Im Schatten junger Penisblüten

Der schwule Fotograf Robert Mapplethorpe galt zu Lebzeiten als schlimmer Finger, jetzt wird er als Klassiker gefeiert.

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Es ist, als hätte die gute alte Clementine aus der Waschmittelwerbung sauber gemacht: alles so schön ordentlich hier, kein Schmutzeckchen in Sicht und kein Fetteckchen. Dieser Ausstellungsraum im Pariser Grand Palais ist eine Walhalla, ein Ruhmestempel für einen gefallenen Helden. Denn es soll ja ein Amerikaner in den Kunstkanon aufgenommen werden, der noch bis kurz vor seinem Tod 1989 im Verdacht stand, ein Sex-Maniac zu sein – Robert Mapplethorpe. Bitte nichts anfassen und bitte nur flüstern, die Messe will nicht gestört sein.

Dabei gäbe es hier herrlich vieles, was man greifen, begreifen möchte – und nicht mit dem Verstand! (Der ist ohnehin mit der Frage beschäftigt, was wohl den Kurator Jérôme Neutres, «Berater des Präsidenten der Réunion des Musées Nationaux», zur Heiligsprechung von Robert I. bewogen hat.) Sinnlos möchte man ins Fleisch fassen, das hier hängt, männliche Körperlandschaften, Muskelgebirge, Hautschluchten, Rundungen, Schwellungen, Flächen – um mit dem Künstler Anschluss zu finden an den Taumel von Liebe, Sex und Sadomaso-Pornografie, der sein Leben war.

Robert Mapplethorpe (1946–1989), Erotomane, Bildhauer männlicher Akte, Zuchtmeister von Penisblüten, ist in der Stadt der Liebe angekommen, und es ist klar: Wenn man in Paris nicht weiss, was Sublimierung ist, dann weiss man es nirgendwo. Die Mapplethorpe-Zurichtung im Grand Palais ist so exquisit, dass sie einen nötigt, den Augen sozusagen Samthandschuhe überzustreifen. So ausgestattet, wird man auch dazu nicken, dass der Kurator vorschlägt, dieses Künstlerleben mit dem Fokus auf zwei starke Frauen und Musen nachzuerzählen. Auf Lisa Lyon, 1979 erste Weltmeisterin im Bodybuilding, und auf die Sängerin Patti Smith. Zwei Frauen? Aber hallo, dieser Mann war homosexuell! Er starb mit nur 42 Jahren an einer damals unbekannten Krankheit, die man Schwulenseuche nannte, «Gay Plague», Aids.

Patti Smiths Erinnerungen

Vieles liesse sich klären, wüsste man, dass Neutres ganz einfach ein Fan von Patti Smith ist. Denn an der Pariser Lesart des Robert Mapplethorpe, am Nachleben dieses Künstlers, trägt vor allem sie Schuld. Ja, Smith hat ganze Arbeit ­geleistet, Roberts Jugendliebe und Alibifreundin in New York der späten 60er- und frühen 70er-Jahre, sein erstes Model, eine romantische Ikone. Immer wieder betonte sie und pocht darauf auch in ihren Erinnerungsfibeln über die Jahre mit Mapplethorpe, in «Just Kids» (2010) und «Das Korallenmeer» (dt. 2014): Ihr «Bob» war kein Fotograf, sondern durch und durch Künstler gewesen, seit je besessen von Michelangelo, dem er mit seinen männlichen Akten nacheiferte.

Im Übrigen soll zwischen ihrem Lover und ihr die Übereinkunft geherrscht haben: Ich bin ein böses Mädchen, das versucht, gut zu sein, du bist der brave Junge, der gerne böse wäre. Doch so einfach war es nicht, «Bob» entdeckte seine Homosexualität und blieb bei den Drogen, während sie sich von ihren Freunden sagen lassen musste: «Du drückst nicht und bist nicht lesbisch, was bist du überhaupt?»

