«Die Talente kommen auf uns zu, schon jetzt!»

IAM Cycling gibt bei der Tour de Romandie sein Heimdebüt. Patron Michel Thétaz denkt schon an 2014. Und dabei auch an Cancellara.

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Zum Gespräch bittet der Chef von IAM Cycling im Sitzungszimmer des Teambusses, des heiligen Ortes jedes Teams. Hierhin ziehen sich die Fahrer zurück, schützen sich vor den Blicken der Fans. Drinnen riecht es noch neu. Kein Wunder: Der Bus, ganz in den Blautönen des Teams gehalten, ist gerade einmal vier Monate alt. Nicht nur im Bus hat der 61-jährige Michel Thétaz ein Heimspiel, sondern in der ganzen Tour de Romandie. Er wuchs unweit von Martigny im Val Ferret auf, die Büros seiner Firma befinden sich kaum 200 Meter von der Ziellinie der Schlussetappe in Genf entfernt. Im Gespräch ist er ganz der Patron, antwortet ausschweifend und jovial. Will er eine Aussage unterstreichen, weiten sich seine Augen. Auch die kommerziellen Ziele, die er mit dem Engagement vorerst während dreier Jahre verfolgt, macht er transparent: Bislang konzentrierte sich IAM auf die Verwaltung institutioneller Vermögen, künftig macht es seine Fonds auch Privaten zugänglich.

Ist es speziell, im eigenen Bus zu sitzen, der komplett in den Farben Ihrer Firma gehalten ist?

Ja. Aber wirklich berührt hat mich, als ich erstmals unsere Fahrer im Fernsehen sah. Ganz zuvorderst im Rennen, wie auch am Sonntag in Lüttich wieder. Das ist das stärkste Gefühl. Dann die Reportagen, auf allen Kanälen – Eurosport, France 2, RTS – überall ist von IAM zu hören. Man merkt jetzt auch: Wir fallen auf im Feld, weil es auf unserem Trikot nur einen einzigen Sponsor hat.

Ein Drittel Ihrer Debütsaison ist um, Ihr Team steht mit zwei Siegen und acht Podestplätzen da. Zufrieden?

Mehr als! Das ist schon über meinen Erwartungen. Und das ist wirklich wegen des Teamgeistes unter den Fahrern. Es gibt keinen Neid, einmal arbeiten sie für den, dann für den anderen. Jeder weiss das. Wir haben keine Primadonna-Kultur, in der einer nicht arbeiten muss. Zudem muss man sehen: Im ersten Jahr gewinnt ein neues Team selten gleich unzählige Rennen. Es muss sich erst finden.

Wie viele Tage haben Sie bereits mit der Equipe verbracht?

Zuletzt eigentlich alle Wochenenden. Ich setze mich am Samstagmorgen in den TGV, bin zwei Tage beim Team und am Sonntagabend zurück in Genf. Diese Woche werde erstmals auch im Büro fehlen. Aber es ist ja auch die Tour de Romandie.

Welche Rolle nehmen Sie bei den Rennen ein? Erheben Sie auch mal das Wort in den Teamsitzungen?

Je nachdem. Mein Führungsstil lautet: Jeder ist ein Unternehmer. Beim Mutterhaus IAM sind alle 45 Mitarbeiter Unternehmer – ob Partner oder Sekretärin. Dasselbe bei IAM Cycling. Alle tragen Verantwortung. Meine Rolle ist es, sicherzustellen, dass alles läuft, dass Zuversicht da ist. Mit mir können alle Teammitglieder Dinge besprechen, die sie beschäftigen, die sie nicht mit dem Sportlichen Leiter teilen wollen.

«Bei einem Dopingskandal müsste ich vorne hinstehen. Darauf habe ich überhaupt keine Lust.»

Eines der Credos von IAM Cycling lautet: «Unsere Obsession: kein Doping.» Wie stellen Sie dies sicher?

Zuerst einmal durch die Zusammenarbeit mit dem Uni-Spital Genf, mit den Tests, die wir durchführen. Zudem sind wir daran, mit der MPCC (Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport), eine Vereinigung der Teamsponsoren zu gründen. Die Sponsoren müssen in die Verantwortung genommen werden, das ist ganz zentral. Denn: Wenn sie alle Macht den Teammanagern überlassen, öffnen sie die Tür für Skandale. Bei uns zum Beispiel bedeutet das: Die Ärzte rapportieren direkt an mich – und nicht an die Sportlichen Leiter. Sollten wir je einen Dopingskandal haben, würde nicht Teammanager Serge Beucherie vorne hinstehen müssen, sondern ich. Und darauf habe ich überhaupt keine Lust. Aber klar: In einem Unternehmen kann man alles richtig machen – und trotzdem kann sich einer in der Kasse bedienen. Aber das ist dann erklärbar.

Nur könnte der Sponsor ja auch die Maxime ausgeben: Macht, was auch immer für den Sieg nötig ist.

Nein. Das geht nicht mehr. Wenn der Sponsor ein Komplize ist, schadet es seinem Ruf. Beim Festina-Skandal konnte der Sponsor noch sagen: «Wir dachten, da ginge alles sauber zu und her.» Das geht so nicht mehr. Diese Massnahme mit dem Sponsorenvertreter kann dem Radsport in zwei, drei Jahren helfen. Und jene Teams, die nicht diesen Regeln der MPCC folgen, werden sich erklären müssen.

