«Der Zeitgeist ist heute grün, 
und der ist in mir auch am Werk»

Die Kategorie der Nachhaltigkeit sei in Mode, doch nicht nachhaltige Prozesse nähmen zu, sagt Philosoph Peter Sloterdijk.

Peter Sloterdijk: «Terror ist nichts anderes als angewandte Medienanalyse.»

Peter Sloterdijk: «Terror ist nichts anderes als angewandte Medienanalyse.» Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Herr Sloterdijk, Sie kommen am Montag für eine Diskussion nach Bern. Vielleicht wird Ihnen auch die Frage gestellt: Was will und kann Philosophie heute?
Philosophie ist heute eine leise Disziplin geworden. Sie hat im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Triumphgeschichte ohnegleichen durchlebt, die Systemkonstruktionen des Deutschen Idealismus und seiner Nachfolger, einschliesslich der Psychoanalyse, die man als eine degenerierte Philosophie betrachten kann.

Das also waren die grossen Zeiten der Philosophie.
Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Philosophie eine Weltmacht, vor allem in der Bastardgestalt des Freudo-Marxismus, als sich zwei grosse Illusionssysteme ineinanderschoben. Ein letztes Mal hat die Philosophie mit der 68er-Generation einen grossen Sommer erlebt. Theorie war eine Art Speed, das diese Generation auf den Trip brachte. Heute sieht es anders aus.

Nämlich wie?
Die Philosophie ist marginalisiert worden. Die Massen glauben nicht mehr an die weltbewegende Macht von Theorie. Sie schwören auf die Macht von Geld, von Information, von Big Data und solchen Dingen. Theorie gehört zum Small-Data-Bereich.

Sie selber schreiben philosophische Bücher. Das würden Sie ja wahrscheinlich nicht tun, wenn Sie der Meinung wären, Philosophie sei tot.
Für mich ist Philosophie seit jeher eine literarische Gattung, eine Sonderform von Prosa. Bei mir gibt es viel Anekdoten und grosse Erzählungen. Meistens habe ich es nicht unter 500 Seiten gemacht (lacht). Hätte ich kleinere Formate bevorzugt, wären in den letzten 30 Jahren nicht 40 Bücher zustande ­gekommen, sondern doppelt so viele.

Auch Ihr neustes Buch «Die schrecklichen Kinder der Neuzeit» hat 500 Seiten. Für mich ist es ein pessimistisches Buch.
Ich würde den Ausdruck «Pessimismus» nicht übernehmen. Es gibt in meiner ­Arbeit keine Dekadenztheorie im herkömmlichen Sinn des Wortes. Es ist ein sehr realistisches Buch, das einen Problemzusammenhang beschreibt, der in dieser Form anderswo noch nicht erfasst worden ist. Die Grundthese steckt schon im Titel, wonach die ganze moderne Welt in der Hauptsache ein anti-genealogisches Experiment darstellt.

«Das Alter verliert seine Autorität», heisst ein Schlüsselsatz. Alle müssen sich ständig neu erfinden, niemand will mehr in den Traditionen des Vergangenen leben.
Ich bin aber gar nicht so sicher, ob meine Beschreibung stimmt. Wenn man sich in der Welt umsieht, sieht man zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Das eine ist ein ständiges Abbrechen von Traditionen, ein anarchisches Herausspringen von jungen Leuten aus den Überlieferungen, aber gleichzeitig sieht man auch traditionelle Mächte, welche die Menschen weiterhin in ihrem Bann halten.

Und was wäre eine solche Überlieferung?
Die Hauptmächte des klassischen Konservatismus hingen bis ins 19. Jahrhundert von der ländlichen Lebensweise ab. Heute leben in Deutschland nur noch rund zwei Prozent der Population in der Landwirtschaft. Das heisst, die eigentliche Kernmacht des Konservatismus, die ländliche Bevölkerung, ist demographisch so gut wie verschwunden. Fast alle Welt ist ins Lager der Moderne übergetreten. In den Grossstädten leben 60 Prozent der Population als Singles in Einpersonenhaushalten. Komplette Familien machen heute schon fast einen exotischen Eindruck und werden bald mit völkerkundlichen Mitteln ausgeforscht werden. Gleichwohl bleibt die Familie ein gesellschaftliches Ideal.