Die guten alten Zeiten. Mapplethorpe war das Kind einer Epoche, verstand Sex als ästhetische Sinnsuche, und davon erzählen seine Fotos. Als sie in den 80er-Jahren auf den Markt kamen, war das Entsetzen gross, ein New Yorker Kunstkritiker bezeichnete sie gar als die «gefährlichsten Bilder der Kunstgeschichte». Konservative und religiöse Kreise geiferten. Wer dies ausblendet, unterschlägt die Hälfte des heutigen Faszinosums. Sicher, klassisch mag sein, wie er fotografierte, im Vergleich mit der klassischen Tradition, die im Musée Rodin gezogen wird, in der Gegenüberstellung mit den Werken des Hauskünstlers. Mapplethorpes gestählte, trainierte Körper weisser und gerne auch schwarzer Models wirken wie Rodins Bronzen oder Marmorskulpturen.

Porentief rein

Doch weder dort noch im Grand Palais liegt das Licht auf dem Schattenleben von Mapplethorpe, das ja der Urgrund seiner Kreativität war. Denn man soll weder in der einen noch in der anderen Ausstellung vergessen, wo man sich befindet – in Paris! Die Stadt der feinen Sinne und des guten Geschmacks feiert Mapplethorpe mit seinen porentief reinen Körpergeländen, Porträts, Blumen, wirkungsmächtig gehängt und versammelt zu altarwürdigen Tableaus. Doch alles, was abgründig und möglicherweise anstössig ist in diesem Werk, verbannt die Ausstellung im Grand Palais in einen winzigen Darkroom, den zu betreten unter 18-Jährigen untersagt ist.

Dabei war Mapplethorpe ein Geisteskind der Punkbewegung, Black Power und schwuler Emanzipation. Viele seiner Werke entstanden unter dem Einfluss von Kokain und LSD in einem intellektuellen New York, das nach dem nackten, von der Prüderie der amerikanischen Gesellschaft befreiten Körper gierte. Nach dem Stonewall-Aufstand von 1969 wollten sich die Schwulen nicht mehr länger verstecken. Mapplethorpe entdeckt in dieser Zeit seine Vorliebe für Männer – und jene für Bondage und Ledersex, Lustschmerz und Fesselspiele. Die Männer zieht es zu den Ufern des Hudson ­River im West Village, wo sie sich unter freiem Himmel lieben. Ein «Goldenes Zeitalter der Promiskuität», wie der Schriftsteller Edmund White schreibt.

In diesem brodelnden Hexenkessel der sexuellen Revolution begegnet Mapplethorpe sämtlichen homosexuellen Akteuren des amerikanischen Kulturbetriebs. Auch sie hängen im Grand Palais, aufgereiht wie Spalierobst: William Burroughs, David Hockney, Andy Warhol, Susan Sontag, Jasper Johns, Robert Wilson, Yves Saint-Laurent. Es galt als chic in der Szene, sich von dem gut aussehenden jungen Mann mit den grünen Augen und den engelsgleichen Locken fotografieren zu lassen.

Das Ende dieses dunklen Engels kam jäh. Jetzt ist der Gefallene als Phönix wiederauferstanden. Wieso auch immer, unbeteiligt ist Patti Smith auf keinen Fall.

Grand Palais, bis 13. Juli; Musée Rodin, bis 21. September. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.05.2014, 02:12 Uhr)

Das Frühwerk des bekannten Unbekannten

Löcher hat er gemacht, klar, kalt. Auch wütend, manchmal. Mit seinem Messer stach er zu, drehte die Klinge um in der Leinwand – das war Lucio Fontanas Mondfahrt. Der Aufbruch in die dritte Dimension, Fontana, der Künstler des neuen Space Age. Denn wie nannte er seine Erfindung, eine Bewegung, die heute bestenfalls Kunstkenner zu benennen wissen? «Spatialismus», die Fortsetzung des Raums in der Materie. Fontanas Löcher oder Schlitze wurden grösser, gewaltiger, als die ersten Menschen tatsächlich diesen anderen Raum zu erobern begannen, den Welt-Raum; mit Sputnik wird der Krieg der Welten zum Krieg der anderen Dimension.

