«Dadurch wird das alte Handwerk wiederbelebt»

Die Textildesignerin Claudia Caviezel hat eine neue Teppichkollektion entworfen. Dabei werden alte Stücke aus der Türkei gebleicht, umgefärbt und mit neuen Mustern aufgepeppt. Ein Paradebeispiel für Upcycling.

Claudia Caviezel hat neben der Teppichserie Surava auch das Sofa Riom und die Zierkissen Bivio entworfen.

Claudia Caviezel hat neben der Teppichserie Surava auch das Sofa Riom und die Zierkissen Bivio entworfen. Bild: Reto Oeschger

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Was ist für Sie so verlockend an einem gebrauchten Teppich?
Die Zusammenarbeit mit Menschen, die mit ihren Händen tolle Dinge machen, finde ich einfach unglaublich faszinierend. Mich berührt es, wenn ich handgewobene oder geknüpfte Textilien zu Gesicht bekomme und mir vorstelle, wie viel Geschichte, Geschick und Arbeit dahinterstecken. Auch weil sie oft einfach wunderschön und liebevoll gestaltet sind. Die Materialien, die Farben! Vor lauter Freude werde ich dann immer ganz nervös.

Wäre es nicht interessanter, einen neuen Teppich zu kreieren?
Ich habe ja bei Pfister mit den Kelims Teppiche kreiert. Bei der neuen Serie konnte ich an etwas Altem, Bestehendem arbeiten und die Geschichte weiterspinnen. Das Wissen und das handwerkliche Können der Teppichspezialisten und Restauratoren in der Türkei ist enorm, das muss man nutzen. In Zentralanatolien ist das Teppichhandwerk bedroht, durch unsere Zusammenarbeit wird es wiederbelebt; der Prozess des Recyclings und Upcyclings eröffnet den Leuten dort ganz neue Perspektiven.

Hinter dem Vintage-Konzept lässt sich aber auch einiges verstecken. Sind es zweitklassige Teppiche, die Sie weiterverwenden und veredeln?
Nein, im Gegenteil. Sie sind handgeknüpft, gebraucht, aber von bester Qualität. Das Spezielle an diesen antiken Stücken ist, dass die Kette aus Baumwolle und die Knüpfung aus Wolle besteht. Nachdem die Teppiche gebleicht sind, erlaubt es dieser Unterschied, das Material einzeln einzufärben. Mit dem noch sichtbaren Muster des Originalteppichs entsteht so ein Zusammenspiel von Material, Farbe und Ornamenten. Ergänzt habe ich diese Struktur mit einer neu eingeknüpften Zeichnung. Alle sind Einzelstücke, die mit einer grafischen oder floralen Zeichnung durchzogen werden.

Einige erinnern ein bisschen an Kinderzeichnungen.
Entstanden sind sie aus einer freien Zeichnung. Aber es stimmt, im Teppich erinnern sie an Hüpfspiele, die Kinder mit Kreide auf die Strasse zeichnen.

Warum ist der Vintage-Look derart ein Erfolgsmodell? Warum kaufen Leute Teppiche, die abgenutzt aussehen? Immerhin liegen die Preise um 3500 Franken.
Ich kann da nur von mir sprechen. Ich habe mir einen neu eingefärbten Vintage-Teppich aus Zentralanatolien mit nach Hause genommen, und mir gefällt er vom Material und der Optik her sehr gut. Die Farbtiefe und das Spiel der verschiedenen Ebenen, die entstanden sind im Lauf der Zeit, durch Abrieb, Sonne und die tägliche Benutzung, sind wunderschön. Es ist wie ein Bild, das auf den ersten Blick monochrom erscheint, aber aus mehreren Farbschichten aufgebaut und strukturiert ist.

Für Sie als Textildesignerin bei Akris St. Gallen ist dies Neuland.
Die Möglichkeiten als Texildesignerin sind sehr offen. Man kann in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel in Mode, Produktedesign, Inneneinrichtung, Kostüm, Theater oder auch Architektur mitwirken und immer wieder Neues machen oder kombinieren. Die Themen stecken einander gewissermassen an, und man kann Designs unter anderem Blickwinkel betrachten. So ist vielleicht die Zeichnung für die geplante Tapete viel frischer als Wollmantel oder das Foto für den Kissenentwurf eigentlich ein Teppich.

Welche Werte sind Ihnen bei der Arbeit wichtig?
Die Qualität und das Material, aber auch der Genusswert – das Optische, das Taktile. Und dass sich das Design nicht zu ernst nimmt. Eine gewisse Lockerheit ist wichtig.

Kleid, Teppich, Sofa – alles ist im Grunde schon erfunden. Neues ist oft die Wiederholung der Wiederholung. Können neue Spielarten überhaupt kreativ sein?
Ja, ich erfinde ja nicht das Kleid an sich, den Teppich als Bodenbelag oder das Sofa als Sitzgelegenheit neu, sondern arbeite daran, wie diese Gegenstände sich anfühlen, ausschauen oder funktionieren können in unserer Zeit. Wir können aus einem endlosen Fundus schöpfen und damit unsere Umgebung gestalten. Das ist doch wunderbar.

Teppiche tritt man mit Füssen.
Nun ja, Teppiche, Kleider und auch Sofas sind ohnehin Gebrauchsgegenstände, die nicht ewig halten. Ausserdem möchte man sich doch zeitgemäss und nach dem persönlichen Geschmack einrichten. Das finde ich absolut in Ordnung.

Und nach dieser Kollektion? Was würden Sie als Nächstes gern entwerfen?
Es geht mir eher um neue Zugänge als darum, ein neues Sofa, einen neuen Tisch oder ein neues Accessoire zu kreieren. Alte Techniken mit neuen Materialien zum Leben bringen, das interessiert mich.

Wie weit mischt sich Alfredo Häberli, der Spiritus Rector von Atelier Pfister, bei den Entwürfen ein?
Die Zusammenarbeit klappt ausgezeichnet, von Einmischung kann keine Rede sein. Ich habe grossen Freiraum, meine Ideen zu entwickeln und in diesem Rahmen auch umsetzen zu können.

Haben Sie denn gar keine Zugeständnisse an den Mehrheitsgeschmack gemacht?
Natürlich haben wir uns angesehen, was sich an Teppichen und Textilien bisher gut verkauft hat und worauf die Leute eher skeptisch reagieren. Für mich war interessant zu sehen, welche Teppichmasse und Proportionen beliebter sind als andere. So verkaufen sich zum Beispiel rechteckige Teppiche viel besser als quadratische. Das Farbkonzept haben wir für verschiedene Interieurs ausgelegt: die grafische Ausführung in Amber, Indigo und Türkis – das florale Dessin in Basalt, Granat und Wasabi.

Pink wäre zu gewagt?
Ich persönlich finde Pink oder Purpur für einen Teppich super. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2013, 12:16 Uhr

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