Zürich Zombietown –
der Sommer 1991

Alltag in der offenen Drogenszene: Eine Frau lässt sich das Heroin in den Hals spritzen.

Niemand hätte es für möglich gehalten, was sich Mitte 1991 im Zentrum der reichsten Stadt der Welt abspielte: Eine riesige Drogenszene entstand – in den umliegenden Quartieren patrouillierte bald die Bürgerwehr. Aber das war erst der Anfang.

Das Blut musste die Ratte in jener warmen Sommernacht 1991 angelockt haben. Als Stammgast auf dem Platzspitz konnte Alain nicht mehr vieles erschrecken, aber das Grauen dieser Szene drang sogar durch seinen Heroinrausch. Das Tier war gross wie eine kleine Katze und machte sich offenbar über den Junkie her, der zusammengesunken an einem Baum lag, flussabwärts vom Rondell im Dunkeln. Normalerweise frassen die Ratten vom Platzspitz herumliegenden Kot, aber Blut schmeckte ihnen besser. Alain ging zu dem Mann hin, aber das Tier liess sich nicht abschrecken. Es steckte mit der Nase und den Nagezähnen bereits in der Armbeuge direkt unter der Nadel im Fleisch.

Alain versetzte der Ratte einen Tritt. Erst da liess sie vom Mann ab. Dann beugte er sich über den Bewusstlosen, kontrollierte Atem und Puls und versuchte ihn mit ein paar Ohrfeigen zu wecken. Erfolglos. Im Gebüsch hörte er die Ratte rascheln. Schliesslich zerrte er den Mann nach vorn in den Lichtkreis des Rondells, in der Hoffnung, die Ratte würde sich nicht zwischen die Menschen vorwagen. Dann ging er seinen Geschäften nach.

Zürich 1991 – eine der reichsten Städte der Welt. Man legt Wert auf Sitte und Ordnung. Glaceverkäufer am Bellevue können keinen Sonnenschutz an ihrem Stand montieren, ohne dass die Polizei aufkreuzt und die Baubewilligung prüft. Doch auf dem Platzspitz, wo früher das vornehme Zürich lustwandelte, wird das Gesetz stündlich hundertfach gebrochen. Täglich tummeln sich hier zwischen 3000 und 5000 Leute. Sie fixen, sie hängen herum, verschieben Geld und Drogen. In den Büschen zwischen Landesmuseum und Sihl verkaufen verwahrloste Mädchen ihren Körper für ein Taschengeld. Hinter improvisierten Marktständen aus Bananenschachteln, Gemüseharassen oder Einkaufswagen stehen die sogenannten Filterlifixer, die neue Spritzen, Löffel, Ascorbinsäure feilbieten. Als Gegenleistung bekommen sie die Restdrogen aus den Zigarettenfiltern, durch die man den Heroinsud aufzieht. Dazwischen rennen Ärzte herum, reanimieren Zusammengebrochene und verteilen Venensalben. Schlachtfelder nennen Kenner die eiternden Geschwüre, die viele Süchtige entstellen. Wobei man gnädig übersieht, dass die ganze Szenerie tatsächlich an ein Schlachtfeld erinnert, wie ein Polizeibeamter sich erinnert, der damals täglich auf dem Platzspitz war: «Menschen lagen in ihrem eigenen Blut und Kot wie Gefallene. Wer noch gehen konnte, stieg einfach über sie hinweg.» Niemand, der das mit ansah, konnte das bis heute vergessen. Weder den Anblick noch den Gestank nach Fäulnis und Erbrochenem.

In der Rückschau stellen sich viele Fragen: Warum konnte es so weit kommen, dass die Regierung so etwas zuliess? Was sind die politischen Hintergründe dieser Katastrophe mitten im Herzen der wichtigsten Schweizer Stadt, was sagt sie über die damals herrschende Weltanschauung aus? Warum liess man zu, dass so viele kranke und verstörte Menschen sich öffentlich zugrunde richteten? Dass harte Drogen die ganze Stadtbevölkerung in Geiselhaft nahmen? Und: Was verrät diese Geschichte über Zürich?

