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Kaderschmiede für charismatische Pastoren

Von Von Michael Meier. Aktualisiert am 02.09.2011

Das Institut für Gemeindeaufbau und Weltmission ist die wichtigste Ausbildungsstätte der Evangelikalen. In Zürich lernen angehende Pastoren, zu neuen Ufern aufzubrechen und Skater- oder Fitnesskirchen zu gründen.

Andreas Boppart predigt mit ganzem Einsatz. Er gestikuliert, steigt auf einen Stuhl, zeigt seinen zerbrochenen Scooter. Der 32-jährige Familienvater ist der neue Shootingstar der Szene, von dieser liebevoll Boppi genannt. Er leitet bei der Missions- und Schulungsbewegung Campus für Christus den Jugendbereich unter dem Namen Generation Ministry. Häufig ist er als Eventprediger unterwegs, mit Vorliebe an Grossevents. Als Evangelist der neuen Generation verweise er nicht ständig auf Jesus, sagt er. «Wir selber sind die Botschaft, indem wir verkörpern, was wir glauben.»

Boppis markanteste Predigten lassen sich downloaden. Sein Anliegen ist es, «die Power des Evangeliums in heutige Formen zu übersetzen». Ein zeitgemässer Evangelist müsse das Internet, Youtube und das iPhone nutzen. Das verkündet der smarte und rhetorisch gewandte Bündner an einer Tagung des Instituts für Gemeindeaufbau und Weltmission (IGW) vor angehenden Pastoren. Der einstige Sekundarlehrer hat dort sein Theologiestudium absolviert und wird vom Institut immer wieder als Referent eingeladen.

Galionsfiguren der Szene

Auch andere Galionsfiguren der evangelikal-charismatischen Szene haben am IGW ihr Rüstzeug geholt. Etwa Leo Bigger von der Trendkirche ICF, oder Peter Widmer, bekannt für seine Milieuarbeit an der Langstrasse. Obwohl eher skeptisch gegenüber der engen Moral und der Bibeltreue der Evangelisten, schielen die Landeskirchen etwas neidisch auf die zugkräftigen IGW-Absolventen und beschäftigen sie bisweilen in Sonderpositionen, als Jugendarbeiter oder Kirchencoach, wie Michael Giger, der in der St. Galler Kirche für zeitgemässe Gottesdienstformen sorgt.

Heinz Stupler, der Vater der ICF-Kirche, hat das Institut vor 20 Jahren gegründet. Mit gegenwärtig 320 Studenten ist es die grösste evangelikale Ausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum. Die Pastoren- und Kaderschmiede hat verschiedene regionale Ausbildungszentren in der Schweiz, aber auch in Deutschland. Wie Rektor Fritz Peyer am Hauptsitz an der Zürcher Josefstrasse erklärt, ist das IGW wohl eine theologische Ausbildungsstätte, funktioniert aber wie eine Fachhochschule. «Wir sind weniger wissensbezogen als die theoligischen Fakultäten, sondern stärker praxis- und gemeindeorientiert.»

Mit dem trocken-akademischen Stil im Hörsaal einer Universität hat der Unterricht am IGW wenig gemein. Wenn etwa der amerikanische Evangelist Archibald Hart über den Pastorendienst referiert, zieht er alle rhetorischen Register. Schliesslich sei der Glaube Herzenssache und nicht Kopfsache. Der Pastorendienst sei aber emotional gefährlich, warnt er. Pastoren dürften nicht zu Managern werden: «Gott ist nicht im Erfolgsbusiness tätig, sondern im Läuterungsbusiness.» Im Predigtseminar des Theologen Torsten Hebel, der auch als Kabarettist auftritt, darf gelacht werden. Evangelikaler Gottesdienst ist immer auch Entertainment und Erlebnis. Das Interaktive hat Gewicht. Studierende lernen am IGW, wie sie Gläubige auf die Bühne holen, die dort ihren Glauben bezeugen sollen. Die Predigt ist wohl wichtig, darf aber kein Monolog und nicht zu lang sein. Prediger Jens Kaldevey zeigt in seinem Kurs, wie man ein Thema auf nur einen Punkt bringt und in 20 Minuten darlegt. Musik und Lobpreis gehört selbstverständlich zur evangelikalen Kultur, ist aber an die Arts Ministry School in Walzenhausen ausgelagert.

Die «Täterprofile» von Pastoren

«Unsere Studenten sind in der Regel keine lammfrommen bürgerlichen Streber, keine braven und einfachen Personen», sagt Rektor Peyer, «sondern eher schräge, innovative und charismatische Leute.» Das Institut achte aber auf die Persönlichkeitsentwicklung und halte Selbstdarsteller zur Selbstreflexion an. So versucht Methodistenpfarrer Marc Nussbaumer in seinem Kurs Einfluss auf das Berufs- und Kirchenbild der Studierenden zu nehmen. Er konfrontiert sie mit verschiedenen «Täterprofilen» von Pastoren, etwa mit dem narzisstischen, dem sexualgestörten oder hysterischen Typus. Letzterer versuche durch Gruppendruck und Suggestion Macht zu gewinnen. Nussbaumer zufolge braucht ein Pastor Ergänzung durch ein Team, nicht aber durch hierarchische Kontrolle.

Der Methodist bietet am IGW den neuen zweijährigen Studiengang «Turnaround» an. Er soll Gemeindeleiter befähigen, in traditionell aufgestellten Gemeinden einen Umformungsprozess einzuleiten und verkrustete Strukturen aufzubrechen. «Die klassischen Formen gehen immer über den Gottesdienst, erreichen aber nur ein bestimmtes Segment.» Nussbaumer will demgegenüber die Ausdrucksformen christlicher Gemeinschaft erweitern und «kirchenferne Leute in ihrem eigenen Milieu die Erfahrung des Evangeliums ermöglichen»: etwa Sportlern, Künstlernoder Obdachlosen.

Hip-Hop- und Fitnesskirche

Zu diesem Zweck hat er im Mai mit 25 IGW-Absolventen eine Studienreise nach Sheffield unternommen. Auf den Spuren der Church of England hat er dort verschiedene Aufbrüche studiert. «Es sind zum Teil verrückte Formen von Kirche, die man sich in der Schweiz noch kaum vorstellen kann.» Eine Surferkirche zum Beispiel, eine Jugendkirche in einem Skaterpark oder in einem Fitnesscenter, eine Kaffeehauskirche.

Der Methodist glaubt daran, dass Absolventen des IGW auch in der Schweiz eines Tages eine Hip-Hopper- oder Skaterkirche gründen. Ansatzweise gibt es eine Hip-Hopper-Kirche in Bern Wankdorf. Ebenfalls in Bern versucht ein Kollege von Nussbaumer, eine Kirche mit Boxern aufzubauen. Einen Turnaround habe etwa IGW-Absolvent Pastor Stefan Fuchser in Genf geschafft, indem er die dortige überalterte Chrischonagemeinde zu einer modernen multikulturellen Gemeinde mit vielen Südamerikanern ausgebaut habe.Auch Andreas Boppart will mit seinen Events gewissermassen zu einem Turnaround animieren, zu ansteckendem Glauben und lebendigen Gemeinden. Lebendige Gemeinden ganz in Männerhand? Auf evangelikalen Bühnen geben noch immer Evangelisten wie Boppi den Ton an. Frauen im pastoralen Dienst sind heute noch umstritten. Obwohl am IGW ein Drittel der Studenten Frauen sind.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2011, 12:06 Uhr

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