«Die Schweiz ist das europäischste Land»

Das Verhältnis der Schweiz zu Europa ist emotional besetzt, wie die Initiativen zur Zuwanderung zeigen. Der Berner Historiker André Holenstein meint: Clevere Politik bedeutet, klug auszubalancieren.

«Wenn Schweizer ihr Land verlassen, erkranken sie gefährlich an Heimweh», sagt Autor André Holenstein. Foto: Valérie Chételat

«Wenn Schweizer ihr Land verlassen, erkranken sie gefährlich an Heimweh», sagt Autor André Holenstein. Foto: Valérie Chételat

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Immer wenn es um Europa geht, werden Abstimmungskämpfe heftig und emotional. So war es vor dem 9. Februar; so ist es aktuell im Fall Ecopop. Hat die Schweiz ein ­gestörtes Verhältnis zu Europa?
Die Schweiz hat ein komplexes Verhältnis zu Europa. Das ist eine Jahrhunderte alte Konstante. Auf der praktischen Ebene ist das Land stark verflochten mit dem Umfeld. Daneben gibt es eine geistige Ebene – hier geht es um die Frage, wie die Schweiz über sich nachdenkt. Diese ist stark von mentalen Abgrenzungsbewegungen geprägt. Aus dem Spagat zwischen dem, was man macht, und der Art, wie man über sich denkt, resultiert ein Verhältnis, das man dialektisch nennen kann. Oder schizophren.

Sie haben die Schweiz als «das europäischste Land des Kontinents» bezeichnet. Wollen Sie provozieren?
Nein, das will ich nicht. Es handelt sich bei dieser Aussage um eine nüchterne Tatsachenfeststellung. Dass sie provo­kativ wirkt, hat mit dem politisch extrem aufgeladenen Umfeld zu tun – und damit, dass rechtskonservative Kreise den Souveränitäts- und den Neutralitäts­aspekt mit grossem Aufwand bewirtschaften. Dieses Land ist seit Jahrhunderten ökonomisch, kulturell, politisch und diplomatisch sehr eng mit Europa verflochten. Ohne Berücksichtigung des europäischen Umfelds kann man nicht erklären, weshalb es die Schweiz gibt – und weshalb es sie immer noch gibt.

Wie trägt Europa dazu bei, dass es die Schweiz gibt?
Nehmen wir den Wiener Kongress von 1814/15. Die meisten Gebilde aus der frühen Neuzeit, die so daherkamen wie die Eidgenossenschaft, wurden aufgehoben und einer grossen Monarchie zugeschlagen. Oder man machte aus ihnen selbst eine Monarchie. Die Eidgenossenschaft aber hat überlebt – nicht weil sie besonders erfolgreich oder tapfer gewesen wäre. Ihre Fortexistenz lag im In­teresse der europäischen Grossmächte.

Das europäischste Land – ­gleichzeitig sträubt es sich wie kein anderes gegen seine Zugehörigkeit zu Europa. Superlative in beide Richtungen – ist die Schweiz ein historischer Ausnahmefall?
Mir ist in Europa kein anderes Land bekannt, in dem diese paradoxe Gleich­zeitigkeit so ausgeprägt ist. Ein Gebilde wie die alte Eidgenossenschaft war allein nicht überlebensfähig. Es brauchte die Unterstützung der äusseren Mächte. Diese hatten ein Interesse an einem Puffer zwischen den Blöcken, der sich aussen- und machtpolitisch passiv verhielt. Das hing mit der Lage der Schweiz zusammen. Die wichtigen Alpenübergänge verlaufen durch das Land. Dass der ­Wiener Kongress den Fortbestand der Schweiz sicherte, hing auch damit zusammen, dass in Europa die Angst verbreitet war, die Schweiz könnte in einem europäischen Krieg von einer Macht als Aufmarschgebiet für einen Angriff auf eine andere Macht benutzt werden.

