1001 Nebenstrang

Flüchtlinge, Familienrache, Überwachungsstaat. Der neue «Tatort» schwankt zwischen banal und bedeutungsschwanger. Immerhin landen die Kommissare zusammen im Bett.

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So ein «Tatort» ist ja ein präzis gearbeitetes Hochleistungsräderwerk, und je öfter man eine Episode anschaut, desto mehr Entdeckungen kann man meist machen. Die raffinierten Bezüge, die subtile Kameraführung – all dies erschliesst sich häufig erst beim zweiten Sehen in seiner ganzen Tiefengrammatik.

Bei der neuen Folge «Die Feigheit des Löwen» entpuppt sich etwa die Syrienberichterstattung in Radio und Fernsehen als selbstreflexiver Soundtrack, den man nur bei konzentriertem Hinhören versteht – ein Gegenstück zum Verdunkelungsmotiv, das ebenfalls zurückhaltend, aber konsequent durchgeführt wird: Die Welt wird via Rollladen ausgesperrt aus den Zimmern und dann per TV hineingezoomt. Auch dass die Geschichte vom Garten Eden, seinen Äpfeln und dem Rauswurf regelmässig zitiert wird, fällt beim zweiten Viewing deutlicher ins Auge.

Viel mehr Feinheiten hat «Die Feigheit des Löwen» allerdings nicht zu bieten. Denn im Buch des preisgekrönten Krimiautors Friedrich Ani – der selbst Sohn eines Syrers ist – ist alles eher grob angerichtet. Die schweren Stoffe erdrücken sich gegenseitig. Flüchtlingsproblematik und Familienrache, Syrienelend dort und Clash der Kulturen hier, Überwachungsstaat und westliche Hilflosigkeit: Darunter gings offenbar nicht.

Da findet eine Streife zwei syrische Kinder im Kofferraum eines Autos, eines davon ist tot; die Mutter hat verstümmelte Fingerkuppen, damit man keine Fingerabdrücke nehmen kann; ein Passfälscher und ein Schleuserring sind im Visier der Bundespolizei. Letztere wird verkörpert von Thorsten Falke und Katharina Lorenz (Wotan Möhring und Petra Schmidt-Schaller).

Überkandidelt und vertrackt

Drangeklebt an diese Geschichte ist ein Krimi, der in der deutsch-syrischen Gemeinde Oldenburgs spielt. Die Leiche eines gefolterten Syrers liegt unter einer Plane; die deutsche Frau eines gut integrierten syrischen Arztes (Karoline Eichhorn) schaut immer mit allen Anzeichen der Angst seinem Bruder hinterher, dabei hat sie diesen selbst nach Deutschland geholt. Der fingert gern bedeutungsvoll und schön böse an seinem Bart herum («Homeland»-Star Navid Negahban kann das). Falke und Lorenz ermitteln derweil und landen miteinander im Bett.

Ob sich zwischen der kühlen Blonden und dem Guter-Junge-Typ Falke etwas Ernstes entwickelt, bleibt offen (and who cares). Aber jedenfalls ist er der Einzige, der eine Beziehung zum kleinen Buben aus dem Kofferraum aufbauen kann. Und das ist ebenso unglaubwürdig wie die Dialoge, die zwischen superbanal und superbedeutungsschwanger changieren – und wie der gesamte überkandidelte Krimi

Auch der 1980 in Wien geborene Regisseur Marvin Kren, ein Kenner des Thriller- und Horrorgenres, trägt nichts zur Vereinfachung bei. Er versteht sich auf die Stille, die mit Spannung vollgepumpt ist. Dass im kurzen Sonntagsformat kein Platz für endlos ausgedehnte Spannungsbögen und hochvertrackte Verstrickungen ist, scheint er allerdings nicht zu wissen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.11.2014, 21:49 Uhr)

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Kritik, Rating, Diskussion

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