Uni Zürich beugt sich
politischem Druck

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt Ereignisse, die Wissenschaftler fassungslos machen. Dazu gehört die grundlose Entlassung einer hoch qualifizierten Professorin durch das eigene Rektorat. Dessen Aufgabe wäre es, sich vor die Forschenden und Lehrenden zu stellen, wenn eine politische Partei ihre Rachefeldzüge auf Kosten der Wissenschaft führt. Das Gegenteil erleben wir heute. Mit der Kündigung von Iris Ritzmann hat die Universität politischem Druck nachgegeben und sich dabei Methoden bedient, die nach allen moralischen Massstäben, die gerade hier gelten müssen, nicht akzeptabel sind.

Schon Ende der 90er-Jahre wurde klar, dass das Medizinhistorische Institut im Niedergang begriffen ist. Wir haben im Januar 2006 in einem Brief an die damalige Universitätsleitung unsere Sorge über die eklatanten Missstände an diesem ehemals hoch angesehenen Institut formuliert. Wir waren nicht die Einzigen, die die Alarmglocke läuteten, um die Universität Zürich vor materiellen, kulturhistorischen und ethischen Schäden – Stichwort Menschenpräparate – zu bewahren. Passiert ist nichts. Christoph Mörgeli als «der mächtigste Mann in der Schweiz», so sein damaliger Chef Beat Rüttimann, schien unantastbar. Das begann sich erst zu ändern, als der neue Direktor des Instituts, Flurin Condrau, den Mut hatte, im ersten von ihm verantworteten Jahresbericht Tacheles zu reden. Wie auch anders? Hätte auch er wegschauen sollen, um der SVP willfährig zu sein?

E-Mail-Konten durchsucht

Der entsprechende Jahresbericht war während Monaten auf dem Intranet der Universität für sehr viele Interessierte einzusehen und herunterzuladen. Dass er auf ungeklärte Weise an die Medien gelangte, mag man bedauern, in Frankreich, Deutschland oder in den USA wäre das ein normaler Vorgang.

Insofern handelt es sich um eine ausserordentlich weitgehende Massnahme, dass die Uni Zürich – die auf Verfassungs- und Gesetzesstufe dem Öffentlichkeitsprinzip unterstellt ist – wegen der Weitergabe des Jahresberichts ein Strafverfahren gegen unbekannt einleitete. Aber nicht nur das. Die Universitätsleitung gestattete es, dass die Staatsanwaltschaft anscheinend die gesamte E-Mail-Domain UZH.ch nach Pressekontakten absuchen konnte, ohne dass die Uniangehörigen darüber informiert wurden. Man hört, dass Dutzende von Mitarbeitenden in der Zwischenzeit einvernommen wurden. Ihr einziges «Delikt» scheint darin zu bestehen, dass sie zu einer bestimmen Zeit mit Journalisten Kontakt hatten!

Es bleibt abzuwarten, welche Resultate die Strafuntersuchung bringt – das hätte auch für die Universitätsleitung gegolten, die den Grundsatz der Unschuldsvermutung in flagranter Weise verletzt hat. Es gibt bislang keinen einzigen Hinweis darauf, dass Frau Ritzmann den von der Universität als vertraulich deklarierten Bericht herausgegeben hat.

Die Uni hat Besseres verdient

Trotzdem wurde sie jetzt in einem arbeitsrechtlichen Verfahren mit Begründungen entlassen, die mit dem Jahresbericht gar nichts mehr zu tun haben. So wird ihr vorgeworfen − und die Öffentlichkeit mit der Aussage irregeführt −, sie habe «Login-Daten für Uni-Server» der Presse zur Verfügung gestellt. Wahr ist, dass dies ein von ihr ausschliesslich für die E-Learning-Plattform Olat verwendetes Passwort war (Olat benutzen rund 25'000 Studierende der Uni Zürich), und dass sie es einem Journalisten weitergab, um eine Falschinformation der Universitätsverwaltung zu korrigieren. Übrigens hat Iris Ritzmann ihre Pressekontakte mit der Kommunikationsabteilung der Universität abgesprochen!

Wenn das Rektorat seine politischen Ängste so auslebt, dass eine anerkannte Wissenschaftlerin mit fadenscheinigen Vorwürfen entlassen wird, fügt es der Universität jenen Schaden zu, den es beklagt. Die Uni Zürich hat Besseres verdient. Drei Dinge sind jetzt wichtig: Erstens muss die Entlassung zurückgenommen werden. Zweitens erwarten wir, dass die politischen Kontrollorgane der Universität diese Vorgänge in all ihren Dimensionen schonungslos aufarbeiten. Und drittens ist sicherzustellen, dass auch für Universitätsangehörige der freie Kontakt mit der Presse nicht wieder in so grundsätzlicher Weise infrage gestellt wird, wie das in diesem Fall geschehen ist.


Michael Hagner ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH. Philipp Sarasin und Jakob Tanner sind Geschichtsprofessoren an der Uni Zürich.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.10.2013, 17:57 Uhr)

Werbung

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Mamablog Lassen Sie ihr Baby ruhig schreien

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Die Welt in Bildern

Chlaus Ahoi: Mit Weihnachtskostümen verkleidete Gondolieri fahren in Venedig durch die Kanäle. (20. Dezember 2014)
(Bild: Manuel Silvestri) Mehr...