Der Keim der
Katastrophe

Fixen als Lifestyle: Kommunenszene aus den 1970er-Jahren.

Heroin galt am Anfang als cool. Fixen war ein Akt der Revolte. Die Drogen versprachen Freiheit. Spätestens mit der Heroinwelle der Achtziger aber musste es jeder wissen: Das war ein tödlicher Irrtum.

Alain war 16, als einer seiner WG-Mitbewohner zum ersten Mal Heroin mit nach Hause brachte und alle sich das Pulver durch die Nase zogen. Auch Alain: «Ich fühlte keine Euphorie, aber es war gut. Definitiv.» Alle wussten, was Heroin bewirken konnte, denn sie hatten den Film «Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» gesehen. Das 1981 erschienene Porträt des Berliner Drogenelends wirkte auf die damalige Jugend wie ein Werbefilm für ein antibürgerliches Leben. Genau das Richtige für Alain: «Heroin ist so gefährlich, weil man es unterschätzt», sagt er. «Beim ersten Mal denkst du: Das soll so super sein? Aber beim dreissigsten Mal willst du nichts anderes mehr.» Am nächsten Morgen hatte Alain einen Kater. Er zog los, um sich mehr Stoff zu besorgen.

Katerstimmung herrschte nicht nur bei Alain. Politisch war die Stadt nach der Schliessung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) 1982 fest im Griff der Bürgerlichen. Noch hatten alle die Tränengasschwaden der Strassenkämpfe in lebendiger Erinnerung. Aber die Realität hatte die grossen Träume der Aktivisten eingeholt. Alles hatten sie infrage gestellt: die Selbstgefälligkeit der Obrigkeit, die Genusssucht des Kapitalismus, die Unbeweglichkeit der Institutionen, die Zweierbeziehung. Doch ihre ätzende Kritik hatte nicht den Staat zersetzt, vielmehr löste sich die Bewegung selbst auf. Und mit ihr der Glaube, dass alle Bewegten dasselbe wollten. Das hatte wesentlich mit Heroin zu tun.

Von Beginn weg waren Drogen ein Teil der Jugendbewegung gewesen. 1971 besangen die Rolling Stones «Sister Morphine», Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison starben unter Heroineinfluss. 1975 stellte das Betäubungsmittelgesetz Drogenbesitz und -konsum unter Strafe, und die Zürcher Polizei besorgte sich einen Drogenkoffer mit dem gebräuchlichsten Zubehör, um Konsumenten sofort erkennen und verzeigen zu können. Mediziner plädierten derweil dafür, Drogensucht als spezielle Form von Krankheit anzusehen. 1979 gab es 29 Drogentote in der Schweiz. Sie starben an der «Riviera» am Limmatquai, auf der Blatterwiese am See, in den Toiletten des Cafés Odéon.

Der PolizistJosef Mächler

«Es ist jeder selber schuld»

Polizist, das war Josef Mächlers Traumberuf. Der 72-jährige gelernte Modellschreiner trat 1963 der Zürcher Stadtpolizei bei. Anfang der 1990er-Jahre patrouillierte er regelmässig auf dem Platzspitz. Noch heute erschüttern ihn die katastrophalen Zustände. Obwohl ihm das Leiden naheging, hatte er jedoch kein Erbarmen mit den Süchtigen.

1980 erkämpfte sich die Zürcher Jugend das AJZ. Gleichzeitig ging die Polizei mit Razzien gegen die Fixer vom Hirschenplatz vor, die ins Jugendzentrum flüchteten – und dort zum Problem wurden. Die Romantiker unter den Aktivisten sahen im Heroin zwar «den zerstörerischen Bruder der Bewegung mit den gleichen Eltern». Sie glaubten: «In jedem und jeder von uns steckt ein Stück Junkie- Identität», wie es im Film «Allein machen sie dich ein» heisst. Heroinsucht galt lediglich als besondere Form einer Abhängigkeit, unter der jeder und jede irgendwie litt, die Kälte der bürgerlichen Gesellschaft, so glaubten die Aktivisten. Das Echo dieser Vorstellung fand sich noch zehn Jahre später in den von der damaligen Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr geprägten drogenpolitischen Grundsätzen, die die neue rotgrüne Stadtregierung im Juli 1990 vorstellte. «Drogenabhängige gehören zur Gesellschaft», heisst es da, «auch wenn ihr Verhalten unter den geltenden gesetzlichen Bestimmungen immer wieder Rechte und Gefühle anderer Menschen beeinflusst.»

Die bewegte Jugend forderte ein autonomes Jugendzentrum: Anonymes Flugblatt, 1980.

«Gegen die Kulturleichen»: Die Polizei schützt Opernhausbesucher beim Verlassen der Vorstellung des 30. Mai 1980.