Der StadtpräsidentJosef Estermann

«Ich stand unter grossem Druck»

1990 trat Josef Estermann, heute 66, die erste seiner drei Amtsperioden als Zürcher Stadtpräsident an. Von seinem Vorgänger erbte er die grösste offene Drogenszene Europas. Sein Verdienst war es, dass die Stadt bei der Lösung des Drogenproblems von Kanton und Bund unterstützt wurde. Die Zerschlagung der Drogenszene am Letten gelang dank begleitenden Massnahmen, die eine Betreuung der Süchtigen sicherstellten.

Die SüchtigeUrsula Brunner

«Es war ein ewiges Gehetze»

Ursula Brunner, ehemalige Drogenabhängige, heute 47 Jahre alt, begann mit 17 Heroin zu spritzen. Bereits mit 14 schluckte sie Amphetamine. Sie war 1994 Protagonistin im Dokumentarfilm «Bericht von der Drogenfront» von Felix Karrer. Seit sieben Jahren nimmt Ursula Brunner keine harten Drogen mehr. Heute pflegt sie ihre an Demenz erkrankte Mutter.

Zürich unter Drogeneinfluss – die Bilder des Elends und der Ohnmacht.

  • High an der sogenannten Riviera: Die erste offene Drogenszene Zürichs befand sich vor dem heutigen Restaurant Terrasse am oberen Ende des Limmatquais (Bild aus dem Jahr 1980). (Bild: Keystone)

  • Ein gebrauchtes «Eisen»: Eine bereits benützte Spritzte kostete in den Achtzigerjahren auf dem Schwarzmarkt rund zehn Franken; eine neue um die 50 Franken. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Sogwirkung: Jahr für Jahr kamen mehr Süchtige nach Zürich auf die offene Drogenszene am Platzspitz (Bild aus dem Jahr 1990). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Offene Konfrontation: Nach einer Kontrolle auf dem Platzspitz kommt es im Mai 1988 zu Ausschreitungen. (Bild: Keystone)

  • Drogenpolitische Kehrtwende: Die linksgrüne Stadtregierung schliesst am 13. Januar 1992 erstmals den Platzspitz während der Nacht. (Bild: Keystone)

  • Das Desaster: Nach der Platzspitzschliessung 1992 verschob sich die Drogenszene in den Kreis 5 und formierte sich neu zum Beispiel im Klingenpark beim Museum für Gestaltung. (Bild: Keystone)

  • Dicht gedrängt: Süchtige und Dealer im Sommer 1993 am Lettensteg. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Hinter Gittern: Mit Sperren versuchte die Polizei, die Drogenszene vom Letten fernzuhalten (Bild vom Juni 1993). (Bild: Dominic Büttner/Pixsil)

  • Einsatz im Katastrophengebiet: Mehrmals täglich fuhr die Ambulanz am Letten vor, um zusammengebrochene Fixer zu versorgen, so wie auf diesem Bild aus dem Sommer 1993. (Bild: Dominic Büttner/Pixsil)

  • Neue Dealerstrukturen: Auf dem Letten übernahmen vornehmlich ausländische Clans den Drogenhandel. (Bild: Marta Nascimento/Laif)

  • Zwei Welten: Vorne Besucher der Badi Lettensteg, hinten die offene Drogenszene im Sommer 1993. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Vergebliche Mühe: Christliche Missionare stiessen bei den Junkies auf wenig Gegenliebe (Bild aus dem Jahr 1993). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Auf verlorenem Posten: Die Polizei hatte kaum eine juristische Handhabe, um gegen Junkies und Dealer vorzugehen (Bild aus dem Jahr 1994). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Unter der Brücke: Zahlreiche Junkies hatten weder Wohnung noch Arbeit – sie lebten auf dem Letten (Bild aus dem Jahr 1994). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • «Wenn du ein 200-Franken-Flash hast, dann willst du es auch geniessen»: Junkie am Letten, 1994. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Ein ewiges Ritual: Kaum war eine Razzia vorbei, ging der Deal am Letten weiter – als ob nichts gewesen wäre (Bild vom August 1994). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Die Illusion von Freiheit und Revolte: Junkie am Letten 1994. (Bild: Ullstein Bild)

  • Tonnen von Abfall, ein Leben im Dreck: Der Letten im August 1994. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Keine Macht gegen die Drogen: Ein Polizist kontrolliert im August 1994 einen Junkie am Letten. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Der Horror Aids: Spritzen in einer offiziellen Abgabestelle (Bild August 1994). (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

  • Kurz vor der Räumung: Der Letten am 2. Februar 1995. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Die Originaldokumente

Der Tages-Anzeiger sichtete unzählige Protokolle und Papiere aus dem Stadtrat zum Thema. Unter unterstehenden Link können diese heruntergeladen werden.