Handlungsempfehlungen gibt es in Ihrem neuen Buch wenige, dafür in einem früheren Werk «Du musst dein Leben ändern». Was läuft in der modernen Gesellschaft schief?
Alles mögliche. Ich schreibe gerade ein Buch, das den Titel tragen wird «Was geschah im 20. Jahrhundert?». Man kann das 20. Jahrhundert auch als Eldorado des Massenmordes beschreiben. Meine Hauptdiagnose ist jedoch, dass eine ­riesenhafte Ausbeutungsverschiebung stattgefunden hat. Früher hat man sich darüber beklagt, dass der Mensch den Menschen ausbeute, jetzt beutet man die Natur aus: Wir haben mit den Maschinen viele Generationen mechanischer Sklaven in die Welt gesetzt, die das Gros der Arbeit erledigen. Alle Missstände, über die man sich heute beklagen kann, sind Derivate der Ausbeutungsverschiebung. Wir betreiben eine Überausbeutung der Erde, eine Überbelastung der Atmosphäre, wir sind dabei, die Meere biologisch zu zerstören. Es gibt lange Listen solcher Dinge, die allesamt glaubhafte Kandidaten für das Schlimmste sein könnten.

Ihre Diagnose, die Ausbeutung der Erde, ist erkannt. Alle reden doch heute von Nachhaltigkeit.
Das Wort «Nachhaltigkeit» ist vor einem Vierteljahrhundert in den Wortschatz der Consulting-Industrie und von dort in die Selbstdarstellung der Firmen eingesickert. Alle Dax-Unternehmen beschäftigen Nachhaltigkeitsoffiziere (lacht), alle sind jetzt von dieser neuen, quasi evangelischen Kategorie ergriffen. Die Wahrheit ist aber, dass in derselben Zeit die nicht nnachhaltigen Prozesse exponentiell gestiegen sind. Seit wir über die Schädlichkeit der Treibhausgase reden, haben sie sich verdoppelt.

Statt gehandelt wird bloss geredet?
So ist es fast immer: Sobald ein neuer Begriff oder eine neue Beobachtungsperspektive auftaucht, kann man sicher sein, dass sich die Sache selbst ebenfalls weiterentwickelt. Nur gibt es jetzt eine Adresse, bei der man sich über den ­aktuellen Stand informieren kann. Wahrscheinlich werden die Menschen aber erst durch den Zusammenbruch darüber aufgeklärt, dass diese Lebensform zum Untergang bestimmt ist. Dagegen kann keine Nachhaltigkeitspropaganda etwas ausrichten.

(Das Interview wird durch einen Anruf unterbrochen, worauf Peter Sloterdijk auf dessen Inhalt Bezug nimmt.)


Unbekannte haben mein Onlinebanking gehackt und einen Trojaner platziert, sodass ich jetzt mein ganzes Computersystem entleeren, die Festplatte neu formatieren, ein neues Konto einrichten und die Polizei verständigen musste. Das ist vollkommener Wahnsinn!

Ein bewusster Angriff auf Sie?
Nein. Es war einfach ein mit krimineller Energie durchgeführtes Verfahren, wahrscheinlich um Leute auszunehmen, die Onlinebanking betreiben.

So etwas hätte man bis vor wenigen Jahren für kaum möglich gehalten.
Ich verstehe nicht, woher diese Hacker-Romantik kommt, als wäre es eine Form von Widerstand oder eine subversive ­Tätigkeit mit einer gewissen revolutionären Aura. Ich selber kenne nur Varianten von Hacking, die in kriminelle Handlungen übergehen.

Ist Hacking nicht eine Form des Aufbegehrens, wie es auch 1968 Formen des Aufbegehrens gab?
Wogegen begehrt man auf, wenn man die privaten Konten gewöhnlicher Bürger knackt, um Geldströme auf die Konten von Kriminellen umzuleiten? Als Aufbegehren kann man das nur deuten, wenn man auch Kriminalität romantisch deutet. Übrigens haben auch einige 68er im Verbrecher den Zwillingsbruder des Revolutionärs gesehen.

