Keiner kommt hier
lebend raus

Die da drinnen und die dort draussen: Gitter vor dem Zugang zum Letten, 1994.

Der Platzspitz war die Hölle. Aber diese Hölle hatte System, Gesetze, eine eigene Hierarchie der Macht. Und um die Hölle herum prosperierte die Hilfsindustrie der Stadt und unverbesserlicher Sozialromantiker.

Hedi Bäninger, eine pensionierte Hausfrau und Mutter aus Romanshorn, wusste nicht viel über Drogen, als sie an einem Donnerstagmorgen im Mai 1990 nach Zürich fuhr, um ihren Sohn zu besuchen. Sie hatte zwar über den Platzspitz in Zürich gelesen und fand das alles schrecklich. Aber daran dachte sie nicht, als sie durch die Bahnhofshalle ging. Da fiel ihr etwas auf, das auf dem nackten Asphalt der Bahnhofshalle lag. Bei näherem Betrachten stellte sie fest, dass es eine junge Frau war, in verwitterte Fetzen gekleidet, die offenbar bewusstlos inmitten der vorbeieilenden Reisenden lag. Bäninger ging zum leblosen Körper hin, berührte ihn an der Schulter und fragte: «Kann ich Ihnen helfen?» Da drehte sich das Wesen um und röchelte: «Lass mich doch in Ruhe, du Sozi-Tante.»

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir ein Sozi», war ein Witz, über den die Junkies vom Platzspitz sich amüsierten. Vom Sihlquai sahen unbeteiligte Beobachter auf dem Platzspitz nur dichte Gruppen gefährlich blasser Gestalten wogen. Insider wie Alain kannten Rhythmus und Struktur des Irrsinns genau: erste Stosszeit zwischen 7.30 und 8.30 Uhr, dann folgten drei ruhigere Stunden. Ab 12.30 Uhr kamen Junkies in Seidenhemd und Krawatte für den Mittagsfix, bevor sie um 13.30 Uhr wieder zur Arbeit gingen. Ruhe bis um 16.30 Uhr, dann setzte der Abendverkauf ein. Waren viele Drogen im Angebot, torkelten die Heroinjunkies im seligen Delirium auf den Wiesen, während die Koksfixer wie batteriebetriebene Gespensterheuschrecken herumstaksten in ihrer Gier nach dem nächsten Kick.

Das Anschwellen der Szene und ihre Verwahrlosung hatte die Zürcher Honoratioren aufgeschreckt. Im Stadtrat forderte Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr energisch Überlebenshilfe für die Süchtigen. Rund um die Drogenszene blühte derweil eine eigene Infrastruktur und Sozialindustrie. Vertreter des Sozialamts, private Gassen- und Sozialarbeiter, medizinisches Hilfspersonal, das Gartenbauamt und kirchliche Organisationen richteten sich im Katastrophengebiet ein. Im Angebot waren Mittagstische, Rockkonzerte und Malkurse für Junkies. Regelmässig durchstreiften Journalisten und Neugierige auf Elendssafari das Drogensoziotop.

Wirklich hilfreich war das medizinische Präventionsprojekt Zipp-Aids, das sich in der Baracke des ehemaligen Kiosk- und Toilettenhauses auf dem Platz installierte: Ärzte, Krankenschwestern und Studenten verteilten Spritzen, Tupfer und Kondome. Klappte einer zusammen, reanimierten sie und riefen bei Notfällen die Ambulanz, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Weniger ausrichten konnten die missionierenden Christen, die Heilsarmee und andere Gutmenschen. Ihre Zuwendung und Moralpredigten waren unerwünscht, erinnert sich Alain: «Wenn du gerade 200 Franken für ein totales Flash ausgegeben hast, willst du das nicht mit jemandem verbringen, der mit dir über Drogen reden will. Und wenn es dir schlecht geht, willst du der Realität auch nicht ins Auge sehen. Wenn du das willst, hörst du auf, Drogen zu nehmen.»