Die Schweiz überlebte, weil die Grossmächte das wollten – das zeugt von einem erheblichen Mass an Abhängigkeit.
Der Wiener Kongress schuf das, was die europäischen Grossmächte von der Schweiz wollten: ein Land, das immerwährend neutral und gleichzeitig bewaffnet war, um sich verteidigen zu können. Nüchtern betrachtet, ist das ein ziemlicher Affront, der gar nicht zur Schweizer Souveränitätsbeschwörung passt. Ein Land, das dazu verpflichtet wird, immerwährend neutral zu sein, büsst enorm an Souveränität ein. Keine europäische Grossmacht hätte sich so etwas von aussen diktieren lassen. Dass die Schweiz dazu noch die Erwartung der Mächte erfüllen musste, endlich ein Bundesheer zu schaffen, damit sie sich glaubwürdig verteidigen könne – das ist auch nicht gerade das, was man unter einer souveränen Entscheidung versteht.

Dass Abgrenzung zum Umfeld ebenso zur Schweizer Geschichte gehört wie die Verflechtung mit ihm: Ist das die Antwort auf Abhängigkeit und limitierte ­Souveränität?
Ja, die pragmatische, auf Vernunft­überlegungen basierende Verflechtung brauchte so etwas wie eine kulturelle Antithese, die Identität stiftete. Ausdruck davon war und ist das Bemühen um eine ganz bewusste Abgrenzung.

Wie schafft man Abgrenzung?
Die Geschichte war und ist ein wichtiger Faktor. Um die 1470er-Jahre begann die Eidgenossenschaft über sich und ihre Entstehung nachzudenken. In jenen ­Jahren entstand das Weisse Buch von Sarnen. Dort drin steht der Gründungs­mythos. Da geht es um die freien Bauern der Waldstätte, die sich gegen die ­willkürlichen, tyrannischen, von aussen eingesetzten Vögte wehren mussten. Da taucht auch Wilhelm Tell auf. Im Prinzip liefert diese Gründungserzählung die Blaupause zur gesamten Abgrenzungsgeschichte. Später folgten weitere Elemente. Ab dem 17. Jahrhundert denkt man über die Neutralität nach, und auch diese wird zu einem Abgrenzungsvehikel. Indem sie die Botschaft verkörpert: Wir machen nicht mit in den Kriegen der anderen. Wir bleiben draussen.

Der Nationalcharakter nimmt Form an . . .
Die Suche nach diesem Charakter wurde im Helvetismus des 18. Jahrhunderts noch intensiver. Nun ging es explizit darum, diesem kleinen, verflochtenen, aber mit wenig eigener Macht ausgestatteten Gebilde eine Nationalidee zu geben. Die entscheidende Frage lautete: Was verbindet uns? Darauf eine Antwort zu finden, war nicht nur wichtig als Gegenmodell zur Verflechtung. Es brauchte diese einigende Idee auch gegen innen: Im 18. Jahrhundert bestand die Schweiz aus souveränen Kantonalstaaten, deren Obrigkeiten sich vehement gegen jede Form von Zentralisierung wehrten.

Und? Was verbindet uns?
Die Geschichte. Und der Naturraum, die Alpen – sie wurden zu einem Refugium stilisiert, zu einem Hort von ursprüng­licher Freiheit. In diesem Kontext ste­­ht auch die Entdeckung des Heimwehs und ihre Bezeichnung als «Schweizer Krankheit» – bis in die Romantik hiess sie ganz offiziell so. Wenn Schweizer ihr Land ­verlassen, erkranken sie gefährlich an Heimweh. Das Thema wurde in Europa als medizinisches Syndrom erörtert.

