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Jamilehs digitale Welt
Facebook-Nachricht von Jamileh*: morning everybody, wiä spat & gg?
Fiona: hey shads, 12, gg, >>>3, beshti bish
Jamileh: omg, shit, sho 12i! tshegs hüt noni gans. bin no hi- und hergrisse. irgedwiä ishs experimänt ächli weich, aber bi au gehrt, dass si mi gfrögd het. söll i oder nöd?
Fiona: shwöshterherz >>>3, hör uf hirne, mach mit! kusskusskuss love u forever sister >>>3 (*_*)
Also gut, denkt sich Jamileh, Augen zu und durch. Die Anfrage der Journalistin, in ihr Facebook-Account schauen zu können, um zu erfahren, wie eine 14-Jährige heutzutage funktioniert, ist zwar etwas eigenartig, aber eben: Die Sache schmeichelt ihr auch. Jamileh setzt sich an den Computer, die glitzernd braun lackierten Nägel klacken im Takt: «Hallo. Hier die Einloggdaten in mein Facebook-Account: Jamileh.Merizadi@hotmail.com & idaziremhelimaj. Ich hoffe, Sie treiben keinen Schabernack damit. Grüsse, Jamileh.»
Sie stöpselt sich die Lautsprecher des iPhone in die Ohren, verscheucht den Kater vom Kopfkissen und streckt sich auf ihrem Bett aus. Im Ohr Rapper Tyga, denkt sie über die Fragen der Journalistin nach. Facebook (FB 25.66 -0.38%) – was ist das eigentlich? Dorthin entweicht Jamileh, wenn ihr langweilig ist oder nichts läuft, was sie ablenkt; das ist der Ort, an dem sie viel direkter und mutiger sein kann als im richtigen Leben. Facebook heisst aber auch: immer jemanden zu haben, der zuhört und mit einem spricht. Von ihren momentan 890 Freunden sind jeweils um die 70 aktiv. Nach Mitternacht sind es noch zwei Dutzend. Kürzlich wachte Jamileh um drei Uhr nachts auf und checkte kurz ihren Account.
Natalia: alli am schlafe oder was? bruch dringend unterhaltig!:)
Schlaftrunken Jamileh: hey, shaads, han di grad ufs WC mitgno.
Jamileh hat momentan vier Schwestern und vier Brüder. Mit Fiona war sie bis vor drei Monaten verheiratet: Jamileh Merizadi Brent und Fiona Brent Merizadi nannten sich die Freundinnen. Dann verliebte sich Fiona in Marco, seither heisst sie Fiona Brent Perilli. Jamileh ist single und geniesst das. Sie fühlt sich frei, kann schreiben, chatten und flirten, mit wem sie will, und muss keine Eifersuchtsszenen fürchten, wie Fiona sie zu bewältigen hat. Vor drei Tagen zum Beispiel spielte sich folgender Chat ab.
Fiona: Mega puff. shaads, was meinsch, chan ich das em marco so säge? (Es folgte, was Fiona an Marco zu schreiben plante) befor ich afange will ich, dass duh weish das ich dich über alles lieb! aber weish, ich finds mega sheisse, das duh mir nöd vertraush. ich lieb de francesco nöd. es entüsht mich mega das duh mich behandlish wie es spielzüg . . . ich lahn mir das eifach nöd gfalle amo! weish s gaht mer ums prinzip. das duh s gfühl hesh duh chash sege mit wem ich hänge und mit wem ichs gued ha dörf . . . mit mir chash das nöd mache.
Jamileh: guet gmacht, shnug :)
Fiona: shaads, danke das duh da bish ich finds nöd selbstverstendlich!
Während des Chats meldete sich Dario: hey ^.^ – mich vermisst?
Jamileh: äääh, nai, ^^ beleidigt? :-P
Dario: sehr
Jamileh: kai grund, känn di ja nöd ;–D
Dario: das cha sich ändere. wie laufts with fründe?
Jamileh: guet ;–D
Dario: und mit mier?
Jamileh: schiss :-P
Zwei Tage später
Dario: lebsh no? mich vermisst?