Originaldokumente als Faksimile

Vertrauliches Schreiben von Emilie Lieberherr vom 2. März 1992 an den Stadtrat: Die Platzspitzschliessung überlastet die sozialen Einrichtungen.

Als Polizei und die bürgerliche Stadtregierung 1986 zuliessen, dass die stetig wachsende Drogenszene sich auf dem Platzspitz einrichtete, konnte sich niemand vorstellen, welches Monster hier entstand. Das zeigen nie zuvor veröffentlichte Dokumente aus diesen Jahren, die die politischen Hintergründe dieser Katastrophe abbilden. Sie belegen auch, dass niemand ahnte, wie sehr das soziale Experiment ausser Kontrolle geraten würde. Aber im Sommer 1991 zeigte sich der Horror wie nie zuvor.

Es gab ein Drinnen und ein Draussen. Die Welt draussen war die Welt der Stadtbewohner, die den täglich surrealer anmutenden Zuständen immer fassungsloser begegneten. Einer von ihnen war Jacky, damals Geschichtsstudent an der Uni Zürich, wohnhaft im Kreis 5 in der Nähe der Langstrasse. In der WG nannte man sie Zombiemeile – weil sich dort immer wieder Szenen ereigneten wie jene, an die er sich heute noch schaudernd erinnert. Eines Morgens beobachtete er an der Ecke Langstrasse/Zollstrasse eine Frau. Auf allen vieren kroch sie die Strasse hinunter, die Haare am Boden und der Rock über den blanken Hintern hochgerutscht. Unterwäsche trug sie keine.

Draussen waren auch die Politiker, die punktuell Einzelmassnahmen anordneten – hier eine Razzia, dort eine neue Anlaufstelle. Doch es gelang ihnen nicht, die Szene einzudämmen, bis es 1990 zum Regierungswechsel kam. Erstmals wurde die Stadt von einer rotgrünen Mehrheit regiert, neu gewählt wurden unter anderem Robert Neukomm und Josef Estermann. Die Regierung erbte vor allem politische Brandherde. Etwa die offene Drogenszene.

Bisher war vor allem klar, dass dieses Problem komplex und delikat war und dass die Departemente sich mit ihren im Alleingang angeordneten Einzelmassnahmen oft gegenseitig ins Gehege trampelten. Josef Estermann drängte deshalb darauf, die Sachlage gründlich und gesamthaft zu analysieren. Was heute selbstverständlich wäre, kam damals einer Revolution gleich: Man gründete eine Projektgruppe. Exponenten aus Polizei, Sozial-, Gesundheits- und Wirtschafts- sowie des Bauamts sollten einen «Gesamteindruck der Drogenproblematik» und einen Massnahmenplan für die Beseitigung der offenen Drogenszene erarbeiten. Im November 1991 traf sich diese Drogendelegation mit dem Namen «Projektorganisation offene Drogenszene Zürich» zu ihrer ersten Sitzung.

Die Welt drinnen war jene von Alain. Wenn er windgeschützt hinter dem Platzspitzdenkmal sass und Heroin von seinen dünn getriebenen Messingplättchen aus Bali rauchte, fühlte er sich in diesem nach dem Gesetz der Drogen funktionierenden Kosmos zu Hause. Er hätte auch gefixt wie die anderen in seiner Clique, aber der Anblick seines eigenen Blutes liess ihm die Sinne schwinden. Selbst hier versagte er wie sonst auch. Dank der Droge war ihm dieses Versagen egal. Heroin war die Antwort, seine Prätorianergarde gegen jegliche Form von Druck, den er auf sich lasten fühlte: der Vater ein erfolgreicher Unternehmer, der die Familie mit Geld dafür entschädigte, dass er sie verlassen hatte. Die Mutter mit Alkohol und Psychosen beschäftigt, aber voller Hoffnungen für den Lieblingssohn. Alain selber in einem guten Job, bei dem die Kollegen sich schon morgens mit Alkohol und Kokain stärkten. Er sah sich selber eher als melancholischen Künstler. Wenn er den Rauch tief einsaugte, löste sich mit den Rändern des Universums auch die Welt jenseits vom Platzspitz auf, von der er glaubte, nicht hineinzupassen.