Vom Alter her waren Sie ein typischer 68er.
Ich war 1968 21 Jahre alt, genau im richtigen Alter, um an all diesen Illusionen mehr oder weniger begeistert teilzunehmen. Das Einzige, was gottlob an mir vorbeigegangen ist, war das Praxis-Fieber: Ich war nie ein politischer Aktivist, denn ich gehörte der lebensreformischeren Gruppe an, mit allem, was damals dazugehörte: Wohngemeinschaft, alternative Lebensformen, freie Liebe, orientalischer Tourismus, Morgenlandreise – all diese Dinge, von Hesse bis Salinger und den Beatles mit ihren indischen Evasionen.

Sie haben sich in dieser Zeit nicht als Linker verstanden?
Doch, die allgemeine Positionsangabe war links, aber nicht in marxistisch-leninistischer Ausprägung. Man sprach damals von der hedonistischen Linken. In die hätte ich mich einordnen können.

Auf «Spiegel online» hat man Sie nach Ihrem neuesten Buch als Reaktionär bezeichnet.
Das ist ein Nonsens-Begriff, denn weder ist der Progressismus ein Wert an sich, noch sind Bewahrungsinteressen per se reaktionär. Es gibt so viele Dinge in der Welt, die man bewahren sollte. Natürlich gibt es noch eine stupide alt-linke Reflexologie, bei der die Welt immer noch in Fortschritt und Reaktion eingeteilt wird, aber das war schon im 19. Jahrhundert eine falsche und denkfaule Kategorisierung. Im 21. Jahrhundert will das rein gar nichts mehr besagen.

Die Linken seien sitzen geblieben, sie hätten ihre Lebenszeit vertrödelt, haben Sie irgendwo erklärt.
Es wäre traurig, wenn man die Lebensjahre von 20 bis 70, immerhin ein halbes Jahrhundert, durchlebt hätte ohne dazuzulernen. Ich glaube nicht, dass man verpflichtet ist, jugendlichen Verirrungen treu zu bleiben.

Man kann aber auf Youtube auch sehen, wie Sie eine Talkshow mit der Begründung verlassen, da werde Neoliberalismus zelebriert.
Ich kann mich gut erinnern. Das war nicht nur neoliberal; ich habe mich über einen klerikal-faschistischen Knallkopf geärgert, der mir als Gesprächspartner gegenübergesetzt worden war. Den wollte ich mit meiner Anwesenheit nicht übermässig aufwerten. Die Moderatorin, Frau Höhler, bewies starke Nerven, indem sie einfach weitermachte, als ob nichts geschehen wäre. Sie war wie eine Teflonpfanne, beschichtet mit undurchdringlichen Reflexen.

Zum Neoliberalismus haben Sie ein hübsches Zitat kreiert: «Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum.» Ist das positiv oder negativ?
Der Leser muss entscheiden, ob er das als Kompliment versteht oder nicht. Insgesamt missfällt mir das Klum-Phänomen. Was sie mit den jungen Frauen macht, ist perfide, es führt zur Dressur in eine grundfalsche Lebenseinstellung.

Wir sitzen in Ihrer Stube einem Fernseher gegenüber. Sie schauen also doch noch fern?
Ich habe drei Fernseher in der Wohnung stehen, aber ich mach sie nicht an. Vor einiger Zeit habe ich mir im Schlafzimmer einen wunderbaren High-Definition-Grossbildschirm einbauen lassen, aber nur, um festzustellen, dass ich ihn nicht brauche. Ich habe zu viel anderes zu tun. Ich ziehe das Lesen vor, ich schreibe in der Nacht Briefe in alle Himmelsrichtungen. Fast jedes Mal, wenn ich doch noch fernsehe, beobachte ich Dinge, die mir nicht gefallen. An manchen Tagen gibt es nur noch Müll, der unterbrochen wird von Abfall, der unterbrochen wird von Schwachsinn.

Sie waren aber selber so etwas wie ein Fernsehstar. Als Co-Moderator mit Rüdiger Safranski im «Philosophischen Quartett» des ZDF.
Das war als Gegenprogramm angelegt, Fernsehen gegen das Fernsehen. Wir wollten kein typisches Talkshow-Format machen und haben uns gegen die Zumutung gewehrt, die von der Fernsehseite kam, dass wir uns mehr hätten anschreien und streiten sollen. Die Profis haben stets behauptet, der Zuschauer möge so etwas. Wir haben uns nicht beirren lassen, wir argumentierten höflich und aufmerksam auf das Wort des Anderen. Unser Ethos bestand darin, stets den Partner ausreden zu lassen, ohne ihm ins Wort zu fallen.

