Sollten wir beleidigt sein?

Die Antwort auf die Stilfrage, ob Kuh-Aufkleber auf ein Couvert gehören und wie das zu werten ist.

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Meine Frau und ich sind unsicher, wo Spass aufhört und zur Beleidigung wird. Es geht um Folgendes: Mein Bruder sandte meiner Liebsten zum 61. Geburtstag eine Karte mit freundlichen, lieben Worten. Das Couvert zierten nebst der Adresse: drei aufgeklebte, kleine Kühe. Gut, wir beide sind vielleicht zu empfindsam, wenn uns dazu «dumme Kuh» einfällt. Darauf angesprochen, sagte mein Bruder zu meiner Frau, Kühe seien feinfühlige Wesen, und sie solle sich wieder melden, wenn für sie alles okay sei. Ich bin froh, dass sich meine Frau nicht gemeldet hat. Der Kontakt ist seither versiegt. Haben Sie vielleicht eine Idee, wie wir uns verhalten sollen?

E. und R. I.

Liebe Frau I., lieber Herr I.,

wir haben hier einen richtigen Fall! Mit einer Klägerin und einem Beklagten und mitsamt Beweisstück. Das haben Sie nämlich freundlicherweise Ihrem Schreiben beigelegt.

Und so studierte ich also das Aktenmaterial, bestehend aus diesem einen Couvert, und konzentrierte mich dabei auf die drei links unten aufgeklebten Kühe. Wie sich das gehört für diese unsere kleine Rubrik, ging ich das mit dem nötigen Ernst an. Aber ich gestehe frank und frei, dass mich das Corpus Delicti nicht etwa empört, sondern amüsiert hat. Denn die Kühe sind, so finde ich jedenfalls, hinreissend. Für die Leserschaft, der das Beweismaterial nicht zugänglich ist, wollen wir zwecks Vervollständigung des Bildes kurz ausholen: Es sind herzige Kühe mit leichten X-Beinen und dicken Bäuchen, mit Tupfen-, Zebra- und Leopardenmuster-Fell; die eine grinst, die andere lässt die Zunge raushängen, und die dritte kaut auf einem Grashalm herum.

Rufen Sie den Bruder an und trinken Sie auf Ihre Versöhnung ein Glas Milch.

An diesen Kuh-Kleberli, liebe Frau I., lieber Herr I., ist auch nach nochmaliger seriöser Überprüfung der Sachlage nichts beleidigend. Vermutlich wollte Ihr Bruder einfach das Couvert verschönern, und weil ein Mann in der Regel keine Glitzersternli oder Büsi-Kleberli vorrätig hat, behalf er sich mit diesen Kuh-Stickern, die er zuunterst in der Schublade fand (überhaupt scheint Ihr Bruder ein Tierfreund zu sein, auf der Marke prangt nämlich ein Murmeli; man könnte fast schon von einem Konzept sprechen!).

Und dann will ich nicht nur den in Ungnade gefallenen Bruder rehabilitieren, sondern grad auch die Kuh an sich. Ich mag Kühe. An denen gibt es nichts auszusetzen, wie die so sanftmütig und selbstvergessen vor sich hin grasen. Deshalb: Beenden Sie die Eiszeit. Rufen Sie den Bruder an und trinken Sie auf Ihre Versöhnung ein Glas Milch.

Bettina Weber

Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 11:19 Uhr

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