Endlich Raucherin
Von Ein Autorentext von Sandra Weber. Aktualisiert am 10.01.2012 1 Kommentar
Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, endlich mit dem Rauchen zu beginnen. Es ist nicht so, dass ich es nicht schon versucht hätte. Es ist mir auch schon gefühlte tausend Mal gelungen. Nur durchgehalten habe ich es nie.
Schon mein erster Versuch war zum Scheitern verurteilt: Parisienne mild, auf dem Friedhof Samedan im Klassenlager der dritten Sek. Die umdämmerten Gräber waren in Stein gehauene Mahnungen, geschmeckt hat es widerlich und geküsst hat mein Schwarm trotz meiner doch so offensichtlichen Coolness eine Nichtraucherin.
Mein zweiter Versuch war etwas nachhaltiger – galt es doch in den Neunzigerjahren unter Jugendlichen als Nonplusultra, Grassorten wie «White Widow» und «Purple Haze» unterscheiden zu können. So geschah das Rauchen wie von selbst. Aber auch zu dieser Zeit beschränkte sich mein Konsum auf Treffen mit Freunden. Allein konnte ich mich einfach nie dazu aufraffen.
Glücklicherweise wurde mir bald darauf das Herz gebrochen. Meinem existenziellen Schmerz konnte ich mit dem Rauchen Ausdruck verleihen. Stolz darf ich verkünden, dass ich es fast ein Jahr lang auf ein Päckli täglich brachte.
Mein Single-Status hielt allerdings nicht lange. Nicht nur wirkten die nonchalante Haltung, die lässige Todesverachtung und die in jahrelanger Arbeit geformten Charakterstimmen der männlichen Raucher richtiggehend aphrodisisch. Auch entpuppte sich die Zigarette als beste Kupplerin. Raucher kennen zu lernen, ist nämlich ganz leicht: «Kommst du eine rauchen?» – «Hast du Feuer?» Zigarettenpausen eignen sich ideal, um potenzielle Zukünftige unter die Lupe zu nehmen. In den fünf Minuten erfährst man ganz unverbindlich, ob man zukünftig bereit bist, mehr als nur das Feuerzeug miteinander zu teilen.
Raucher sind sowieso die besseren Menschen.
Raucher sind sowieso die besseren Menschen. Sie sind nicht nur unheimlich sozial und hilfsbereit, sondern sie stehen sich auch mit Rat und Tat zur Seite. Nirgends werden so viele Informationen ausgetauscht wie in den frierend vereinten Kleinherden ausgestossener Raucher, die sich auf Treppen und in Hauseingängen zusammenrotten. Unter blauem Schleier verborgen, werden Boni zugesichert und Verträge abgeschlossen, Komplotte geschmiedet und Intrigen gesponnen, da bahnen sich Hochzeiten an, und Erbschaften werden vereitelt, da wird gewispert, geflüstert, geklatscht und getratscht. Ich behaupte, die ganze Nichtraucherschutz-Kampagne war eine Verschwörung der Raucher, um sich ungestört von ihren gesundheitsfanatischen, Spass verderbenden Mitmenschen austauschen zu können.
Ja, ich gebe es zu. Mit ein Grund, warum ich rauchen möchte, ist, dass ich täglich das Gefühl habe, bei jeder Rauchpause mehr zu verpassen, als wenn ich eine Folge von «Mad Men» auslasse. Aber nicht nur deswegen sind Nichtraucher angeschmiert: Sie arbeiten mehr als Raucher, weil sie weniger Pausen machen, seltener krank sind und länger leben.
«Du kannst doch einfach mit rausgehen und einen Apfel essen», meinte eine Freundin hilfsbereit. Eine typische Nichtraucher-Idee. Einen Apfel zu essen, kommt niemals dem Rauchen gleich, nur schon punkto Eleganz. Man stelle sich vor, alle Raucher würden ihre Zigaretten mit Äpfeln vertauschen. Die Apfelabhängigen stünden draussen in der Kälte und nagten gierig an ihren Bütschgi. Man müsste ständig zwei Kilo Äpfel mit sich tragen, um anderen Apfelsüchtigen aushelfen zu können. Apfelplantagen würden mit schweren Zäunen gesichert, Mostindien käme zu neuem Glanz, und Dünnpfiff würde zur Volkskrankheit.
Einstieg mit Nikotinpflastern
Nein, es ist höchste Zeit, wieder mit dem Rauchen anzufangen, sind Raucher in unserer genussfeindlichen Welt doch schon fast so bedroht wie der Panda in China und verdienen daher Unterstützung. Schade, hatte ich es damals, kaum dass ich mich neu verliebt hatte, aufgegeben. Noch blöder, dass mein Liebster mittlerweile auch aufgehört hat.