Jamileh: sicher ;–D du mich? :-P
Dario: nöd mal gshribe hesh -.-
Jamileh: will ich xait ha duh sötts mir & mer loost was d’frau seit
Dario: nur wenn mal mit mier abmachsh
Jamileh: das laht sich veribaare
Dario: muesch :-) Kino? >>>3
Jamileh: ich maach nöd eifach mit dir ume, wennd weg dem is kino wilsh chashs der abshmike ;-D
Dario: nai wett dich kennelerne.
Jamileh: im kino?
Dario: denn gömmer halt go shoppe xD
Jamileh: hahaha
Dario: ich bruche schueh mann
Jamileh: frau
Dario: biiiiiiitte chumm
Jamileh: muen luege
20 Minuten später Dario: shads? wo bish?
Vier Tage später
Zu Hause fliegt auf, was Jamileh eingefädelt hatte. Sie war übers Wochenende mit ihrer Mutter bei Jonas eingeladen gewesen. Jamileh mag den neuen Freund ihrer Mutter. Sein kleines Chalet findet sie gemütlich. Aber mit den beiden war ihr derart langweilig, dass sie so lange bettelte, bis die Mutter sie am Samstag allein nach Hause zurückfahren liess.
Jamileh: ha sturm!!! homeparty!
Ihrer Mutter teilte sie per SMS mit, ihre drei besten Kolleginnen kämen abends auf eine Pizza und vielleicht ein ganz klein wenig Bier zu ihr. Schliesslich waren sie zu neunt: Jamileh und acht Jungs. Sie schoben eine Pizza um die andere in den Ofen, tranken Bier, Wein, Prosecco, Alcopops, schauten einige «Simpsons»-Episoden, hörten Musik, quatschten, hantierten auf ihren Phones, gingen auf den Balkon, rauchten, kifften.
Tags darauf erzählt eine Nachbarin der Mutter brühwarm, was sie vom Küchenfenster aus beobachtet hat. Wiederholt sei sie kurz davor gewesen, die Polizei zu rufen. Die Mutter stellt Jamileh zur Rede. Diese gibt alles zu. Und dann passiert das denkbar Schlimmste: ausser Hausarrest eine Woche Computerverbot und iPhone-Einzug. Sie hat nicht einmal mehr genügend Zeit, das Posting abzuschicken: «katashdrofe: handi weg!»
Drei Tage später
Jamileh kann es nicht fassen. Ihre Mutter nutzt die iPhone- und computerfreie Woche, um ihre Unterstützung in technischen Dingen zu beanspruchen. Sie will einen neuen Klingelton fürs Handy mit ihrem Lieblingssong von Heidi Happy. Schliesslich möchte sie wissen, wie sie Musik auf dem Phone so archiviert, dass sie alles wiederfindet. Jamileh hat das Gefühl, ihre Mutter alle paar Tage von Grund auf neu beraten zu müssen. Kürzlich hat sie einen Satz aufgeschnappt: «Die Eltern-Kind-Beziehung ist keine Einbahnstrasse, sondern eine mehrspurige Autobahn mit hohem Verkehrsaufkommen in beiden Richtungen.» Im Moment nur in eine Richtung, denkt Jamileh und sortiert die Ferienbilder ihrer Mutter: Mama bei Tante Reya, Jonas elegant, Mama mit X-Beinen am Skifahren.
Zwei Tage später
Mama hat sich erbarmt: Weil Jamileh ihr so geduldig half, bekommt sie das «Baby», wie sie ihr iPhone nennt, einen Tag vor der festgesetzten Abstinenzfrist zurück.
Jamileh: Tg, bin widr da!
Sie feiert ihr Comeback mit einer Erweiterung ihrer Bildergalerie, flippt einmal durch das 7600 Aufnahmen umfassende Archiv ihres Phones und stellt die letzten Fotos mit Fiona ins Netz – aufgenommen vor dem Spiegel in ihrem Zimmer: Die Freundinnen stehen nur Zentimeter voneinander entfernt in knappen Hotpants, High Heels, trägerlosen Shirts, mit falschen Wimpern. Sie nähern sich einander; schliesslich sind sie eng umschlungen, Jamilehs rechtes Bein um Fionas linken Schenkel gelegt, Lippe auf Lippe.