Wieso ist die Sendung 2012 überhaupt abgesetzt worden?
Wir hätten nach zehneinhalb Jahren vielleicht noch ein Jahr weitergemacht, waren selber auch in Ausstiegsüberlegungen. Das ZDF kam uns zuvor. Herr Bellut, der Intendant, mochte die Sendung nicht so recht. Dieses beliebte Format zu opfern, war eine seiner ersten Massnahmen.

Sie sind nicht nur ein Kritiker des Fernsehens, sondern auch der geschriebenen Presse. Auch ihr werfen Sie vor, sie jage immer nur der neusten Aufmerksamkeit hinterher, statt sich um die wahren Themen zu kümmern.
Gewiss. Auf der anderen Seite entwickle ich eine konstruktive Theorie der Massenmedien. Die moderne Gesellschaft ist ein sozialer Grosskörper, der nicht versammlungsfähig ist. Nicht einmal eine kleine Nation wie die Schweiz kann sich an einer Stelle versammeln.

Das Rütli reicht dafür nicht mehr . . .
. . . aber die Schweiz ist mit ihrer direkten Demokratie dem Ideal der Volksversammlung doch relativ nahe geblieben. Überall sonst ist der Versammlungsgedanke noch viel stärker immaterialisiert worden. Das konnte nur geschehen, weil moderne Gesellschaften durch die Themenmaschine der Massenmedien ständig neu animiert, synchronisiert und integriert werden. Wenn man 80 Millionen Deutsche ständig mit Erregungen versorgen muss, damit so etwas wie soziale Kohärenz entsteht, ist das keine Kleinigkeit. Im Lichte einer dieser Analysen muss man notgedrungenermassen eine positive Theorie der sozialen Integration durch Erregungsmedien anstellen.

In einer Talkshow haben Sie sich aber einmal darüber beklagt, dass 9/11 wochenlang auf den Frontseiten abgehandelt wurde. Für Sie hätte das auf Seite 8 gehört. War das Ihr Ernst oder eine Provokation?
Voller Ernst, und zwar aus einem präzisen Grund: Die moderne Gesellschaft ist wegen ihrer Erregungsabhängigkeit sozialpsychologisch falsch gebaut. Je abscheulicher eine Tat, desto höher die Aufmerksamkeitsprämie, die dafür in den Massenmedien vergeben wird. Das halte ich für eine fundamentale Perversion des modernen Aufmerksamkeitssystems. Deswegen sage ich: 9/11 gehört auf die Seite 8 oder 10 oder 12 – je weiter hinten, desto besser. Alles andere ergibt Selbstvergiftung. Schreiben wir es auf die Seite 1, belohnen wir das Verbrechen. Das Wertvollste, das wir haben, sind unsere Aufmerksamkeit und unsere Empathie. Beides dürfen wir nicht ausgerechnet für die grössten Gemein­heiten verausgaben.

Gilt das jetzt auch etwa für die Taten des Islamischen Staates?
Unbedingt. Terror ist ja nichts anderes als angewandte Medienanalyse. Der Terrorist weiss genau, wie das Spiel läuft. Es müssen – wie bei «Charlie Hebdo» – drei Leute ein Verbrechen begehen, dann sind 60 Millionen durch diese Nachricht mit höchster Zuverlässigkeit monothematisch synchronisiert und geistig versklavt, tagelang, wochenlang. 95 000 Gendarmen werden aufgeboten, um drei Männer zu liquidieren. Wer diese Diskrepanz nicht sieht, hat von der medialen Konstruktion der Wirklichkeit nichts verstanden.

Heisst das, dass Sie nicht unter den Millionen «Je suis Charlie»-Demonstranten gewesen wären?
Ich frage: Möchte ich den Urhebern eines solchen Verbrechens applaudieren, indem ich sie beachte? Es ist eine Art Zwangsapplaus, der über die Bevölkerung verhängt wird, wenn man wochenlang über so abscheuliche Taten auf der ersten Seite berichtet.