Unterschätzter Avantgardist

Lucio Fontana (1899–1968), Revolutionär der Nachkriegszeit. Futurist im Sinne des Wortes und im Gebrauch immer neuer Techniken. Wer an ihn denkt, meint diese Bilder der gequälten, vergewaltigten Leinwände und der durchstossenen Papieroberflächen. Wer so an ihn denkt, erwischt das Musée d’Art Moderne de la Ville Paris kalt. Hier nämlich soll chronologisch, soll mit dem Anfang begonnen werden, in dieser mit 200 Werken grössten Retrospektive überhaupt, 40 Jahre nach dem Tod des noch immer unterschätzten Avantgardisten. Dass ein «Concetto Spaziale» im letzten November für über 20 Millionen Dollar versteigert wurde, ist nur eine Sache und vor allem den Aktivitäten des auch in der Schweiz wirkenden Kunsthändlers Karsten Greve zuzuschreiben; für die Mehrheit ist und bleibt Fontana der bekannte Unbekannte.

Man tritt also in den hohen, hellen Museumsraum und sieht – keine einzige Schnittverletzung, keine Verwundeten, Malträtierten. Im Gegenteil: hier ein chic-scheckig bemaltes Keramikkrokodil, dazu tönernes Gemüse, Meeresfrüchte; dort ein antik bronzierter Bronzeheld – Lucio Fontana war in seinen Anfängen Bildhauer wie sein Vater. Und erst wer seine Herkunft kennt, kann ermessen, welchen Weg er künstlerisch beschritt, indem er neue, gewagte Abgründe öffnete und für die Kunst erstmals vermass.

Nicht ein Amerikaner war es zum Beispiel, der als Erster mit Neonlicht experimentierte. Nein, es war Lucio Fontana, und zwar lange vor der Pop-Art! Es ist das Verdienst des Museums, dass es mit dieser Ausstellung die Bedeutung europäischer Kunst für die Avantgarde sichtbar macht. Tonskulpturen, Keramiken, Bronzen, Gemälde, Arbeiten aus dem wenig bekannten Frühwerk, selbst grosse, begehbare Rauminstallationen und Objekte an der Schwelle zum Design sind hier zum ersten Mal in fantastischer Dichte und spielerischer Kohärenz versammelt. Und es ist nicht auszudenken, wie diese Schau ausgefallen wäre, wenn, ja wenn dieser Künstler nur ein bisschen länger gelebt hätte – und heute die alte Kunstwelt die neue in den Schatten stellte. Dank Lucio Fontana als besserem Dan Flavin, der die Moderne zum Licht führte.

(Tages-Anzeiger)

Reden und sägen am Lagerfeuer der Demokratie

Moment einmal! Halt! Wo sind wir hier? Und, wollen wir hier überhaupt sein? Geruch von Gummi, junge Menschen in Hoodies, die Styropor zersägen, zu Türmen schichten, ältere nicht ohne ihren Žižek unterm Arm, dazu Abertausende Pneus, hochgestapelt zu babylonischen Bastionen, chaotischen Labyrinthen, fatalen Brandbeschleunigern – denn ja, hier brennt ein Feuer und dort ein zweites! Willkommen bei den High-End-Squattern, willkommen beim geliebten Feind, Thomas Hirschhorn.

Hirschhorn ist, wo braunes Packband ist, und hier kleben Hunderte Kilometer Packband – um Sessel, Stühle, die Computerecke, die Bibliothek. Hinein in den Widerspruch also, hinein in die Kunst als «Antithese der Demokratie». Denn Hirschhorn ist, wenn einer alles anders macht als der Feind in den eigenen Reihen: die Vertreter des modischen Zynismus, des sterilen Kritizismus und der Hure Kunstmarkt.

Ja, Thomas Hirschhorn ist da, im Bauch des Palais de Tokyo, er soll sogar wortwörtlich zugegen sein auf dieser modernen Agora auf 2000 Quadratmetern, die er sich hier eingerichtet hat, zumindest verspricht das die Ausstellung. 52 Tage lang, jeden Tag bis um Mitternacht soll der Künstler sich tummeln, irgendwo zwischen Schachteln, Pneus, den beklebten Sesseln, hinterm Computer, an der Bar, und will mit anderen Künstlern, Philosophen, Literaten reden, besser: sie zum öffentlichen Reden auffordern (Besucher reden, sägen, denken hier natürlich immer und unangemeldet).

