Der vermessene Mann

Quantified Self heisst eine amerikanische Bewegung, die jetzt auch auf Europa übergreift. Junge Männer machen sich dabei zu wandelnden Statistiken. Ihr Ziel: sich zu optimieren.

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Morgens nach dem Aufstehen tragen sie ihr Schlafverhalten in eine Tabelle ein. Sie messen Körpergewicht, Lungenvolumen, Grad der Mundfeuchtigkeit. Vor dem Mittagessen haben sie bereits den täglichen Intelligenztest durchgeführt. Sie scannen die Pigmentierung ihrer Haut und messen die eigenen Gehirnströme. Sie dokumentieren akribisch, was sie essen, wie weit sie joggen und was der Toilettenbesuch gebracht hat. Die Daten stellen sie ins Internet. Sie sind keine Untertanen in einer Science-Fiction-Gesundheitsdiktatur, sondern Bürger demokratischer Staaten, die ihre Freiheit dazu nutzen, das eigene Leben in eine Statistik zu verwandeln.

Quantified Self heisst eine wachsende Bewegung aus den USA, die auf Europa übergreift. Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz. Vom Stirnband mit EEG-Sensoren bis zum Blutdruckmessgerät mit USB-Anschluss: Durch Selbstvermessung wird die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine endlich intim.

Wie eine männliche Magersucht

Den Selbstvermessern geht es um Optimierung. Sie wollen die erfassten Daten nutzen, um ihre Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu steigern. Der Feind heisst nicht Übergewicht und Unsportlichkeit, sondern Unordnung, Kontrollverlust, fehlende Disziplin. Das Ich als Forschungsobjekt: Der Selbstvermesser hofft, sich im Datenspiegel zu erkennen, Fehler auszubügeln und zu einem besseren Leben zu gelangen. Als wäre Glück ein Rechenergebnis, erzielbar durch die korrekte Anwendung einer Formel. So betrachtet stellt Quantified Self eine Art männliche Magersucht dar. Junge Mädchen meinen, durch maximale Askese einem idealisierten Selbstbild näherzukommen; die überwiegend männlichen Selbstvermesser glauben, mit dem Einsatz von Technik eine perfektionierte Version ihrer selbst verwirklichen zu können. Schönheit oder Leistungsfähigkeit sind dabei nur fiktive Ziele, die, ähnlich dem Horizont, beim Näherkommen in immer weitere Fernen rücken.

Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz.

In Wahrheit geht es nicht um das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses, sondern um die Illusion, mit totaler Selbstkontrolle Herr über das eigene Schicksal werden zu können. Selbstermächtigung durch Selbstversklavung: Genau wie die Magersüchtige führt auch der Selbstvermesser einen Kampf gegen den eigenen Körper. Letztlich wirkt da die religiöse Vorstellung fort, der Weg zur Freiheit des Geistes führe über die Kasteiung des Fleisches. Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht. Als frommer Gläubiger nimmt sich der Selbstvermesser jede Möglichkeit zum Selbstbetrug. Die Datenbank ist sein Beichtstuhl, der Dienst an der Technik sein tägliches Gebet. «Selbst, selbst, selbst», lautet das Credo einer Religion ohne Gott, die den Einzelnen zum Schöpfer, zum Designer der eigenen Person erhebt. «Vermessen» ist nicht nur der Körper des Selbstquantifizierers, sondern auch der Anspruch, die totale Konzentration auf sich selbst müsse eines Tages zu Wohlbefinden führen. Egozentrik als Biozentrik.

Im Grunde bräuchte es ja nicht weiter zu interessieren, was ein paar Technikfans mit ihrem Überschuss an Freizeit und Geld anfangen, wenn die Idee von Quantified Self nicht als extremer Auswuchs eines allgemeinen Trends zu deuten wäre. Es sind nicht nur die Selbstvermesser, es ist unsere ganze Gesellschaft, die zunehmend dem Glauben verfällt, physische Perfektion sei das «höchste Gut». Gedüngt wird dieser blühende Irrtum von einer gigantomanen Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie, die ihre Selbstverbesserungspräparate an Mann und Frau bringen will. In der Werbung werden dazu körperbetonte Idealbilder entworfen. Einst behauptete ein altes Sprichwort, es komme auf die inneren Werte an, und damit waren nicht die Blut- und Leberwerte gemeint. Die Ablösung von moralischen Tugenden durch oberflächliche Begriffe wie Schönheit, Fitness, Jugend ist eine bedauernswerte Nebenwirkung des konsumgestützten Kapitalismus. Unser Wirtschaftssystem ist nun mal darauf angewiesen, dass wir permanent durch eine Mischung aus Leistung und Konsum nach Glück zu streben suchen.

