Ist es in, Velofahrer zu hassen?

Die Antwort auf die Stilfrage, ob wir wieder vermehrt das Auto nehmen sollten.

Kein Flirt: Ein Velokurier inmitten von Autofahrern in Zurich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Kein Flirt: Ein Velokurier inmitten von Autofahrern in Zurich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich bin 52, weiblich und fahre in der Stadt Zürich Rad. Nicht jeden Tag, so viel wie möglich. Das Velo meiner Wahl ist ein Damenfahrrad mit Körbchen, ich sehe damit nicht wie ein Raser aus. Und doch erlebe ich immer wieder Anfeindungen. Auch die Kommentare auf die letzte Stilfrage waren sehr velofahrerfeindlich. Ist es gerade in, uns zu hassen? Sollte ich vielleicht wieder lieber häufiger das Auto nehmen?
S. I.

Liebe Frau I.,

Das wäre ja noch schöner. Wir sind hier in dieser unserer kleinen Rubrik dem Stil verpflichtet, das heisst auch dem stilvollen Umgang mit der Natur, denn Stil ist eine allumfassende Lebenshaltung, die sich in Umsicht äussert, und deshalb fahren wir Velo.

Dennoch haben Sie recht: Es sind auf die letzte Frage viele Rückmeldungen eingegangen, und die meisten davon waren, nun, sagen wir es so: ungrossherzig. Ja, die Mails enthielten sehr viele Grossbuchstaben und sehr viele Ausrufezeichen, und es waren auch solche darunter, die festhielten, sie hätten kein Mitleid mit totgefahrenen Velofahrern, die seien vielmehr selbst schuld. Ich weiss nicht, was man jemandem antwortet, der so etwas schreibt.

WIR SIND IM RECHT, DESHALB FAHREN WIR JETZT DRAUFLOS!!!!!! 

Es entsteht der Eindruck, als handle es sich bei den diversen Verkehrsteilnehmern um eine Art feindliche Truppen, es ist da jedenfalls ein merkwürdiger Kleinkrieg im Gange. Was einigermassen dumm ist, weil Kleinkriege auf Kleingeistigkeit beruhen und Kriege sowieso schlecht sind. Und im öffentlichen Raum bleibt einem nichts anderes übrig, als miteinander auszukommen. Eine gewisse Grosszügigkeit ist zwingend, man muss auch mal fünf gerade sein lassen, und so eine fidele Grundentspanntheit ist auch hilfreich.

Diese Haltung, dass immer die anderen verkehrt sind, diese Rechthaberei, dieses Beharren darauf etwa, Velofahrer hätten GEFÄLLIGST!!!!!!!!! auf dem Trottoir abzusteigen, WEIL ES DAS GESETZ VORSCHREIBT!!!!!!, ist pedantisch und damit hochgradig unsympathisch; gibt es jemanden, der Pedanten mag?

Und gleichzeitig ist das auch nicht konsequent zu Ende gedacht: Wenn DAS GESETZ!!!! zum Mass aller Dinge fürs Zusammenleben wird (eine grässliche Vorstellung), dann müssten Velofahrer (das Beispiel funktioniert auch mit Fussgängern am Zebrastreifen oder mit Autos untereinander) den Rechtsvortritt, der ihnen kaum je ein Auto gewährt, ebenso stur erzwängelen, weil WIR SIND IM RECHT, DESHALB FAHREN WIR JETZT DRAUFLOS!!!!!!

Aufhören damit, bitte.

Bettina Weber


Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2017, 23:11 Uhr

Collection

200 Jahre Velo

Artikel zum Thema

Was tun gegen Velorüpel?

Leser fragen Die Stilfrage zum schwierigen Nebeneinander von Fussgängern und Pedaleuren. Mehr...

Sollten wir beleidigt sein?

Die Antwort auf die Stilfrage, ob Kuh-Aufkleber auf ein Couvert gehören und wie das zu werten ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Kommentare

Unsere liebsten Velorouten in der Schweiz

Vor 200 Jahren wurde das Fahrrad erfunden. Zum Jubiläum haben wir die schönsten Touren ausgewählt. Mehr...

Diese Kurven lassen ihr Herz höher schlagen

Der Kanton Zürich bietet einige Herausforderungen für jeden Velofahrer. Doch bei welcher Steigung schwitzt man am schönsten? Mehr...

Hier funktioniert Zürich auf zwei Rädern

Überraschende Tipps von TA-Lesern: Wir zeigen, wo Velofahrer und Biker in der Stadt auf ihre Kosten kommen. Mehr...