In den nächsten zwei Stunden melden 73 Freunde «gefällt mir» und posten begeisterte Kommentare.
Dario: Shhhhiitt, sind ihr geil xD!!!
Was dann geschieht, kann Jamileh schwer nachvollziehen. Abends entdeckt sie erstmals ihre Fotos auf der Seite eines ihrer Brüder. Die Bilder sind stark bearbeitet; sie zeigen Fiona und Jamileh oben ohne. Sofort hat sie das Gefühl, dass Dario dahintersteckt. Sie kann es nicht fassen, ist wütend, schockiert und beschämt zugleich, kämpft mit den Tränen. Mit ihrer Mutter kann sie nicht reden, die würde ihr den Kopf abreissen, solche Fotos ins Netz gestellt zu haben.
Fünf Tage später
Deutschstunde: Aufsatz schreiben bei Frau Glaser, Jamilehs Lieblingslehrerin; sie ist streng, setzt Grenzen, lässt nichts durchgehen. Das gefällt Jamileh, auch wenn Frau Glaser eine der wenigen Lehrerinnen ist, bei der sie sich nie getrauen würde, ihr Baby aus der Tasche zu ziehen und unter dem Pult kurz ihre SMS zu checken und einen Blick ins Facebook zu werfen. Liebe, Angst, Ehrlichkeit, lauten die drei Themen, aus denen die Klasse auswählen muss. Klarer Fall, Ehrlichkeit, schiesst es Jamileh durch den Kopf; die Bildergeschichte im Facebook sitzt ihr noch im Nacken, da kann sie aus dem Vollen schöpfen.
Im nächsten Moment aber melden sich Bedenken, Frau Glaser in die Sache einzuweihen. Lehrer und Facebook werden in Jamilehs Klasse strikt getrennt. Wer sich nicht daran hält, bricht ein Tabu. Also Liebe. Vielleicht lässt sich das Thema ja auch mit der Ehrlichkeit verbinden. Reizvoll findet Jamileh zudem, dass sie statt eines mehrseitigen Aufsatzes auch ein Gedicht schreiben dürfen. Das spricht eindeutig für Liebe. Ausserdem wird es das erste und vermutlich letzte Gedicht ihrer Sekundarschulzeit sein. Seit einer Woche weiss sie, dass sie in Kürze eine KV-Lehrstelle hat.
Unter dem Titel «Ich glaube an die Liebe» schreibt Jamileh:
«Ich glaube an die Liebe, weil ich an die Ehrlichkeit glaube. / Ich glaube an die Liebe, weil ich warten kann. Ich glaube an die Liebe, weil ich sehe, dass niemand perfekt ist, und ich an Kompromisse glaube. / Ich glaube an die Liebe und werde mein Herz erst vergeben, wenn der Richtige kommt. / Ich glaube an die Liebe, denn ich weiss: Da draussen wartet jemand auf mich.»
Am Abend wechselt sie ihr Profilbild auf Facebook aus. Das Foto, das sie in einem kirschroten, hautengen Schlauchkleid in einer Sommerwiese zeigt, ist ihr plötzlich peinlich. Es erscheint ihr wie eine Aufforderung, zu zweit im Gras zu liegen. Sie ersetzt das Bild mit einem unverfänglichen Porträt in Schwarzweiss.
Zwölf Tage später
Dario ist abends so betrunken, dass er zugibt, Jamilehs und Fionas Bilder bearbeitet zu haben.
Auf seine Pinnwand schreibt Jamileh: wehe du mäldish di widr. i drü seckunde wirsh küblet und 4ever glösht: 3, 2, 1
* Jamileh lebt unter anderem Namen im Kanton Zürich. Der Artikel ist eine gekürzte Passage aus dem Buch: «Vom Federhalter zu Facebook – vier Schweizer Kindheiten 1912–2012». Es erscheint dieser Tage zum 100. Geburtstag von Pro Juventute im Verlag Neue Zürcher Zeitung.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.10.2012, 19:31 Uhr
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