Darf man Emotionen bewerten?

Die Antwort auf die Leserfrage, ob man Kitschgurken wie Helene-Fischer-Fans verurteilen darf.

Und jetzt alle! Helene Fischer animiert ihr Publikum. Foto: Matthias Balk (Keystone)

Und jetzt alle! Helene Fischer animiert ihr Publikum. Foto: Matthias Balk (Keystone)

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Wenn ich tief bewegt z. B. durch Bachs h-Moll-Messe bin und jemand anderer durch Musik, die für mich unerträglicher Kitsch ist, steht es mir dann zu, dessen tiefe Bewegtheit zu bewerten?

D. Z.

Liebe Frau Z.

De gustibus non est disputandum, wussten schon die alten Lateiner: Mit dem Gusti, so fanden sie, kann man nicht diskutieren. Woher sie das wussten, weiss ich nicht, aber das steht ja hier auch nicht zur Debatte. Etwas einschlägiger in Bezug auf Ihre Frage scheint mir Kants «Kritik der Urteilskraft»: «Wenn man Objekte bloss nach Begriffen beurteilt, so geht alle Vorstellung der Schönheit verloren. Also kann es auch keine Regel geben, nach der jemand genötigt werden sollte, etwas für schön anzuerkennen. Ob ein Kleid, ein Haus, eine Blume schön sei: dazu lässt man sich sein Urteil durch keine Gründe oder Grundsätze aufschwatzen . . . und dennoch, wenn man den Gegenstand alsdann schön nennt, glaubt man, eine allgemeine Stimme für sich zu haben . . .»

Damit ist die innere Widersprüchlichkeit von Geschmacksurteilen, zu denen ich die «tiefe Bewegtheit» zählen möchte, benannt: Man kann seine Bewegtheit nicht objektiv begründen, aber sie scheint einem doch etwas anderes zu sein als ein bloss subjektives Gefühl. Für Kant entspringt der Eindruck der Objektivität von ästhetischen Urteilen der Idee von der Möglichkeit allgemeiner Zustimmung. Von Bachs h-Moll-Messe tief bewegt zu sein, scheint etwas zu sein, in das alle einstimmen können; von Helene Fischer tief bewegt zu sein, «unerträglicher Kitsch» (jedenfalls in Ihren Augen bzw. Ihrem Gemüte).

Das Problem ist, dass es keine Instanz gibt, an die irgendjemand ein Geschmacksurteil weiterziehen kann. Es gibt kein Regelwerk, das die Legitimität wahrer Ergriffenheit regelt. Sie mögen über Helene Fischer spotten; jemand anderer könnte sich ebenso leicht über die Konventionalität Ihres Musikgeschmacks lustig machen und die Selbstverständlichkeit ärgern, mit der Sie die ästhetischen Vorlieben des gehobenen Bildungsbürger-Mittelstandes verabsolutieren. Tun Sie also, wonach Ihnen ist, aber fühlen Sie sich nicht allzu überlegen. Wenn Sie die Distanziertheit postmoderner Ironie nicht mögen, dann empfehle ich Ihnen in Geschmacksfragen Heines postromantische Ironie:

«Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.»

Das Fräulein sind letztlich wir alle. Für den Sonnenuntergang können Sie wahlweise Johannes S. Bach, Diana Krall, Helene Fischer oder Johnny Cash einsetzen. Jedenfalls cum grano von salis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 08:08 Uhr

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