«Am Anfang galten wir als Spinner»

Jüngst galten selbstfahrende Autos noch als utopisch, heute befinden sie sich bereits im Praxistest. Was uns die Zukunft als Nächstes bringen wird, liest Thomas Le Blanc aus der Science-Fiction-Literatur heraus.

Die US-Militärbehörde Darpa arbeitet an immer leistungsstärkeren Robotersoldaten.

Die US-Militärbehörde Darpa arbeitet an immer leistungsstärkeren Robotersoldaten. Bild: Brian Finke (Gallery Stock)

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Nehmen wir an, wir wären in einem Roman, der in 50 Jahren spielt: Wie wäre ich zu Ihnen gekommen?
Sie wären gar nicht hierhergekommen. Ihre Chefin hätte gesagt: «Ne, nee, eine Reise von Zürich nach Wetzlar ist zu teuer.» Sie hätten Ihren Avatar geschickt und sässen mir nun als holografische Projektion gegenüber. Unser Gespräch würde vermutlich genauso gut verlaufen wie in echt. Einzig den Tee hätten Sie nicht bekommen.

Was ist mit Beamen?
Physikalisch wäre es theoretisch möglich, aber energetisch noch nicht – das wird wohl noch 200 Jahre dauern. Um Sie hierherzubeamen, wäre so viel Energie nötig, wie in unserer Sonne vorhanden ist. Zudem müsste jedes Molekül Ihres Körpers vernichtet werden, damit es hier wieder aufgebaut werden kann. Sie wären also gerade gestorben. Aber wer lässt sich schon gerne umbringen, damit sein Zwilling irgendwohin gelangen kann? Zumal sich die Frage stellt, ob man nach dem Beamen dieselbe Person ist wie zuvor.

Sie stützen sich für Ihre Prognosen auf Science-Fiction-Literatur. Werden Sie ernst genommen?
Am Anfang galten wir als Spinner, aber es gibt immer mehr Firmen, die alternative Zukunftsforschungen suchen, statt sich nur auf lineare Prognosen zu verlassen. Sie wollen wissen, was sie in 30 oder 50 Jahren anbieten müssen, um erfolgreich zu sein. Weil aber niemand die Zukunft voraussagen kann, müssen sie auf kreativen Wegen herauszufinden versuchen, welche Szenarien am wahrscheinlichsten eintreffen. Das Tolle ist, dass die Science-Fiction-Autoren einen losgelösten Blick auf die Zukunft haben.

Wenn sich Science-Fiction-Autoren an keine Rahmenbedingungen wie Finanzierbarkeit oder Umsetzbarkeit halten, ist die Science-Fiction als Zukunftsforschung ja nicht sehr glaubwürdig.
Natürlich kann man sagen, eine Welt wie in «Star Trek», in der es Nahrung, Bildung oder Kleidung umsonst gibt, keine Verpflichtung zu arbeiten, sei kompletter Schwachsinn. Aber wir finden darin vielleicht interessante Ansätze, die uns weiterbringen. Science-Fiction ist ja auch nicht reine Fantasie, denn die meisten Sci-Fi-Autoren haben einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Deshalb sind magische Fantasywelten für unsere Forschung auch nicht relevant. Wenn ein Motorenhersteller von uns wissen möchte, welche Antriebe es in der Zukunft geben könnte, berücksichtigen wir keinen Hexenbesen, wir konzentrieren uns auf das Wissenschaftliche. Es muss nicht alles erklärbar sein, aber es sollte heute bekannten physikalischen Gesetzen nicht grundsätzlich widersprechen.

Gibt es konkrete Erfindungen, die zuerst in Romanen beschrieben und erst dann umgesetzt wurden?
Ja, aber nicht immer kann man es so eindeutig nachweisen wie beim geostationären Satelliten oder beim Nanoroboter, an dem deutsche Forscher gerade arbeiten. Dieser wird in die menschliche Blutbahn injiziert auf der Suche nach Tumorzellen. Die Idee stammt aus dem Film «Fantastic Voyage» aus dem Jahr 1966, in dem ein U-Boot mitsamt Besatzung verkleinert und in eine Arterie eingeschleust wurde, um ein Gerinnsel im Hirn aufzulösen. Oft ist es unklar, was zuerst da war, denn Ideen fliessen aus der Realität in die Science-Fiction und wieder zurück. Beim Wasserbett war es so, dass dessen Erfinder es zwar eigenständig entwickelt hatte. Als er aber einem Hersteller eine Lizenz dafür verkaufen wollte, weigerte sich dieser zu bezahlen, weil das Wasserbett bereits in der Science-Fiction beschrieben worden war.

