Israel muss sich der Wahrheit stellen

Die Kritik an der israelischen Besatzung der Palästinensergebiete ist berechtigt. Diese hat ihre Legitimation längst verloren.

Ein palistinensische Frau beklagt sich in einem Flüchtlingscamp in Westjordanland bei einem israelischen Soldaten. Foto (Archiv): Keystone

Ein palistinensische Frau beklagt sich in einem Flüchtlingscamp in Westjordanland bei einem israelischen Soldaten. Foto (Archiv): Keystone

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Zehn Tage lang fand im Zürcher Kulturhaus Helferei eine Ausstellung der regierungskritischen israelischen Veteranenorganisation «Breaking the Silence» (BTS) statt. Gezeigt wurden Fotos, die Soldaten während ihres Dienstes in den besetzten palästinensischen Gebieten gemacht hatten. Videoaufnahmen von einem Checkpoint rundeten das Bild davon ab, was es heisst, wenn ein Volk über ein anderes herrscht.

Der Bund unterstützt BTS von 2012 bis 2016 mit 158'000 Dollar, für die Ausstellung sprach er weitere 15'000 Franken. Die israelische Regierung sieht das nicht so gern. Ihr Botschafter in Bern, Yigal Caspi, hat eine offizielle Protestnote deponiert, die er folgendermassen kommentierte: «Es ist nicht Aufgabe der Schweizer Behörden, eine solche Organisation zu unterstützen.»

Yigal Caspi hat wohl hauptsächlich deshalb gegen das Schweizer Engagement protestiert, weil viele Israelis – und auch viele Juden in der Diaspora – der Ansicht sind, die Probleme Israels seien eine Privatangelegenheit und müssten «innerisraelisch» gelöst werden. Caspi sagte denn auch: «Eine Ausstellung im Ausland, deren Zweck die negative Darstellung von Israel ist, hilft nicht weiter.»

Der Botschafter verwechselt dabei Zweck und Wirkung: Die Ausstellung hat nicht die Absicht, Israel negativ darzustellen, sondern die Wahrheit zu zeigen. Wenn diese Wahrheit hässlich ist und zu einem negativen Bild Israels führt, ist das nicht der Ausstellung anzulasten, sondern den Menschen, die für diese Wahrheit verantwortlich sind, namentlich den israelischen Regierungen, die seit 1967 die Besatzung aufrechterhalten haben, sowie all jenen, die diese Regierungen gewählt haben und der Ansicht sind, die Besatzung sei militärisch notwendig, moralisch rechtens oder aus religiösen Gründen geboten.

Schikane und Brutalität

Natürlich gäbe es ohne die wiederholten Angriffskriege gegen Israel keine Besatzung. Doch sie hat ihre Legitimation nicht nur verloren, sondern längst in deren Gegenteil verkehrt. Heute geht es um Landnahme, Zerstörung von Lebensgrundlagen, Schikane und Brutalität gegenüber Millionen von Unschuldigen und generell um ein bewusstes, womöglich sogar vorsätzliches Kleinhalten eines ganzen Volkes.

Die Sicherheit, die man sich dadurch zu erkämpfen glaubt, ist vor allem durch den Kampf selbst erforderlich geworden: Wer so behandelt wird wie die Palästinenser durch die israelische Armee, kann gar nicht anders als wütend werden – auch wenn die Ausgestaltung dieser Wut durchaus fragwürdige Formen annimmt. Doch das liegt nun einmal in ihrem Wesen.

Leider wollen die meisten Israelis und viele Diaspora-Juden von alledem nichts wissen. Wer als Jude die Besatzung kritisiert, gilt in Israel als Verräter und im Ausland als naiver Zudiener der Antisemiten. Beim Gazakonflikt 2012 habe ich im «Blick» einen kurzen Kommentar geschrieben mit dem Titel «Beide Seiten sind gleich idiotisch». Das handelte mir eine Reihe von empörten Anrufen von Schweizer Juden ein. Zwei sagten mir sogar ins Gesicht: «Wenn du in einer solchen Situation nicht zu Israel stehen kannst, musst du schweigen.»

Faschistoide Haltung

Diese Haltung, die den blinden Gehorsam glorifiziert, ist nichts anderes als faschistoid. Daran leidet auch Botschafter Caspis Protestnote, kritisiert sie doch die Schweiz eigentlich nur dafür, der Wahrheit Bahn zu brechen. Hinsichtlich der Entwicklungsförderung ist die Wahl von BTS daher eine ausgesprochen kluge. Die Veteranen arbeiten fundiert, seriös und mit einer simplen Vision: die Besatzung zu beenden. Sie haben ihre Gründe: Sie waren Besatzungsoldaten, sind dabei verroht, sogar die Anständigsten unter ihnen, und empört darüber. Sie sind empört über ihre Entdeckung, dass sie nicht einer noblen, freiheitlichen Elitetruppe angehörten, sondern einem rassistischen Unterdrückungssystem.

Diese Empörung ist legitim. Die Besatzung ist es nicht. Israel kann seine Probleme ganz offensichtlich nicht «innerisraelisch» lösen. Es hat in dieser Frage komplett versagt. Und wie eine Familie, in der nur noch Missbrauch und Vernachlässigung herrschen, irgendwann Besuch von den Behörden bekommt, ist auch Israel auf Einmischung von aussen angewiesen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.06.2015, 17:36 Uhr)

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