Chronik

Anfang der Siebzigerjahre taucht erstmals Heroin in Zürich auf. 1972 gibt es ein erstes Todesopfer im Zusammenhang mit Drogen. 1974 taucht erstmals Kokain in der Polizeistatistik auf. 1975 revidiert der Bund das Betäubungsmittelgesetz und stellt Drogenhandel und -konsum unter Strafe. Erstmals werden die Drogentoten in einer landesweiten Statistik erfasst – es sind 35. 1976 wird die Betäubungsmittel-Gruppe der Stadtpolizei von 3 auf 15 Personen aufgestockt. Im August 1980 wird das AJZ gegründet, die Drogenszene massiert sich. Im März 1982 wird das AJZ abgebrochen, das Sozialamt übernimmt Suchtprävention und Jugendberatung. Im Oktober 1982 Gründung der Wache Betäubungsmittel bei der Kriminalpolizei der Stadtpolizei. Im Dezember 1982 Gründung des Vereins Drogenentzug.

Repression: Die Polizei jagt die Drogenszene durch Zürich: Riviera, Utoquai Hirschenplatz, Bellevue-Rondell, Seepromenade. Trotz Repression wächst die Szene auf geschätzte 4000 Heroinkonsumenten. Ab 1986 etabliert sich die offene Drogenszene auf dem Platzspitz. Kokain wird aktuell, erste Aidsfälle tauchen auf. HIV-Epidemie unter den Süchtigen. 1986 wird das Spritzenabgabeverbot des Kantons aufgehoben und die Methadonabgabe erleichtert. (Quelle Luftbild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz)

1987 beschliesst der Stadtrat Massnahmen zur Drogenhilfe in der Stadt Zürich: Darunter fallen Kontakt- und Anlaufstellen, städtische Methadonprogramme, Krankenzimmer für Obdachlose, Notschlafstellen, Gassenküche, Arbeitsangebot. Zur sogenannten Dreisäulenpolitik mit Therapie, Repression und Prävention kommt Überlebenshilfe dazu.

1988 Jede zweite Frau und jeder dritte Mann in der Zürcher Drogenszene ist HIV-positiv. Aussprache zwischen Emilie Lieberherr mit Vertretern von fast 60 Gemeinden, um diese zu Hilfseinrichtungen für ihre Drogenabhängigen dezentral zu motivieren.

1989 Ab 1989 installiert sich Zipp-Aids auf dem Platzspitz für Spritzenabgabe und erste medizinische Hilfe. Studie der eidg. Betäubungsmittelkommission verlangt Entkriminalisierung der Konsumierenden.

1990 Der Stadtrat verabschiedet zehn drogenpolitische Grundsätze. Das Zürcher Stimmvolk sagt Ja zu weiterer Sozialhilfe für die Süchtigen und Nein zu Fixerräumen.

1991 Der Stadtrat beauftragt den Drogenstab (Chefbeamte des Polizei-, Sozial-, Gesundheits-, Wirtschafts- und Bauamts 1) bis Oktober 1991 einen Massnahmekatalog betr. Drogenszene zu erarbeiten. 30.10. Der Stadtrat verabschiedet überarbeitete drogenpolitische Grundsätze und drückt seinen Willen aus, die offene Drogenszene Platzspitz oder andere offene Drogenszenen spätestens ab Sommer 1992 nicht mehr zu dulden. 12.11. der Stadtrat genehmigt Projektorganisation offene Drogenszene Zürich (PODZ). 25.11. Erste Arbeitssitzung PODZ

1992 Am 13.1. erfolgt die Nachtschliessung von Platzspitz und Shop-Ville. Ausschluss aller auswärtiger Drogenabhängigen von Zürcher Einrichtungen. 5.2. Der Platzspitz wird vergitttert und geschlossen.