Mit Steinen gegen Betonköpfe: Der heisse Sommer 1980 in Zürich.

Die politische Jugend forderte Selbstverwaltung und Autonomie: Vollversammlung im Zürcher Volkshaus am 18. September 1980.

Vermeintlich am Ziel: Jugendliche feiern am 21. März 1981 die Besetzung des AJZ in Zürich.

Die Realisten und vor allem die Mediziner erkannten bereits im Jahr 1981 die Dimension des Problems und die sozialen Folgen. Mit den Junkies kamen die Dealer ins AJZ. Auch ein eigens deswegen eingerichteter hauseigener Ordnungsdienst konnte sie nicht fernhalten. Derweil verschlechterten sich die Zustände im AJZ dramatisch. Schmutz, Ungeziefer und Asoziale machten den Aktivisten das Leben schwer. Sie versuchten sich mit einer grossen «Putz- und Entgiftungsaktion» zu helfen, wofür das AJZ ein paar Wochen geschlossen wurde. Als man neu eröffnete, mit einem Fixerraum, waren die Junkies wieder da. Überfordert ersuchten die AJZ-Aktivisten den Stadtrat um Hilfe, forderten im Februar 1982 in einem letzten Aufbäumen vom Stadtrat einen externen Fixerraum. Die Politiker versprachen, dies zu prüfen, und unternahmen nichts. Im März gaben die Bewegten auf und deponierten den Schlüssel zum AJZ im Stadthaus. Hätte die Regierung das Problem nicht einfach verdrängt, sondern konkret nach Lösungen gesucht, wäre Zürich viel erspart geblieben.

Wenn man erklären will, wie der Platzspitz und später der Letten entstehen konnten, dann keimte diese Katastrophe irgendwo zwischen zwei politischen Romantikvorstellungen. Der linken, die die Süchtigen für Opfer eines harten und kalten gesellschaftlichen Klimas und düsterer Zukunftsperspektiven hielt. Diese Gesellschaft sollte ihr Elend sehen und helfen, wo es ging. Die rechte Romantikvorstellung bestand darin, zu glauben, dass man das Problem mit der nötigen Härte in den Griff kriegen würde. Dazu gehörte die Leidensdrucktheorie: nicht eingreifen, bis die Süchtigen kurz vor dem Krepieren selber Hilfe zum Ausstieg suchen. Die Naivität dieser Betrachtungsweise sorgt beim späteren Stadtpräsidenten Josef Estermann heute für Heiterkeit: «Das Rezept derjenigen, die gegen Spritzenabgaben und Überlebenshilfe waren, bestand im Vorschlag, auf dem Platzspitz Tafeln aufzuhängen, auf denen steht: ‹Hier wird gestorben.›»

Im Verlauf der Achtzigerjahre verhärtete sich das politische Klima. 1986 konnten die Bürgerlichen ihre Mehrheit im Stadtrat halten, doch nur knapp. Ein Glanzresultat erzielte nur die linke Emilie Lieberherr. Derweil veränderte sich Zürich rasant. Das 1985 eingeführte Pensionskassenobligatorium hatte Milliarden in die dritte Säule gespült. Und die wurden verbaut. In der Innenstadt und den Kleingewerbequartieren wuchsen stahlglänzende Neubauten in den Himmel, billiger Wohnraum musste gesichtslosen Einkaufszentren weichen. Häuser zu besetzen, war unter Studenten ein Ausdruck des Unbehagens und eine politische Strategie gegen den Ausbau der Stadt zur Dienstleistungs- und Finanzmetropole. «Der Finanz keinen Platz machen!», so hiess der Slogan der Stunde.

Die andere Strategie war, sich mit Drogen zuzuknallen, so wie Alain: «Viele hatten genug von den ewigen Vollversammlungen, den Diskussionen, ob man nun eher entlang der Linie von Trotzki oder Lenin argumentiert. Heroin zu nehmen, war die grundsätzliche Entscheidung, aus dem bürgerlichen Leben auszusteigen.» Student Jacky, der lieber Musik machte, als zu demonstrieren oder Drogen zu nehmen, bewegte sich nur am Rand dieser Szenen. Tags studierte er, nachts stand er auf improvisierten Bühnen in besetzten Häusern. Über seinen Bekanntenkreis lernte er auch viele WGs kennen. Er erinnert sich: «In gewissen Wohngemeinschaften hausten auch Fixer, man hielt sie sich fast wie ein Maskottchen. Man duldete sie, ja, man war sogar froh, echten Opfern dieser unmenschlichen Gesellschaft helfen zu können.»

«Der Finanz keinen Platz machen»: Krawalle vor dem AJZ in Zürich 1981.