In der offenen Drogenszene beherrschten Qualität und Verfügbarkeit des Stoffs alles. Sie bestimmten auch die soziale Dynamik: König war, wer gute Drogen hatte, zum Adel gehörte, wer wusste, wo man guten Stoff kriegte. Wegen der grossen Konkurrenz auf der Angebotsseite engagierten die Dealer sogenannte Schlepper, die sich am Eingang zum Platzspitz postierten und Kunden mit einer Stoffprobe zum Chef lockten. Von guter Qualität profitierten auch die Vermittler. So konnten sie sich bekannt machen. Je mehr Kunden sie hatten, desto mehr fiel auch für sie ab: Auf sechs Säckchen Lockstoff erhielten sie üblicherweise eins zum Eigengebrauch. Geduldete Dienstleister waren die Filterlifixer. Unauffällig verrichteten sie ihren Dienst, gaben Spritzen und Tupfer heraus und bekamen dafür die Reste des Heroinsuds. Nicht das Verlangen nach Status gestaltete diese Hierarchie, sondern der Selbstbetrug, der zu jeder Sucht gehört, erklärt Alain das System: «Wer noch Wert auf saubere Nadeln legte, konnte sich einreden, alles unter Kontrolle zu haben. Wer noch eine Wohnung hatte, fühlte sich besser als die obdachlosen Junkies. Selbst wenn man am Boden war, suchte man immer jemanden, dem es noch dreckiger ging, um sich zu beweisen, dass man es irgendwie doch noch im Griff hatte.»

Für Nüchterne war klar, dass niemand irgendetwas im Griff hatte. Die Junkies nicht und auch nicht die Stadtregierung. Laut Andres Oehler, damals Informationsbeauftragter der Drogendelegation, betraf die Situation zwar fast jedes Amt in Einzelaspekten, und lange versuchte jeder, seine jeweiligen Probleme im Alleingang zu lösen: «Dass es keine Strategie gab, war einer der Gründe für die Eskalation.» Viele kritisierten die Infrastruktur auf dem Platzspitz, man mache es den Fixern zu bequem. Oehler hingegen reiste auch mal persönlich

Der GärtnerChristian Heule

«Man nahm ihnen alle Habseligkeiten ab»

Als Angestellter des Gartenbauamtes organisierte Christian Heule (49) zweimal täglich die Reinigung des Platzspitzes. Diese Arbeit belastete ihn schwer. Er wurde von Süchtigen angegriffen, einmal trat er in eine Spritze. Mit der Zeit zweifelte er am Sinn seiner Aufgabe. Heute arbeitet Heule als Grünflächenverwalter bei Grün Stadt Zürich.

Die niedrigste Kaste: Filterlifixer bieten auf dem Platzspitz 1992 Spritzen feil.

Putzen war wichtig: Arbeiter des Gartenbauamtes der Stadt Zürich räumen im August 1990 auf dem Platzspitz Filterlitische ab und reinigen das Gelände.

Die Originaldokumente

Sisyphusarbeit: Die Kantonspolizei Zürich listet ihre Erfolge auf (5. November 1992).

Aufs Gramm genau: Aufstellung beschlagnahmter Drogen.

nach Chur und bat den Bischof, seine Nonnen zurückzupfeifen, die auf dem Platzspitz Sandwiches verteilten. Doch die Aufgabe war komplex. «Wir mussten die Süchtigen gesundheitlich erhalten, dafür sorgen, dass sie nicht ganz aus der Gesellschaft fallen, dann therapieren. Aber es gehörte auch Repression gegen Handel und Versammlungen dazu.» Es dauerte lange, bis auch das Sozialamt das einsah – und die Polizei im Gegenzug verstand, warum es Räume brauchte, in denen die Junkies konsumieren konnten. «Vor allem Josef Estermann», sagt Oehler, «aber auch Robert Neukomm und Monika Stocker setzten sich stark dafür ein, die verwaltungsinternen Fronten aufzulösen. Es dauerte lange, aber als es gelang, prägte es die Stadt nachhaltig.»

Auf dem Platzspitz drehten Junkies, Dealer und Hehler dem Rechtsstaat derweil eine lange Nase. Sie handelten mit allem, was sich zu Geld machen liess: mit Lederjacken, Parfüm, Stereoanlagen, Waffen, ersten Handys und Velos. Die damals ganz neuen Mountainbikes waren besonders wertvoll, weshalb Junkies sich Kältespray und Hammer besorgten und sie in Serie knackten. Wenn dann unbescholtene Bürger wie der Geschichtsstudent Jacky sich beim Velohändler beklagten, das brandneue Bike sei schon wieder geklaut worden, bekamen sie zu hören: «Hol es auf dem Platzspitz. Dort bekommst du es für weniger zurück, als der Selbstbehalt der Versicherung dich kosten würde.» Die diebischen Umtriebe sorgten jedoch bald für eine dramatische Inflation. Nach zwei Jahren bekam man für ein brandneues Mountainbike nicht mehr ein paar Hunderter, sondern gerade noch ein Stück Hasch im Wert von dreissig Franken.

