Zu welcher Generation gehören Sie?

Generationen X, Y, Z: Was ist dran an solchen Etiketten? Unser Überblick zeigt es.

In den letzten Jahren war vor allem von den Millennials die Rede. Heute zeichnet sich eine neue Kohorte ab, die Generation Z.


Weil die Jungen weniger Colagetränke konsumieren, schaltete Pepsi kürzlich einen Werbespot. Zu sehen war die 20-jährige Trendsetterin Kendall Jenner – 21 Millionen Twitter-Follower, 80 Millionen Instagram-Abonnenten –, wie sie einen Konflikt zwischen Demonstranten und der Polizei verhindert, indem sie einem Beamten eine Pepsi-Dose reicht. Doch der Getränkehersteller erntete für den Clip nur Hohn – und erlitt darauf einen gewaltigen Imageschaden. In den sozialen Medien kursierten Bilder von Polizeigewalt gegen Schwarze. «Schnell, gebt ihnen eine Pepsi», stand darunter.

Man ahnt, was sich die Werber überlegt und erhofft hatten: Die Jungen von heute sind politisch, sozial, tolerant, Video-affin und share-geil. Lasst uns daraus einen Spot basteln, der viralgeht! Es ist ein harmloses Beispiel für einen Generationenkonflikt, aber es wirft ein grelles Licht darauf, wie Altersgruppen kategorisiert werden. Die Marketingleute haben ein Interesse daran, jede kleinste kulturelle Veränderung zu erkennen, um sie zu Geld zu machen. In den letzten 20 Jahren jagte deshalb eine Generationenbenennung die nächste. Generation Ally, Generation Golf, Generation Praktikum, Internetgeneration, Generation X, Generation Y, Generation XXL (übergewichtige Kinder) und so weiter.

Nicht jeder war ein Raver

Die Medien wiederum greifen solche Etiketten dankbar auf, weil diese die Leser auf ähnliche Weise faszinieren wie Horoskope: Es ist eine Spielerei, die einen ins Grübeln bringt, wie viel daran wohl wahr ist und was es über einen selbst aussagt. Sind Babyboomer wirklich höflicher als Millennials? Sind sie sexuell zugeknöpfter als ihre Nachgeborenen, die mit allzeit verfügbarer Onlinepornografie aufwuchsen? Und – so fragt die englische Journalistin Tiffanie Darke in ihrem neuen Buch «Now We Are 40» – was ist eigentlich mit der Generation X passiert, die in den 90ern jung war? Hat die tatsächlich nicht mehr als Easyjet-Flüge nach Ibiza und Technoparaden hervorgebracht? Kurze Antwort: Doch, hat sie. Zum Beispiel das Internet. Aber niemand bemerkte es, weil man zu sehr mit Feiern beschäftigt war.

Manchmal gelingt es solchen flapsigen Generationenetiketten, langfristige Umwälzungen in Kultur, Wirtschaft, Politik oder Technologie vorwegzunehmen. Für den Schweizer Generationenforscher François Höpflinger sind die meisten von ihnen aber problematisch: «Viele Generationenkategorien beziehen sich auf Trends, die sehr kurzlebig sind.» Ausserdem werden Ausprägungen einzelner kultureller oder sozialer Gruppen auf ganze Bevölkerungsschichten übertragen, was Unsinn ist. Nicht jeder Babyboomer war in den 60er-Jahren ein Revolutionär, der Familie und Nation als reaktionär verwarf. Und nicht jeder, der in den 90ern jung war, tanzte nächtelang an Megaraves. Genauso wenig, wie alle Millennials faule Ego-Taktiker sind, die «Girls» gucken und Ritalin schlucken. Trotzdem sind Beschreibungen von Generationen wissenschaftlich relevant. «Es gibt kein menschliches Leben ausserhalb von Generationenbeziehungen», so Höpflinger. «Jede Gesellschaft muss ihre materielle und kulturelle Existenz über die beschränkte Lebenszeit einzelner Menschen hinaus sichern.»

Um die Generationen und deren Beziehungen zueinander zu erfassen, kennt die Soziologie verschiedene Modelle. Zum Beispiel die Abstammungsfolge «Kinder-Eltern-Grosseltern», welche die Generationen in 30-Jahr-Zyklen einteilt. Der «pädagogische Generationenbegriff» wiederum unterscheidet zwischen vermittelnder und aneignender Generation. Allerdings wird er heute kaum mehr verwendet. Gerade in der digitalisierten Gesellschaft lernen ältere Menschen nicht selten von jungen.