Gegen diesen Zeitgeist grenzten sich die meisten Bürgerlichen dezidiert ab. In ihrem Weltbild galt Sucht als Charakterfehler, und Betroffene brauchten nicht in erster Linie Hilfe, sondern Strafe. Ansonsten war es vor allem ihr Problem. Das änderte sich dramatisch, als Mitte der Achtzigerjahre Aids ins öffentliche Bewusstsein trat. Im Dezember 1984 fand an der Uni Zürich eine erste Veranstaltung dazu statt und informierte über Übertragungswege. Von diesem Moment an war klar, dass Fixer besonders gefährdet waren. Wegen der Drogenproblematik hatte der bürgerliche Zürcher Kantonsarzt Gonzague Kistler ein Spritzenabgabeverbot an Ärzte und Apotheker erlassen. Entsprechend teuer waren sie auf dem Schwarzmarkt, bis zu fünfzig Franken kostete ein neues Besteck. Trotz Aids hielt Kistler am Verbot fest und kommentierte: «Ich anerkenne, dass Aids via Beschaffungsprostitution auch bis in die besten Kreise verschleppt wird. Präventivmedizinisch gesehen ist die Abgabe von sauberem Injektionsmaterial nicht sehr hilfreich, weil die Süchtigen wenig Hygienebewusstsein haben.» Bald war jeder dritte Zürcher Junkie HIV-positiv.

Ab dem Jahr 1986 liess die Stadtregierung eine offene Szenebildung auf dem Platzspitz zu. «Das hatte es nie zuvor gegeben», sagt Alain. «Einen Ort, an dem man sich die Drogen besorgen und sie konsumieren konnte, ohne eine Verhaftung befürchten zu müssen.» Befürchten musste man nur den Tod oder eine HIV-Infektion, aber das schreckte kaum jemanden. Auch nicht seinen besten Freund Gianluca, der vom Rauchen inzwischen zum Fixen übergegangen war, sich angesteckt hatte und auf dem Platzspitz öffentlich dahinsiechte. Nirgends war der Schrecken von Aids so greifbar wie auf dem Platzspitz. Das schreckte nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Regierung auf. 1987 rang der Stadtrat sich deswegen zur Überlebenshilfe als weiterem drogenpolitischem Standbein durch: Auch wer nicht gewillt war, auf Drogen zu verzichten, sollte rudimentäre medizinische Hilfe bekommen.

Bei den Stadtratswahlen 1990 errangen die Sozialdemokraten einen Erdrutschsieg. Das Stimmvolk hatte genug von Fichen-Skandal, Kopp- Affäre, Wohnungsnot, Platzspitz und den internen Zankereien in der Exekutive. Die Hoffnungen lagen ganz auf der neuen, linksgrünen Regierung. 1990 gab die Stadt erstmals mehr als 20 Millionen für Drogenhilfe aus. Dabei wuchs die Szene ungebremst. «Es war eine schlimme Situation», erinnert sich Estermann. «Im Stadtrat stritt man über mögliche Lösungen. Die Bruchlinien gingen durch alle politischen Lager, nicht einmal bei der Polizei war man sich einig.»

Der Stadt fehlte es an allem. Zunächst an einem geeigneten Plan, aber auch an konkreten Handlungsinstrumenten. Das zeigte sich etwa bei den ausländischen Drogendealern. Beamte griffen sie auf, konnten sie aber nicht festhalten, wenn ihnen nicht schlüssig bewiesen werden konnte, dass sie nicht lediglich Ameisenhändler waren. Dazu hätte es schärfere Bestimmungen im Ausländerrecht und ein beschleunigtes Ausweisungsverfahren gebraucht. Dies habe zu riesigen Diskussionen geführt, erzählt Estermann: «Jemanden einfach auf einen Anschein festzuhalten, ist eine problematische Massnahme. Doch wenn sich der Anschein von Tag zu Tag bestätigt und die Polizei weder Mittel noch Leute hat, um Hunderte rund um die Uhr so zu überwachen, dass hieb- und stichfeste Beweise für Grosshandel vorliegen, gibt es keine Alternative. Sonst müsste man zusehen, wie ganze Quartiere vor die Hunde gehen. Wir brauchten vier Jahre, bis wir das durchbrachten.»

Eines Morgens 1992 bekam Alain einen Anruf von Gianluca, der aidskrank im Sterben lag. Früher war er ein Bär von einem Mann gewesen, jetzt sah der Freund aus wie ein Gespenst. Alain half ihm bei seinem letzten Schuss, dann ging er zum Platzspitz und kaufte sich Heroin.

Wer fixt? Der soziale Hintergrund von Platzspitz-Drogensüchtigen