1992 Am 13.5. bewilligt der Bund versuchsweise die ärztlich kontrollierte Abgabe von Heroin. 25.5. erhöhte Repression auf die Szene, um dem Kreis 5 wieder Luft zu verschaffen. Kampf in der Händlerszene um den Drogenhandels- und Marktplatz Zürich mit aggressiven Preis- und Mengenstrategien: Der Grammpreis für Heroin sinkt von 400 auf 100 Franken. Ab Herbst 1992: Offene Drogenszene auf dem Lettenareal.

1993 Am 21.4. Aussprache der kt. und städt. Drogendelegation betr. Einsetzung einer AG Stadt-Kanton unter Leitung des Polizeidirektors. Mitte 1993: Stundenweise Wiedereröffnung des Platzspitzareals. Juli 1993: Mitarbeit der Kapo in der offenen Szene in zugewiesenen Quartierteilen, Mitarbeit des Verkehrsdienstes für mehr Präsenz in den an die Drogenszene angrenzenden Gebiete. Der Grammpreis für Heroin pendelt zwischen 50 und 100 Franken. 17.11. Bundesrätin Dreifuss besucht den Letten, inkognito.

1994 Im Januar: Beginn der Projekte ärztlich kontrollierte Drogenabgabe. 21.2. Besuch Bundesrat Koller im Kreis 5. 22.7. Einwilligung des RR zur Bildung einer Arbeitsgruppe Kanton-Stadt zur Auflösung der offenen Drogenszene Letten. 13. und 14.8. Eskalation in der offenen Szene Letten. August 1994: Die Stadt reinigt erstmals das Lettenareal von zehn Tonnen Abfall. September 1994: Einsetzung der übergeordneten Projektorganisation aktuelle Drogenprobleme (Bund Kanton Stadt). Oktober 1994: Forderungsklage der Migros und Arc Hotel wegen Drogenszene. 1.11.: Inbetriebnahme Notgefängnis Waid.

1995 Januar: Forderungsklage Holzreuter für Geschäfte am Limmatplatz 15.2. Schliessung der offenen Drogenszene Letten.

«Züri brännt und stinkt» hatte jemand an einen Bauzaun am Landesmuseum geschrieben. Wie es stank, daran erinnert sich Andres Oehler noch heute. Damals war er Informationsbeauftragter der Drogendelegation, heute ist er Stabschef im Hochbaudepartement. «Jahrelang hatte ich den Geruch in der Nase, sobald ich unter der Unterführung vom Kreis 4 in den Kreis 5 ging. Auch nachdem die Szene aufgelöst worden war. Die hatten Durchfall, waren krank, und wenn es regnete, stank es bestialisch, ein Geruch nach Fäulnis und Erbrochenem.» Oehler gehörte zur Truppe derer, die sich an der Front einen Eindruck von der Dimension des Problems zu verschaffen versuchten.

Um die Ausbreitung von Aids einzudämmen, verteilte die Stadt Spritzen, täglich bis zu 12’000 Stück. Neue bekamen die Junkies nur gegen gebrauchte, trotzdem landeten Spritzen zu Hunderten in Hinterhöfen, auf Pausen- und Kinderspielplätzen. Student Jacky erzählt: «In meinem Freundeskreis entwickelte sich eine regelrechte Spritzenphobie. Irgendwann hatte jeder einen Albtraum, bei dem er in eine Spritze stand. Meinem Mitbewohner ist es sogar passiert.» Die Stadt schickte Putzkolonnen. «Man musste putzen», sagt Oehler. «Immer wieder, das war sehr wichtig für die Bevölkerung.» Doch 3000 Süchtige kann man nicht wegputzen, geschweige denn die libanesische und türkische Drogenmafia. Man baute Barrikaden, vergitterte Hinterhöfe, umzäunte Schulen und Spielplätze mit Stacheldraht und montierte blaue Lampen in Hauseingänge, um den Junkies die Suche nach Venen zu erschweren. Ein Quartierpfarrer beklagte sich bei einem Treffen mit der Arbeitsgruppe der Stadt, Prostituierte und Freier kopulierten während des Gottesdienstes auf der Kirchentreppe. Das Pfarrhaus wurde danach mit einem Eisenzaun, einer Kamera und einer Stahltür geschützt. Der Umsatz der Restaurants und Läden brach ein, manchmal bis zu 70 Prozent. «Für die Bevölkerung war es eine extreme Belastung, eine absolute Tortur», sagt Oehler. «Das Quartier war in einer Art Kriegszustand.»