In der Wissenschaft hat sich letztlich eine Definition durchgesetzt, die vor 100 Jahren vom Soziologen Karl Mannheim formuliert wurde: Eine Generation ist eine Altersgruppe, die durch gemeinsame historisch-gesellschaftliche Ereignisse und Einwirkungen geprägt wurde, wodurch sie sich von früher oder später geborenen Menschen unterscheidet. Zum Beispiel Krieg, Tod, Hunger, Stillstand, aber auch Frieden, Wohlfahrt oder technologische Errungenschaften.

Die Soziologie verwendet die Generationenmetaphern – den Marketingleuten nicht unähnlich – als Kunstgriff: Man greift einen Teil der Realität auf und überinterpretiert ihn zum besseren Verständnis. So ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich genau alle 15 Jahre eine neue Generation entstanden. Die skeptische Generation (1921–1945), die Babyboomer (1946–1964), die Generation X (1965–1980), die Millennials, auch bekannt als Generation Y (1981–1994).

Dank medizinischem Fortschritt leben heute bis zu fünf Generationen miteinander. Beeinflussen Ereignisse wie 9/11, Fukushima oder eine Weltwirtschaftskrise deshalb nicht Angehörige aller Altersgruppen? «Sie hinterlassen vor allem eine dauerhafte Spur bei den Angehörigen der Generation, die sich zu diesem Zeitpunkt im Jugendalter befindet», sagt der deutsche Sozialwissenschaftler und Jugendforscher Klaus Hurrelmann: «In der Entwicklungszeit, vor allem um die 15 Jahre herum, ist man besonders empfindlich darauf.» Laut Hurrelmann wird ein Drittel der Jugendlichen einer Generation durch solche Ereignisse massgeblich geprägt. Ein weiteres Drittel werde leicht geprägt, der Rest gar nicht. Die Digitalisierung verstärkt diesen Effekt, weil Ereignisse unentrinnbar sind. Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen, man will es auch, was die Intensität des Erlebnisses noch einmal steigert. Das «turn on, tune in, drop out» der Babyboomer, der Rückzug aus der Gesellschaft, ist keine Option mehr.

In den letzten Jahren war vor allem von den Millennials die Rede. Heute zeichnet sich eine neue Kohorte ab, die Generation Z. Ihre Mitglieder sind zwischen 1994 und 2012 geboren. Weil sie zahlreicher sind und insgesamt mehr Geld zum Ausgeben haben als die Millennials, überbieten sich Marktforscher bereits mit Etiketten und Psychogrammen. Bei den Fünfjährigen ist das zwar schwierig – sie sind knapp der Trotzphase entwachsen –, doch von den älteren Angehörigen der Generation Z glauben die Marketingexperten und Soziologen ein genaues Bild zu haben. «Sie sind von Terrorismus und Flüchtlingskrise geprägt, aber es ist keine Wirtschaftskrise in Sicht, sie stehen deshalb weniger unter Druck als die Millennials», sagt Klaus Hurrelmann. Die heutigen Jungen hätten so wieder Zeit, über Werte und die Gesellschaft nachzudenken.

Eine «woke» Altersgruppe

Zentral ist auch das Leben mit dem Smartphone: Mitglieder der Generation Z gelten als die wahren Digital Natives, die eine Zeit ohne Social Media nicht mehr erlebt haben. Sie sind sich bewusst, dass sich Arbeit und Freizeit dadurch noch mehr verzahnen. Die Attribute der Z-Generation lauten: strebsam, gewissenhaft, besorgt, engagiert, politisch. Im Englischen gibt es mit «woke» bereits ein neues Wort, das diese Eigenschaften subsumiert.

So falsch lag Pepsi mit dem Spot also nicht – könnte man meinen. Wieso war er trotzdem ein Flop? Nun, eine Dose Pepsi beendet keine soziale Ungerechtigkeit, auch wenn sie von Kendall Jenner überreicht wird. Der eigentliche Grund ist noch simpler: Nachrückende Generationen wurden schon immer gerne unterschätzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 06:03 Uhr

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