Täglich wurde auf dem Drogenumschlagplatz ein Vermögen umgesetzt, ein Teil davon floss in die lokale Infrastruktur: Dealer führten meist nur Kleinmengen Stoff mit sich. Zum Nachschublager liessen sie sich mit Taxis chauffieren. Die Fixer vom Platzspitz konsumierten gern Schokoladenriegel, Schokodrinks und Eistee, weshalb diese in grossen Mengen aus dem Shop-Ville herangeschafft und verkauft wurden. Besonders Kreative, erzählt Alain, druckten mit den neuen Laserdruckern falsche Hunderternoten: «Sie haben auf dem Platzspitz wohl bis zu 30’000 Franken Falschgeld in Umlauf gebracht, nachts und im Dunkeln, damit es niemand merkte.» Als deswegen plötzlich die Bundespolizei herumzufragen begann, wurde das schnell wieder aufgegeben.

Die Drogen weckten auch bei Nüchternen den Traum vom grossen Geld. Viele Schweizer dachten: Ich nehme meine ersparten 30’000 Franken und mache daraus eine Million. Aber früher oder später kontaminierten die Drogen jeden, der mit ihnen zu tun hatte – auch die Kleindealer der Ausländerclans. Student Jacky erinnert sich an einen stets gut gelaunten, jungen Türken, der den Kiosk am Limmatplatz betrieb. «Ich kannte den seit Jahren, dann fiel mir auf, dass er immer schlechter aussah. Eines Tages stand keiner hinter dem Tresen. Als ich nach ihm rief, entdeckte ich ihn hinter einem Gestell am Boden kauernd, die Spritze im Arm.» Bald übernahm ein anderer den Kiosk. Ein Freund aus Alains Clique kaufte in Kolumbien ein Kilo Kokain, würgte es in Parisern herunter und brachte es in die Schweiz mit der Idee, auf dem Platzspitz ein Vermögen zu machen. Dann sei er verschwunden, berichtet Alain: «Vier Wochen lang blieb er auf seinem Zimmer und zog

Drogenkiosk, Platzspitz 1991: Hier konnten die Fixer gebrauchte Spritzen gegen neue eintauschen.

sich alles selbst rein. Am Ende war er so paranoid, dass er sofort das Messer zückte, wenn ihn jemand besuchen wollte.»

Die Drogen pervertierten alles, auch die Liebe. Viele Frauen gerieten über ihre Partner in die Drogenszene und sahen mit fortschreitendem sozialem Absturz den letzten Ausweg in der Prostitution. Das gab ihnen Macht in der Beziehungshierarchie, weil sie für Nachschub sorgten, während ihre Partner abhängig und doppelt gedemütigt waren: Als Junkies waren sie sozial geächtet, als Männer mussten sie die Schmach einer mit anderen verkehrenden Geliebten ertragen. Student Jacky erinnert sich an die typischen Junkiepärchen: «Man sah viele davon und hörte sie noch mehr. Oft stritten sie sich nächtelang lautstark in den Hinterhöfen.»

Immer brutalere und absurdere Verbrechen häuften sich: Am 19. Januar 1989 erschoss ein Fixer einen anderen im Streit um ein Schmuckkettchen. Vier Tage später schoss ein Dealer einem Mann in den Rücken, «weil er sich geweigert hatte, Liegestützen zu machen», wie der «Blick» berichtete. Im Juli dann folgte der «Platzspitz-Mord», so die Schlagzeile: Drei Junkies gerieten in einen Streit, weil einer von ihnen Schokolade ass und die anderen zwei auch was davon haben wollten. Als der 26-jährige Krankenpfleger nichts davon abgeben wollte, kam es zum Kampf. Die beiden Angreifer würgten den Krankenpfleger und zerrten ihn im Hängeschlepp über die Fussgängerbrücke zur Limmat. Der Krankenpfleger war dabei bewusstlos geworden, erwachte dann beim Hotel Zürich und begann zu schreien. Die beiden anderen fesselten und knebelten darauf den Hilflosen und warfen ihn in die Limmat. Die Polizei stellte «Tod durch Ertrinken» fest.

Alains Freunde aus seiner alten Clique starben nach und nach weg. Einer fuhr im Vollrausch mit dem Auto rückwärts in den See und ertrank. Einer holte sich eine Streptokokken-Infektion an den Herzklappen, ein anderer eine Blutvergiftung. Einer konsumierte so viel Kokain und noch mehr Alkohol dazu, dass er an einer Alkoholvergiftung starb. Zwei weitere Freunde starben an Aids. Keiner von ihnen tauchte je in der Statistik der Drogentoten auf, aber alle starben an den Drogen, die sie am Platzspitz bekamen und konsumierten. Bald war nur noch Alain übrig. Und dann kam der Letten.