Entsprechend anfällig ist unsere Gesellschaft für die Annahme, das Wesentliche am Menschen sei der materielle Teil. Der messbare Mensch ist der vergleichbare und damit selektionsfähige Mensch. Auch wenn jeder Selbstvermesser diesen Gedanken empört von sich weisen würde: Es gab in Deutschland schon einmal eine Bewegung, die meinte, den Wert eines Menschen am Kopfumfang ablesen zu können. Die Selbstquantifizierer befinden sich auf dem Holzweg, wenn sie erklären, die Informationssammelei diene der Aufklärung im kantschen Sinn. Das Mündige an einem Bürger ist nicht der Körper, sondern der Geist. Die Verwandlung eines Lebewesens in Zahlenkolonnen macht den Menschen zum Objekt und läuft damit automatisch Gefahr, Fremdherrschaft zu begründen.

Krank? Selber schuld!

Schon jetzt freut sich das überforderte Gesundheitssystem darauf, Quantified Self sukzessive zu einer allgemeinen Verpflichtung zu erheben, um auf dieser Grundlage Versicherungsleistungen nach dem Selber-schuld-Prinzip zu verweigern. Wenn es einen optimalen Lebensstil gibt, der zum optimalen Körper führt, dann gibt es auch messbare Abweichungen, an die sich Belohnung und Strafe knüpfen lassen. Ob sie es wollen oder nicht – als Vorreiter in Sachen Körperwahn machen sich die Selbstvermesser zu Versuchskaninchen für das Konzept des Gesundheitsuntertanen. Sie entwickeln und testen Sensoren, die wir vielleicht eines Tages alle am Handgelenk tragen, um auf diese Weise am Bonus-Malus-System der Krankenkassen teilzunehmen. Schon heute können Versicherungen ihre Zahlungen zurückhalten, wenn es um die Verletzungen eines Extremsportlers oder Komplikationen nach einer Schönheitsoperation geht.

Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht.

Die Verknüpfung von Krankheit und Schuld bedeutet nicht weniger als das Ende von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität – zwei Werte, die das Fundament einer demokratischen Gesellschaft bilden. Wer glaubt, Gesundheit und Wohlbefinden könne man sich erarbeiten, indem man entlang von Normen alles «richtig» macht, der mag bald nicht mehr einsehen, warum er mit seinen Versicherungsbeiträgen für die Raucherlungen, Säuferlebern und verfetteten Herzen irgendwelcher undisziplinierter Hedonisten aufkommen soll. Der wird seine Sätze bald mit «Man muss doch nur» und «Ist es denn zu viel verlangt» beginnen. Wer meint, das Schicksal bezwungen zu haben, teilt die Welt in Gewinner und Versager ein und betrachtet körperliches oder seelisches Leid als Charakterschwäche.

Diese Einstellung ist kein Akt der Emanzipation, weder vom Schicksal noch von einem bröckelnden Gesundheitssystem. Sie ist ein Rückschritt in der Geschichte des humanistischen Denkens. Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Ein mündiger Mensch kann auf seine Fähigkeit vertrauen, das rechte Mass der Dinge ohne Messgeräte zu ermitteln. Selbstvermessung hingegen ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. Im Wunsch, die eigene Existenz möglichst restlos zu beherrschen, drückt sich vor allem die Angst aus, als Individuum in der grossen, weiten Welt der schönen und schrecklichen Möglichkeiten verloren zu gehen. Wir sind alle fehlerhaft. Wir bestehen zum grossen Teil aus Schwächen. Der kleinste Zufall besitzt die Macht, uns zu vernichten. Das Sammeln von Informationen schützt nicht dagegen. Bei Tageslicht betrachtet, ist es nicht mehr als der Versuch, der eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge zu blicken.

Der totalitäre Körper

Nichts spricht dagegen, den eigenen Körper und am besten auch Herz und Geist zum Besseren entwickeln zu wollen. Leider fällt es uns Menschen schwer, zu verstehen, dass das immer Bessere nicht im Extrem, sondern in der Balance zu suchen ist. «Nichts übertreiben», lautet ein recht verlässliches Rezept, das nicht zuletzt auch für das Streben nach Wohlbefinden gilt. Gesundheit kann eine Voraussetzung für das gute Leben, nicht aber Selbstzweck sein. Als Endziel aller menschlichen Bemühung entfaltet der Körper totalitäres Potenzial. Ein Staat, der seine Bürger zu dem verpflichtet, was sich ein Selbstvermesser freiwillig abverlangt, wäre tatsächlich eine Gesundheitsdiktatur. Es gilt dafür zu sorgen, dass der Freiheitsverzicht von Quantified Self ein legitimes Hobby bleibt. Und nicht heimlich zum gesellschaftlichen Konzept mutiert.


Im August erscheint Juli Zehs neuer Roman «Nullzeit» bei Schöffling & Co.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.07.2012, 13:33 Uhr)

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