Wie sieht solch eine Fragestellung denn konkret aus, mit der sich ein Kunde an Sie wendet?
Für einen Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sollten wir etwa alles herausfiltern, was wir zum Thema Mobilität finden konnten. Die Ideen sollten gewisse Realisierungschancen innerhalb von 30 Jahren haben.

Und dann kopieren Ihre Kunden einfach die Erfindung der Autoren?
Es ist ja nicht so, dass Ideen so exakt beschrieben wären, dass man sie zum Patent anmelden könnte. Klar ist es für die Kunden spannend, wenn wir Ideen finden wie ein schwebendes Skateboard oder einen Koffer, der seinem Besitzer automatisch folgt. Aber eigentlich interessieren sie sich mehr dafür, wie die Gesellschaft in der Zukunft damit umgeht, wenn etwa Autos fliegen können. Sie sind also an Szenarien interessiert.

Zum Beispiel?
Eine Institution wollte wissen, ob wir in Zukunft noch arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, oder nur noch zum Zeitvertreib. Und eine Autofirma wollte wissen, ob wir in 30 Jahren überhaupt noch Auto fahren.

Und? Fahren wir noch Auto?
Ja, allerdings in ferngesteuerten Autos, die alle untereinander vernetzt sind. Sie stehen am Strassenrand, jeder kann einfach einsteigen und sein Ziel eingeben und wird dorthin gefahren. Es ist eine Art auf die Spitze getriebenes Carsharing. Sind wir bereit dafür? Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Jeder will ein eigenes Auto besitzen, jeder will es schön und gross, obwohl wir wissen, dass wir sparsam mit Energie umgehen sollten.

Und ausgerechnet die Science- Fiction ist in diesem Fall rational?
Sie bietet Modelle an, die mir vernünftig erscheinen. In der modernen Science-Fiction-Literatur kommt etwa der Verbrennungsmotor nicht vor. Die Autos haben Elektromotoren mit starken Batterien, oder sie ziehen den Strom mittels Induktion aus der Fahrspur. Andere verwenden Wasserstoffmotoren oder Atom­antrieb. Länder wie China, die gerade mit Automobilen aufrüsten, könnten gleich auf den Elektromotor setzen. Aber sie wählen Verbrennungsmotoren.

Hat China denn keine Science-Fiction-Literatur?
Nein, das ist übrigens interessant, denn fast alle Länder haben eine Sci-Fi-Szene. Was chinesische Autoren und Verlage als Science-Fiction bezeichnen, sind Geistergeschichten oder fantastische Erzählungen. Vielleicht, weil China weniger technologisch geprägt ist und dort Dinge eher kopiert statt selber entwickelt werden. Das ist aber nur eine Vermutung. Ein Sonderfall ist auch die russische Science-Fiction, die extrem düster ist. Die spielt meist nach einem Atomkrieg, die Menschen leben in unterirdischen Metroschächten, wo sie sich Pilze von den Wänden kratzen. Eine solche Science-Fiction jagt einem Angst ein.

Hat die Science-Fiction auch eine Warnfunktion?
Ja, sie zeigt beispielsweise auf, was passieren könnte, wenn Roboter eines Tages so intelligent sind, dass sie die Kontrolle über uns übernehmen. Katastrophen werden oft völlig übertrieben. Nicht weil das wahrscheinlicher ist, sondern weil ein negativer Roman mehr Action bietet. Wenn die Leute alle fröhlich Lieder singen, will das keiner lesen.

Gab es auch Kunden, die Sie abweisen mussten?
Ja. Ein Arbeitsamt wollte wissen, welche Verwaltungsmechanismen nötig sein werden, um auf Arbeitslosigkeit zu reagieren. Wir haben eine Weile recherchiert, mussten dann aber feststellen, dass Arbeitsämter in der Science-Fiction nicht existieren.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.05.2015, 23:13 Uhr)

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Thomas Le Blanc ist ursprünglich Mathematiker und Journalist und hat 1989 die Phantastische Bibliothek in Wetzlar gegründet. Mit einem Bestand von 260 000 Werken ist sie die grösste öffentliche Sammlung fantastischer Literatur. Für ihr «Future Life»-Projekt durchforsten Le Blanc und sein Team Science-Fiction-Bücher nach Szenarien, die in 50 Jahren denkbar sind.

www.phantastik.eu

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