Dürfen wir abstumpfen?

Ein Terroranschlag folgt auf den nächsten – und die Empörung lässt stetig nach. Wie soll man damit umgehen?

Für die Angehörigen ist der Terror ganz nah: Menschen trauern um die Opfer des Terroranschlags in London. Foto: Jeffrey D. Allred (The Desert News, AP, Keystone)

Für die Angehörigen ist der Terror ganz nah: Menschen trauern um die Opfer des Terroranschlags in London. Foto: Jeffrey D. Allred (The Desert News, AP, Keystone)

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Je öfter ein Terroranschlag geschieht, desto weniger schockiert reagieren wir: Wir stumpfen ab. Ist das zynisch? Ist das gut, oder ist es schlecht? A. M.

Liebe Frau M.

Ist eine Chirurgin abgestumpft, die nicht bei jeder Operation wieder schockiert ist über das viele Blut, das sie sehen muss? Ein Scheidungsanwalt, der nicht jeden Abend tief erschüttert ist ob der Gemeinheiten, die sich Menschen antun können, die sich doch irgendwann einmal geliebt haben? Man kann viele analoge Beispiele produzieren, die zeigen, dass eine gewisse Art von «Abgestumpftheit» dafür sorgt, dass diese Leute ihre Arbeit gerade deshalb auf eine vernünftige Art und Weise tun können, weil sie sich eben nicht fortwährend in einem Zustand ­erregter «Betroffenheit» befinden. Die ­Vergleiche hinken aber auch. Denn «wir» als Teil der Öffentlichkeit, die einmal mehr erfährt, dass es bei einem Terror­anschlag x Tote und y Verletzte gegeben hat, sind ja nicht in der Position von Polizistinnen, Sanitätern, Feuerwehrleuten, Menschen also, die von Berufs wegen mit den Folgen des Terrors beschäftigt sind. Niemand kann von uns deren professionelle Distanziertheit verlangen.

Rückwirkende Ermüdung

Wir können also ungeniert so hysterisch (oder abgebrüht) tun, wie uns gerade zumute ist. Das jedoch ist, um auf Ihre Frage zu antworten, nicht gut, sondern schlecht. Zum einen, weil dieses hysterische Echo auf terroristische Anschläge ansteckend ist; und weil jeder, der sich davon nicht ergreifen lässt, ­sondern stattdessen vermeintlich kühl bleibt, dem Verdacht der Ignoranz oder der Bagatellisierung des Terrorismus und des mangelnden Respekts vor dessen Opfern ausgesetzt ist. Dabei sind es doch eher die kollektive Auf- und Erregung und das öffentliche Zurschaustellen der «Betroffenheit», die zynisch sind, nicht die vermeintliche «Abstumpfung». Zum Zweiten kann man hoffen, dass die nachlassende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die allgemeine Ermüdung, auch auf die Terroristinnen und Terroristen zurückwirkt, die mit ihren Aktionen schliesslich maximale Aufmerksamkeit erregen wollen. Ein Terrorakt, von dem nur noch auf der dritten Seite unserer Zeitungen berichtet wird, ist Mord, aber kein Terror mehr.

Man traut den Terrorist(innen) alles Schlimme zu, aber merkwürdigerweise nicht, dass sie schamlos lügen, wenn sie die höheren Ziele ihrer Taten verkünden. Doch genau das tun sie. Wir müssen also nicht – jeder Einzelne von uns – unsere «westlichen Werte» (was immer das sein mag) verteidigen. Je mehr wir uns in der kollektiven empörten Gewissheit suhlen, dass wir Partei in einem Kampf der Kulturen sind, desto mehr bestätigen wir im Nachhinein den Selbstbetrug, den sich die Killer zu ihrer Rechtfertigung zurechtgelegt haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2017, 17:21 Uhr

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