. Und es wurde uns ständig eingetrichtert: «Immer schön tiefstapeln, nie den Star raushängen, sagt nicht, dass ihr die Besten seid – zeigt es!» Das habe ich früh gelernt, das hat mich geprägt.

Ihr Bruder Rani ist 18 und beim VfB schon in die zweite Mannschaft befördert worden. Er hat kurze Haare.
Ja, aber inzwischen dürfte er dort auch lange Haare haben. Aber die kurzen Haare gefallen ihm besser.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2012, 14:44 Uhr

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2 Kommentare

Marc Bärtschi

26.06.2012, 15:19 Uhr
Melden 99 Empfehlung 0

Tolles Interview. Das sind die Einblicke, die man als Fussball-Fan gerne von einem Spieler erhält. Da kann sich mancher Sportreporter eine Scheibe abschneiden. Antworten


Thomas Tanner

27.06.2012, 07:29 Uhr
Melden 8 Empfehlung 0

Das Interview ist 1. Klasse! Den Satz von Sami, dass man automatisch besser werde, wenn man in einer grossen Mannschaft trainiere und spiele mögen sich alle diejenigen zur Brust nehmen, die jeweils laut aufheulen, wenn ein FC-B-Spieler ins Ausland wechselt. Selbst wenn's dann mal einer nicht geschaft hat, und reumütig zurückkommen muss, hat's eben nicht gereicht aber man hat's wenigstens versucht. Antworten



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