Ohne dass sich die Schweizer damit den Ruf von Schwächlingen holten?
Nein, das Thema galt als ernsthaftes medizinisches Problem. Man machte sich auch Gedanken über Therapie­formen. Gleichzeitig grenzte sich die Schweiz vom damals dominanten französischen Kulturmodell ab. Die französische Hochkultur machte die Eidgenossen gerne lächerlich. In den Komödien der Zeit tritt der Schweizer als Tölpel auf. Die Schweizer Soldaten in den französischen Garnisonen galten als trunksüchtig, ungehobelt und unkultiviert. Die Schweizer Aufklärer des 18. Jahrhunderts reagierten darauf clever. Sie machten aus dem Vorwurf einen Vorzug. Sie drehten das Negativstigma ins Positive und sagten: «Wir sind stolz auf unsere Grobschlächtigkeit.» Man deutete diese zum Ausdruck von Ursprünglichkeit um: ein Charakter, der noch nicht verdorben und verweichlicht war. Dieser Diskurs über den Nationalcharakter hatte später einen erheblichen Einfluss auf die Auseinandersetzungen in der Vorphase des Bundesstaats, als man verzweifelt nach integrationsstiftenden Faktoren suchte.

Dass die moderne Schweiz ganz organisch aus dem Rütlischwur heraus entstanden ist: Damit ­machen rechtsnationale Kräfte bis heute Politik.
Identitätsstiftende Geschichten sind ein Urbedürfnis von Nationen. Jedes Land sucht nach Geschichten, auf die es stolz sein kann. Dass es die eigene, in den Schlachten unter Beweis gestellte Tapferkeit war, welche die Schweiz in die Gegenwart brachte; dass es die eigene Einsicht war, die uns nach Marignano zur Neutralität führte; dass es die eigene Bescheidenheit war, welche uns machtpolitische Zurückhaltung auferlegte – solche Erzählungen liegen in der Natur der nationalgeschichtlichen Helden­verehrung. Das Problem ist: Alle empirischen Tatsachen, die nicht in diese Darstellung passen, werden ausgeblendet. Besonders der transnationale, grenzüberschreitende Teil der Geschichte fällt weg. Darunter leiden wir heute.

Dabei ist gerade die Bereitschaft, auf Druck von aussen flexibel zu reagieren, ein Teil der Erfolgsstory.
Ja, wie klug und erfinderisch sich die Schweiz über Jahrhunderte zwischen Verflechtung und Abgrenzung bewegt hat – das ist eine beträchtliche Leistung. Wenn man auf etwas stolz sein will in diesem Land, dann nicht auf Souverä­nität und Neutralität, sondern auf die ­Cleverness, mit der sich das Land in ­einem variablen, oft sehr dynamischen und riskanten Umfeld arrangiert hat.

Wie entstand diese Cleverness?
Seit dem 15. Jahrhundert gibt es bei den eidgenössischen Spitzenpolitikern ein Sensorium dafür, wie wichtig die Aussenbeziehungen sind. Es ist kein Zufall, dass im Gefolge der Burgunderkriege die Friedensverträge mit den grossen Antagonisten in Europa geschlossen werden. 1474 mit Habsburg; 1516, ein Jahr nach Marignano, mit Frankreich. Die Eidgenossenschaft einigt sich mit den grossen Kontrahenten und nimmt sich gleichzeitig aussenpolitisch zurück. Man ist deswegen aber nicht neutral. Im Gegenteil: Man ist mit beiden Blöcken stark verflochten und pflegt ein Geben und Nehmen. Dass es gelingt, dieses ­Geschäftsmodell über Jahrhunderte ­hinweg immer wieder zu aktualisieren: Das erklärt ein Stück weit den Erfolg der Schweiz. Es gibt dabei auch Phasen, wo es nicht funktioniert – vor allem am Übergang des 18. ins 19. Jahrhundert, als das Mächtegleichgewicht in Europa ­wegen des unerwarteten Sieges von Frankreich im ersten Koalitionskrieg kippt und plötzlich eine Grossmacht auf dem Kontinent die politische Landkarte allein und exklusiv zeichnet.

