Pinkelpausen mit der Stoppuhr gemessen

In deutschen Apple-Stores herrschen laut einem Bericht desaströse Arbeitsbedingungen – ehemalige Angestellte klagen nun an. Bald soll eine landesweite Personalkommission gegründet werden, für Apple ein «Kontrollverlust».

Vieles glänzt und leuchtet, die Realität dahinter ist düster: Apple-Store München.

Vieles glänzt und leuchtet, die Realität dahinter ist düster: Apple-Store München. Bild: AFP

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Immer wieder werden die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Zulieferfirmen des Computerherstellers Apple (AAPL 101.66 0.23%) kritisiert. Doch nun stehen die Apple-Stores in Europa in der Kritik. Insbesondere in Deutschland sollen die Mitarbeiter unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen leiden, wie das Nachrichtenmagazin «Spiegel» in seiner heutigen Ausgabe berichtet (Artikel online nicht verfügbar).

Hippe Fassade, düstere Realität

Ein Apple-Store sei ein «toller Ort in der Dichtung, aber in der Realität sieht es anders aus», so sagten Mitarbeiter gegenüber dem «Spiegel». Damit brechen sie das rigorose Geheimhaltegebot der Firma, die äusserst ungern etwas aus ihrem Innenleben preisgibt. Kein Wunder, denn die Realität der Arbeiter, welche für die hippe Fassade des Computerriesen garantieren sollen, scheint alles andere als erfreulich: Die Diktatur der guten Laune, ein System der Selbstausbeutung und tiefe Löhne prägten den Arbeitsalltag deutscher Apple-Mitarbeiter, die für einen Stundenlohn von 10 bis 12 Euro arbeiten.

Vergangenen Januar, drei Jahre nach der Eröffnung des ersten Apple-Stores in München, wurde die erste Personalkommission gegründet – für den Computerhersteller ein Imageschaden, wie der «Spiegel» meint. Im Dezember nun sollen weitere Betriebsräte in Frankfurt gewählt werden, um später eine Personalkommission für Apple Retail Germany zu gründen. Apple werte das als «Kontrollverlust».

Fünf Toiletten für 70 Mitarbeiter

Allerdings scheint ein Kontrollsystem für die Arbeitsbedingungen nötig. In München seien in einer Filiale Arbeitsplätze in unbelüfteten Lagerräumen eingerichtet worden, obwohl laut Mietvertrag gar nicht vorgesehen sei, dass sich dort Menschen aufhalten. Eine Münchner Filiale stand offenbar kurz davor, sofort geschlossen zu werden, nachdem der Betriebsrat das Gewerbeaufsichtsamt ins Haus geholt hatte. Die Gründe: Viel zu kleine und vollgestellte Pausenräume, fehlende Umkleidekabinen, zu wenige Pissoirs und nur zwei Herren- und drei Damentoiletten für über 70 Mitarbeiter. Dazu Überwachungskameras, welche das Personal filmen.

Die Zustände bei Apple werden zum Beispiel auf dem Twitter-Account «Apple-Mitarbeiter» diskutiert. Der Claim: «News rund um das Mitarbeiterdesaster bei Apple. Uns platzt der Kragen bei diesem Mitarbeiter-Gefoppe!»

Privatreparaturen sind verboten

Besonders bedenklich sei das rigorose Überwachungssystem, mit dem Apple die Leistung seiner Mitarbeiter prüft: Pinkelpausen würden mit der Stoppuhr gemessen, beim Verlassen der Filiale würden Angestellte regelmässig des Diebstahls verdächtigt, an Samstagen haben sie auf engstem Raum unter grossem Lärm die Produkte an den Mann zu bringen, schreibt der «Spiegel» weiter.

Das alles habe zur Folge habe, dass Mitarbeiter krank werden und Nervenzusammenbrüche erleiden. Ebenfalls zu reden gab der Fall eines Mitarbeiters, der fristlos entlassen wurde, weil er mit dem Spezialschraubenzieher aus Apples Reparaturwerkstatt eine lockere Schraube seines iPhones angezogen hatte. Privatreparaturen sind bei Apple verboten, der Fall liegt jetzt beim Arbeitsgericht.

Und was sagt Apple zu den Vorwürfen? Eine umfangreiche Fragenliste zu allen von den Mitarbeitern erhobenen Vorwürfen liess der Konzern unbeantwortet, teilt der «Spiegel» mit. (mcb)

(Erstellt: 12.11.2012, 11:08 Uhr)

Belastende Arbeitsbedingungen: Apple-Angestellte in München. (Bild: AFP )

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