Aber ich gebe mir Mühe. Nachdem mir eine Gauloise bleu morgens auf leeren Magen selbigen fast umgedreht hatte, habe ich realisiert, dass ich das Ganze in kleinen Schritten angehen muss. Der kalte Einstieg ist nichts für mich. Nach ein paar Tagen mit Nikotinpflastern habe ich mich jetzt auf Philipp Morris Quantum One gesteigert. Eine tut es für den Vormittag, mittags, wenn sich die Raucher zu Kaffee und Zigaretten versammeln, schliesse ich mich an. Die Dreiuhrpause überspringe ich mit schlechtem Gewissen, weil mir noch vom Mittag her übel ist, kaue dafür eine Nicorette und zwinge mich, so gegen halb fünf noch mal mitzugehen.
Ich mache mich ganz gut. Es kommt sogar schon vor, dass es mir gelingt, abends beim Warten an der Haltestelle eine Zusätzliche zu rauchen – wenn ich mich auch stets freue, das Tram zu sehen.
Akupunktur und Hypnose
Leicht ist es wirklich nicht. Ich verabscheue den Geruch, der sich Stunden lang in Haar und Kleidung hält, ekle mich vor dem Geschmack im Mund, der einem zu flegelhaftem Rumspucken verleiten könnte. Ich fühle mich schlecht, dass wegen mir Kinder auf Plantagen arbeiten müssen. Ich hasse es, dass skrupellose Grosskonzerne dank meinem Geld zu Reichtum und politischem Einfluss kommen. Und ja, ich fürchte mich vor den gesundheitlichen Folgen des Rauchens. Ich rauche gern. Aber ich lebe noch lieber.
Ja, und dann habe ich auch ein bisschen Angst, dass ich abnehmen könnte. Sagen ja viele. Um dem vorzubeugen, habe ich mir angewöhnt, immer nach der Zigarette etwas Süsses zu essen.
Einige schwören ja auf Akupunktur, doch dazu müsste ich erst meine Angst vor Nadeln ablegen. Aber ich könnte mich hypnotisieren lassen. In Appenzell soll es ja einen geben, der wirklich super sei ... Dabei könnte man mir vielleicht auch gleich das soziale Gewissen und die Angst um meine Organe wegtherapieren.
Vielleicht versuch ich es mal mit Neurolinguistischer Programmierung. Eine Anleitung «Endlich Raucher – im Schlaf» habe ich bis jetzt allerdings noch nicht gefunden, leider.
Mit Rauchen ist es wie mit allen neuen Gewohnheiten: Man
muss sich überwinden, bis sie sich festigen.
Jemand hat mir empfohlen, ein Rauchertagebuch zu führen. Dort soll ich festhalten, wann und zu welchen Zeiten ich keine Lust auf eine Zigarette verspüre und wie ich mich dabei fühle. So sollen sich die inneren Kämpfe manifestieren und meine Fähigkeiten verbessert werden, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. Pah, ich brauche doch kein Tagebuch, das mir sagt, dass ich nach dem Essen, bei Einsamkeit oder Stress zu rauchen habe! Ein Tagebuch hilft auch nicht, meine Unlust zu überwinden.
Um mich zu motivieren, habe ich mir ein schönes Feuerzeug gekauft. Mit Swarovskisteinen besetzt. Dazu ein Zigarettenetui aus feinstem Ziegenleder. Und mein Gottimeitli hat mir zu Weihnachten einen Aschenbecher getöpfert.
Wie gesagt, ich gebe mir Mühe. Es ist wohl wie immer mit neuen Angewohnheiten: Man muss sich überwinden, bis sie sich gefestigt haben. Mit alten Ritualen brechen. Etwa statt abends im Bett eine Tasse Kräutertee trinken, eine Zigarette rauchen.
Mit Rückschlägen muss man rechnen. Wenn man zwei, drei Tage hat schleifen lassen, weil man sich ohnehin nicht so auf der Höhe fühlte und nicht raus in den Regen wollte, muss man einfach weitermachen.
Gut, es waren vier Tage. Und ja, vorher war ich auch nicht immer ganz konsequent gewesen. Am Wochenende mag ich mich nicht derart quälen! Das ist heikel, weil man dann Gefahr läuft, gleich wieder abstinent zu werden. Verdammt, ich konnte halt nicht anders! Die Eltern waren zu Besuch, und dann war ich müde und sowieso. Vielleicht sollte ich das alles besser auf nächstes Jahr verschieben.
Ja, nächstes Jahr werde ich definitiv mit Rauchen anfangen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.01.2012, 17:49 Uhr
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1 Kommentar
Interessante Sichtweise. Ich als ehemaliger oder seit 14 Jahren abstinenter Raucher bin froh, dass ich nicht Rauchen muss. Dass mit der mehr Arbeiten Theorie muss ich aber verneinen, schließlich richtet sich die Menge der anfallenden Arbeit nicht nach der Zeit die ich an meinem Schreibtisch verbringe. Und ja, es ist schon traurig, alleine im Restaurant zu sitzen und auf die zurück kommenden Raucher zu warten... Doch ich habe festgestellt, dass Raucher auch öfter sitzen bleiben, müssen Sie alleine (mit Ihrer Zigarette) in die Kälte. Antworten

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