Sind wir jetzt wieder in einer ­Situation, in der das ­Traditionsmodell nicht mehr ­funktioniert – weil wir erneut in einer Zeit ohne konkurrierende europäische Mächte leben?
Tatsächlich hat sich Europa sehr stark verändert. Seit der europäische Einigungsprozess läuft, laboriert die Schweiz an der Frage herum, wie sie sich verhalten soll. Schweizer Intellektuelle sahen die Herausforderung schon in den 1940er-Jahren kommen, als es gegen Ende des Krieges ging. Es war absehbar, dass die europäischen Länder nach ­Modellen suchen würden, die verhinderten, dass es nochmals zu einem ­Weltkrieg kommen konnte. Die Schweiz tat sich enorm schwer mit dieser He­rausforderung. Noch in den 50er-Jahren dachten Leute wie Denis de Rougemont intensiv darüber nach, ob nun der Moment wäre, um sich in den europäischen Einigungsprozess einzubringen. Die Politik entschied anders. Man entwickelte Alternativ- und Gegenmodelle – die Efta, die Bilateralen. Trotzdem wurde die Schweiz immer einsamer. ­Dabei muss man aus einer historischen Perspektive sagen: Noch nie hatte die Schweiz ein so günstiges Umfeld wie heute – weit und breit keine Macht, die aggressive, militärische Ambitio- nen ­gegenüber dem Land hat. Im Gegenteil: Der europäische Einigungsprozess ­sichert auch der Schweiz den Frieden.

Das Modell von Verflechtung und Abgrenzung ist zugeschnitten auf unruhige Zeiten?
Nicht nur! Man kann sich ja auch fragen: Wie bringt man sich in ein dynamisches Umfeld ein, das beschlossen hat, in einen Integrationsprozess einzusteigen. Das ist eine neue Herausforderung. In jüngerer Zeit waren die bilateralen Verträge der Königsweg. Dieser ist nun politisch unter Druck gekommen. Es gibt starke Kräfte, welche die Verbindungen mit Europa und den Austausch zwischen der Schweiz und Europa schwächen wollen. Ich finde das unschweizerisch. Wer solches anstrebt, dem fehlt ein tieferes Verständnis für die Geschichte dieses Landes. Die Schweiz hat nicht überlebt, weil sie auf ihre Souveränität und Neutralität gepocht hat.

Sondern?
Sie hat überlebt, weil sie erkannt hat, dass sie als Kleinstaat über begrenzte Machtressourcen verfügt und dass sie sich als Kleinstaat sinnvoll mit dem Umfeld verflechten muss. Heute besteht die Herausforderung darin, das geeignete Modell zu finden, damit man im modernen Europa weiterhin das Schweizer ­Erfolgskonzept anwenden kann. Ich gehe davon aus, dass die Schweiz über kurz oder lang weitere Integrationsschritte unternehmen wird. Momentan fehlt aber noch der Leidensdruck. Auch der innerhelvetische Integrationsprozess – der im Übrigen dem europäischen in vielerlei Hinsicht gleicht – gelang nur, weil der Leidensdruck hoch war. Es hat 1847 einen Bürgerkrieg gebraucht, damit das Integrationsmodell Bundesstaat ­realisiert werden konnte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.11.2014, 07:05 Uhr)

André Holenstein

Historiker in Bern

André Holenstein (55) lehrt als Professor für ältere Schweizer Geschichte und vergleichende Regionalgeschichte an der Universität Bern. In seinem eben erschienenen Buch «Mitten in Europa» zeichnet Historiker Holenstein nach, wie sich das Verhältnis der Schweiz zu ihrem Umfeld im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat – es ist die Geschichte einer faszinierenden Gleichzeitigkeit von Verflechtung mit und Abgrenzung gegenüber Europa. (han)

André Holenstein

Mitten in Europa – Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2014. 312 Seiten, ca. 50 Franken.

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