Das ist wörtlich zu nehmen, wie Jacky sich erinnert: «Nachts hörte man in den Quartieren Schüsse vom Platzspitz widerhallen. Ich kaufte mir eine Pistole, auf der Gasse bekam man sie für 600 Franken.» Im Juni 1991 wurde die Aktion Betroffener Anwohner (ABA) gegründet, eine in ihrem Selbstverständnis «politisch und konfessionell neutrale Bürgeraktion», die eine Privatpolizei auf die Beine stellte und nachts durchs Quartier patrouillierte, um «Eigentum der im Einsatzgebiet wohnenden und arbeitenden Bevölkerung zu schützen». Für jede Regierung müsste die Situation, in der sie das Gewaltmonopol zu verlieren droht, höchst alarmierend sein. Die Reaktion des damaligen Zürcher Polizeivorstehers Robert Neukomm auf diese Ereignisse ist indessen bezeichnend. Diese Bürgerwehr sei eine «Schnapsidee», meinte der SP-Mann gegenüber den Medien trocken.

Die ABA patrouillierte nicht nur nächtens durchs Quartier, sondern kritisierte per Zeitungsinserat auch die Drogenpolitik des Stadtrats als «total verfehlt und verantwortungslos». Die Leute vom Platzspitzghetto würden «in ihrem Elend unter freiem Himmel von den Mitarbeitern des Gesundheits-, Sozial- und Gartenbauamts gehegt und gepflegt». Im Spätsommer setzte die ABA dem Stadtrat eine Frist bis zum 15. Oktober 1991, um die rechtswidrigen Zustände aufzuheben, die Zürcher Drogensüchtigen zu therapieren und die auswärtigen Fixer, das waren etwa drei Viertel, in ihre Heimatgemeinden zurückzuschaffen. Es war die «Einfach weg»-Idee, die die Ahnungslosigkeit jener verriet, die sie äusserten. Die Lösung war wesentlich komplizierter, denn Zürich musste nicht nur das Drogenproblem seiner eigenen Bevölkerung, sondern das der ganzen Schweiz lösen.

Nicht, dass die Polizei tatenlos geblieben wäre. Bei ihren regelmässigen Razzien stürmte die Polizei in Vollmontur auf den Platzspitz und sorgte kurz für Aufruhr und Geschrei. Die Filterlifixer galoppierten mit ihren Einkaufswägeli die Limmat entlang, die Dealer warfen die Drogen ins Wasser, und die Junkies fischten sie flussabwärts aus dem Fluss. Sobald die Polizei abzog, richteten sich alle wieder ein, erinnert sich Alain: «Wie wenn man eine Ameisenstrasse unterbricht: Sie bildet sich sofort wieder neu.»

Brachte die Polizei Junkies aufs Revier, sackten sie nach kurzer Zeit mit Entzugssymptomen zusammen. In einem Bericht der Stadtpolizei Zürich vermerken die Beamten zu einer solchen Aktion, bei der 24 Schwerstabhängige übers Wochenende eingesperrt wurden: «Die Erfahrungen sind denkbar schlecht. Die zugeführten Personen waren in keiner Weise zu handhaben. Sie kamen sehr rasch auf Entzug, erbrachen sich und konnten auch das verabreichte Methadon nicht behalten.» Schliesslich musste die Polizei die Süchtigen wieder freilassen und traf sie wenig später wieder auf dem Platzspitz an.

Das Problem Platzspitz war aus dem Zusammenwirken vieler Faktoren entstanden: fataler Sozialromantik, ideologischer Verblendung, Laisserfaire- Haltung bis zum Punkt, da das Phänomen ganze Quartiere verelenden liess. So wie die Drogen nach und nach Alains Leben zerrütteten. Als er nach 15 Jahren mit den Drogen aufhörte, war er ein anderer Mensch. Und Zürich war, nachdem die offenen Drogenszenen geräumt worden waren, eine andere Stadt. Doch bis es so weit war, sollten beide noch viele Katastrophen erleben.