Nun folgt die Tour de Romandie, das eigentliche Heimrennen. Da sind die Erwartungen schon etwas höher?

Natürlich. Aber das Rennen ist ziemlich kurz, hat nur eine Bergetappe. Zudem ist unser designierter Leader Thomas Lövkvist verletzt. Darum zählen wir jetzt auf Johann Tschopp. Wir wollen wieder in die Fluchtgruppen gehen, dazu soll Tschopp in den Bergen etwas versuchen. Er hat die Form, das hat er bereits gezeigt. Nur: Das Zeitfahren am Sonntag ist halt nicht sein Ding … In solchen Konstellationen spreche ich jeweils vom «Fine Tuning» für 2014.

Das heisst konkret?

Vor einem Jahr mussten wir jene Fahrer engagieren, die auf dem Markt waren. Jetzt müssen nicht mehr wir um die Talente werben, sie kommen auf uns zu, schon jetzt! Das überraschte mich. Die Stimmung in der Mannschaft macht das aus. Im Fahrerfeld wird viel geschwatzt. Unsere Fahrer werden gefragt: «Warum läuft es dir jetzt besser als die vergangenen Jahre?» Sie antworten: «Wegen der Stimmung, der Unterstützung, die wir erhalten – es passt.» Ja, wir haben schon einige interessante Kontakte gehabt.

Dann sind Sie bereits mit vielen Arrivierten in Kontakt?

Das fängt jetzt an, ja. Man muss auch bedenken, dass sich gewisse Teams wohl zurückziehen: Vacansoleil, Radioshack, Blanco. Das ergibt für uns ein interessantes Problem: Unter Umständen suchen plötzlich viele Fahrer ein neues Team. Wir müssen also nichts überstürzen.

Es gibt da einen grossen Schweizer Fahrer, dessen Vertrag Ende Jahr ausläuft …

es gibt viele gute Schweizer.

Aber mit ihm haben Sie bereits gesprochen, schon vergangenen Herbst.

Natürlich, wir haben schon oft miteinander gesprochen. Der konstruktive Dialog mit Armin (Meier, Fabian Cancellaras Manager, die Red.) ist nie abgebrochen. Fabian ist ein grosser, grosser Champion. Aber wir sind keine sehr grosse Equipe. Da besteht ein Graben. Denn so einen Fahrer wollen alle grossen Equipen. Wir sind nur die Schweizer für ihn, kein grosses Team. Das ist die Herausforderung.

Jetzt machen Sie sich kleiner als Sie sind.

Ach, vielleicht (lacht). Ich mache uns kleiner, um die Verhältnisse aufzuzeigen. Dass er sich für uns interessiert, ist eine Anerkennung unserer Arbeit.

Seine Verpflichtung brächte auch Probleme mit sich: Mit ihm würden Sie einen Star holen, den Sie derzeit bewusst nicht im Team haben.

Das ist so. Wir müssen stets einen klaren Kopf bewahren. Denn der Dialog mit Cancellara, er ist nicht einfach.

Schwieriger als in der Finanzwelt?

Dort kann es ähnlich sein. Aber dort können Sie die Dinge quantifizieren – ja oder nein. Hier geht es oft um qualitative Faktoren, die sich nicht so leicht beziffern lassen.

Aber wenn die konkrete Chance da wäre, Cancellara zu verpflichten?

Hören Sie: Um in der Deutschschweiz bekannter zu werden, könnte ich mir nichts Besseres träumen lassen. Wenn sie Werbungen mit ihm schalten für unsere Fonds, dann kaufen alle. Nicht im Millionenbereich, aber 10'000, 15'000 Franken. Und dafür ganz, ganz viele Leute.

Spüren Sie bereits jetzt einen gewissen Werbeeffekt?

Es sind schon mehrere Millionen in unsere Anlagefonds geflossen.

Wegen der Equipe?

Genau! Es gibt in Genf viele selbstständige Vermögensverwalter, die in der Freizeit auch Rad fahren. Die kommen nun plötzlich auf uns zu. Ha (lacht)!

Dann sind die sieben Millionen Euro Jahresbudget gedeckt?

Nein, nein. Aber wir denken ja langfristig. Und richtig konkret wird es erst, wenn das Team IAM Cycling langsam ein Begriff ist. Deshalb starten wir nächste Woche eine schweizweite Werbekampagne mit dem Slogan: Wer bei uns investiert, unterstützt auch IAM Cycling.

Sie hoffen nach wie vor auf eine Einladung für Ihr Team zur Tour de France. Haben Sie im Mannschaftsbus ein paar Champagnerflaschen bereit, sollte der Bescheid diese Woche kommen?

Tour-Chef Prud’homme sagte kürzlich in einem Interview, der Wildcard-Entscheid zerreisse ihm fast das Herz. Das ist bereits ein Erfolg für uns! Wir haben wohl noch nicht so oft gewonnen, aber doch einige schöne Resultate erzielt. Ich bin mir sicher, sie würden uns gerne einladen, tun sich aber schwer, zugleich der französischen Saur-Sojasun-Equipe abzusagen – obwohl wir bezüglich sportlicher und ethischer Kriterien vorne liegen. Klar wäre das eine wunderbare Nachricht. Ansonsten werden wir unser «Fine Tuning» so ausführen, dass wir 2014 ganz sicher dabei sein werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.04.2013, 22:23 Uhr)

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