Also Sie hätten nicht demonstriert?
Ich kann mich sehr solidarisieren mit einer solchen Regung, wie sie in Frankreich aufgetreten ist. Das Schöne dabei ist, dass die Zivilgesellschaft erwacht. In solchen Versammlungen wie jener in ­Paris am 11. Januar ist ein wenig Rütli-Atmosphäre zu beobachten. Die Gesellschaft ist dann nicht nur eine abstrakte Gruppe. Sie wird für einen Moment zur Eidgenossenschaft. Das heisst: Man schwört sich gegenseitig bei realem Blickkontakt, an guten und schlechten Tagen solidarisch zusammenleben zu wollen. Das muss eine demokratische Gesellschaft hin und wieder erleben, wenn sie nicht ganz in die medial erzeugte Entwirklichung entgleiten will.

Den Terroristen ging es ja um Mohammed-Karikaturen. Wie halten Sie es mit der uneingeschränkten Meinungsfreiheit?
Es gibt kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben, erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit. Würde ein solches Recht zugestanden, lösten wir einen bösartigen Wettbewerb unter den Empfindlichkeitskollektiven aus. Jeder Pa­tient einer Beleidigung reklamiert dann für sich das Recht, noch empfindlicher zu sein als die übrigen. Nebenbei gesagt: Die Katholiken in Frankreich dürften viel beleidigter als die Moslems. «Charlie Hebdo» hat in den letzten 20 Jahren aus der Tradition der antiklerikalen Satire auf wöchentlicher Basis Beleidigungen über diese Gruppe ausgeschüttet. Aber sie haben trotzdem keine Morde begangen.

Im Buch «Du musst dein Leben ändern» prangern Sie Verschwendungssucht an. Sind Sie ein Grüner?
Ja, natürlich. Das lässt sich nicht vermeiden. Der Zeitgeist ist heute einfach grün, und der ist in mir auch am Werk. Es gibt kaum noch Nicht-Grüne, ausgenommen vielleicht in einem verbiesterten Flügel der Neoliberalen, die zum Beispiel den Klimawandel systematisch leugnen. So wie aber der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts unvermeidlich rot war, ist heute der Zeitgeist grün. Damals brauchten wir Sozialgesetzgebung, und die Parlamente haben dies im Wesentlichen geleistet. Heute sind die Parlamente grün, weil es sich niemand mehr erlauben kann, gegen die Umwelt Politik zu ­betreiben.

Sie sind praktizierender Grüner, indem Sie Fahrrad fahren.
Oh ja, ich fahre jedes Jahr ein paar Tausend Kilometer. Ich habe mich inzwischen so organisiert, dass ich an allen Plätzen, die ich übers Jahr regelmässig besuche, Fahrräder besitze, in Wien, Karlsruhe, Korsika, Südfrankreich. Ohne Fahrrad wäre das Leben ein Irrtum.

Noch einer Ihrer Sätze: «Der heimkehrende Radfahrer ist ein besserer Mensch.»
Das ist natürlich eine der Übertreibungen, für die ich berüchtigt bin. Ich habe nicht umsonst aus meinen über 300 Interviews der letzten 20 Jahre ein Buch mit dem Titel «Ausgewählte Übertreibungen» zusammengestellt.

Sie fallen auch damit auf, dass man Sie nie mit Krawatte sieht.
Einmal im Leben habe ich eine Krawatte getragen: bei der standesamtlichen Trauung, um die Schwiegermutter nicht unglücklich zu machen. In meinem Kleiderschrank kommt dieses Kleidungsstück effektiv nicht vor.

(Der Bund)

(Erstellt: 14.03.2015, 08:25 Uhr)

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Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947, wurde in Karlsruhe geboren. Er studierte in München und in Hamburg, wo er auch doktorierte, Philosophie, Geschichte und Germanistik. Nach einer Zeit in Indien bei Bhagwan Shree Rajneesh arbeitete er als freier Schriftsteller. 1983 erschien seine «Kritik der zynischen Vernunft», die ihn in der Philosophengilde etablierte. Nach diversen Lehrtätigkeiten wurde er 2001 Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Sein neustes Werk trägt den Titel «Die ­schrecklichen Kinder der Neuzeit».

Am Montag spricht Sloterdijk mit René Scheu und Max Moor über «Fortschritt und Zerfall»: 18 Uhr, Berner Stadttheater.

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