Doch wo ein Künstler ist, ist naturgemäss vor allem Kunst, und die ist in Hirschhorns Fall von einer Art, dass sie mindestens so deutlich wie der Meister selber spricht. Diskurs will sie, zum Beispiel die hier produzierte «Zeitung», ein Formzitat politischen Agitprops; Ansprache, Auseinandersetzung soll betrieben werden, und die Demokratie ist das Material. Fragen will Hirschhorn stellen, keine Antworten geben müssen. Auch nicht auf die altbekannte: Ist er ein Kunstmarkt-Zyniker? Denn ob Squatter-Park oder Luna-Park, ob arm im Geist oder Arte Povera, das ist hier die Frage.

Dionysische Inszenierung

Keine Frage ist, dass dieser Davoser in Paris tatsächlich etwas von einem alten Griechen hat. Denn was er hier wie in seinen vorherigen Dokumenten-Collage-Höhlen in rasender Liebe zum Exzess inszeniert, ist auf alle Fälle dionysisch. Es ist entweder gross, weil naiv. Oder es ist gar nicht. Beides zusammen geht nicht. Wie es auch unmöglich ist, sich nicht dafür zu entscheiden – für das Interesse, für Zugehörigkeit, für Partizipation.

Hirschhorns Idee der offenen Form, der Beteiligung und des Austauschs ist die Utopie, ohne die Kunst nicht die «Flamme eternelle» wäre, die sie ist. Hier bürgert ein Künstler in einem offenen Verfahren alles wieder ein, was der Markt ausgebürgert hat, weil unverkäuflich. Denn Kunst muss gar nichts, darum ist sie es ja. Ist Kunst und kein börsenkotiertes Unternehmen. Von wegen: In 50 Jahren werden die Zigtausenden Styroporkügelchen, die hier unter fleissigen Anarchistenhänden tagtäglich als Nebenprodukt anfallen, bei Sotheby’s für eine Million versteigert. Wetten, dass?

Palais de Tokyo, bis 23. Juni. (Tages-Anzeiger)

Stichworte

Weitere Ausstellungen in Paris

1 - Henri Cartier-Bresson Umfassende Retrospektive zum 10. Todestag des Fotografen, der als Auge eines Jahrhunderts gilt. Centre Pompidou, bis 9. Juni.

2 - Emmet Gowin Die Stiftung, die Cartier-Bresson ein Jahr vor seinem Tod gründete, zeigt den amerikanischen Fotografen, der in Europa noch zu entdecken ist. Fondation Henri Cartier-Bresson, bis 27. Juli.

3 - Ilya und Emilia Kabakov, Monumenta 2014: «L’Etrange Cité» Das russische Konzeptkünstlerpaar lädt ein, sich in ihrer riesigen, mysteriösen Installation einer utopischen Stadt zu verlieren. Grand Palais, bis 22. Juni.

4 - «Louvre Abu Dhabi. Naissance d’un Musée» Das erste Universalmuseum, das Ende 2015 in Abu Dhabi eröffnet werden soll, stellt Glanzstücke seiner im Aufbau befindlichen Kollektion vor. Louvre, bis 28. Juli.

5 - «Papier Glacé. 100 Jahre Modefotografie Condé Nast» 150 Originalabzüge von 1918 bis heute. Palais Galliera, Musée de la Mode de la Ville de Paris, bis 25. Mai.

6 - «Hiroshi Sugimoto: Aujourd’hui, le Monde est Mort» Eine Hommage an mehrere Künstler bringt auch den Japaner nach Paris. Palais de Tokyo, bis 7. September.

7 - «Tatoueurs, Tatoués»Die künstlerische Dimension der Tätowierkunst anhand ihrer tausendjährigen Geschichte. Musée du Quai Branly, bis 19. Juli.

8 - Bernard Tschumi Der gebürtige Schweizer Architekt in seiner ersten grossen Retrospektive mit 300 Zeichnungen, Collagen und Maquetten. Centre Pompidou, bis 28. Juli.

9 - «Vincent van Gogh – Antonin Artaud. Der Selbstmörder durch die Gesellschaft» Der Zusammenhang von Wahnsinn und Kunst und die Beziehung zweier Künstlerpersönlichkeiten zueinander. Musée d’Orsay, bis 6. Juli.

10 - Bill ViolaDie erste Einzelausstellung, die ein französisches Staatsmuseum einem Videokünstler widmet. Raumfüllende Installationen zeigen die Breite seines Schaffens von den Anfängen bis heute. Grand Palais, bis 21. Juli.

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