Israelische Soldaten, die nicht mehr schweigen wollen

Die Organisation Breaking the Silence lässt die Mitglieder der Besatzung sprechen. Die Helferei in Zürich zeigt die Bilder dazu.

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Die Zeitungen schreiben, Fernseh- und Radiosender berichten. Die Gewalt in den von Israel besetzten Gebieten und die Kriege, die sich in kurzen Abständen folgen, sind der tägliche Stoff in den Medien. Und dennoch herrscht ein grosses Schweigen darüber. Es sind die Beteiligten, Soldaten, Soldatinnen, Offiziere, die nicht reden über das, was sie erleben, und noch weniger über das, was sie tun.

Dieses Be-Schweigen erlebt jede Familie, jeder Freundeskreis, es prägt eine ganze Gesellschaft seit Jahrzehnten. Wollen die einen verdrängen, geht es den anderen ums Vergessen, und alle, die in sensitiven Einheiten Dienst tun, stehen unter militärischer Order. Sprechen würde die «Sicherheit gefährden».

Zeugen gegen Realitätsleugnung

Aber nicht mehr alle nehmen es hin. So macht es sich die israelische Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence zur Aufgabe, die Öffentlichkeit mit der sehr konkreten Realität zu konfrontieren, wie sie ihre Brüder, Väter, Töchter oder Freundinnen im Armeedienst in den besetzten Gebieten erleben.

2004 gründete der Reservist Yehuda Shaul die Organisation, nachdem er seine Militärzeit unter anderem in Heb­ron absolviert hatte. Bis heute orthodox und eigentlich aus einem nationalistischen Milieu stammend, hat er sich zu einem der bekanntesten Kritiker der ­israelischen Militärherrschaft in den ­besetzten Gebieten gewandelt.

Seine Methode ist das Sammeln und Verifizieren von Zeugenaussagen aktiver Soldaten und Soldatinnen, Offizieren, Reservisten. Inzwischen haben er und seine Mitstreiter über tausend Zeugen interviewt. Publiziert haben sie deren Aussagen in Büchern und auf ihrer Website Breakingthesilence.org.il, sie haben sie in Videos festgehalten und Fotoausstellungen organisiert. So stellte Breaking the Silence auf Einladung des «Tages-Anzeigers» und des Kaufleuten schon 2013 in Zürich den damals neusten Film und Bericht vor.

Unterstützung bekommt die NGO von einzelnen europäischen Regierungen – so auch vom EDA –, von europäischen und amerikanischen humanitären Organisationen, von Fonds wie jenem von George Soros und schliesslich von unzähligen Einzelspendern.

Soziale Ächtung befürchtet

Dieser Tage hat Breaking the Silence den neusten Bericht präsentiert. Es sind rund siebzig Zeugenaussagen von Soldaten, die vorigen Sommer im Gazakrieg gekämpft haben. In Israel war die Kritik heftig, ausserhalb Israels stiess der Bericht ebenfalls auf grosses Echo. Deutlich wird, weshalb es auf palästinensischer Seite so viele zivile Opfer gab. Laut UNO waren von den über zweitausend Toten rund 70 Prozent Zivilisten. Israel nennt eine weit geringere Zahl.

Wie den Aussagen in dem Buch zu entnehmen ist, wurden die Soldaten mehr oder weniger aufgefordert, auf jeden zu zielen, der in Schussweite geriet, weil jeder eine potenzielle Bedrohung darstellte. Zudem waren Befehle widersprüchlich und unklar. Zivilisten in ihren Häusern, die von den Israelis gewarnt wurden, blieb meist nicht genügend Zeit zur Flucht. Vor allem aber gab es ja auch keinen ungefährdeten Raum, der ihnen Schutz geboten hätte. Die Folge waren um die 500 getötete Kinder.

Wie bei jedem neuen Bericht sah sich Breaking the Silence auch diesmal dem Vorwurf ausgesetzt, dass die Zeugnisse anonym blieben. Dem entgegnet die Organisation, dass sie jede Aussage anhand weiterer Quellen verifiziere. Vor allem aber weist sie darauf hin, dass jeder Soldat Gefahr laufe, vor einem Militärgericht erscheinen zu müssen. Wo ihm dann jede Glaubwürdigkeit abgesprochen werde. Bei der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem ist detailliert nachzulesen, wie die Armee mit Beschuldigungen umgeht, die nun schon seit Jahren erhoben werden (www.btselem.org). Militärinterne Verfahren gegen einzelne Soldaten, die Verfehlungen begangen haben, enden in den meisten Fällen mit einem Freispruch. Am System selber ändert sich indes nichts.

Als gewichtigsten Grund für Anonymität aber nennt Breaking the Silence den sozialen Preis, den jeder Soldat sonst zu zahlen hätte. Weil in Israel das Leben nach dem Armeedienst formell wie informell sehr viel zu tun hat mit eben dem geleisteten Dienst. Wo theoretisch jeder Militärdienst leistet, der als grosser sozialer Kitt angesehen wird, kann auf die Kritik am Militär soziale Ächtung folgen. Vor solchen Folgen will die Organisation ihre Zeugen schützen. Nicht sie sollen den Preis zahlen, sondern letztlich die politisch Verantwortlichen. «Es ist unser Kampf für die Werte Israels und seiner Zivilgesellschaft», sagt die Direktorin Yuli Novak. Natürlich sind tausend Soldaten nur eine winzige Minderheit. Aber sie gehören zu jenen, die ihre moralischen Werte durch den Dienst in den besetzten Gebieten verletzt sehen, wie Breaking the Silence schreibt. Dieser Dienst bedeutet ja in erster Linie die tägliche Konfrontation mit einer Zivilbevölkerung. Und die erodiert die Moral einer Truppe.

Soldaten-«Selfies»

Bis zum 14. Juni präsentiert nun das Kulturhaus Helferei in Zürich Breaking the Silence in einer Fotoausstellung, die auch vom EDA unterstützt wird. Es sind Aufnahmen, von den Soldaten selber gemacht, die den «Alltag» der Besatzung in Hebron und im Gazastreifen zeigen: von dem Siedler-Graffito, das Araber in die Gaskammer wünscht, bis zu Soldaten, die cool grinsend neben einem erschossenen palästinensischen Kämpfer posieren (und sich später dennoch gegenüber Breaking the Silence geöffnet haben). Ausstellungen wie diese wurden übrigens auch in Israel gezeigt und haben Tausende Besucher angezogen.

Mehrere Podien in der Helferei sollen die Thematik vertiefen. Zur Sprache kommen die Rolle Europas im Nahen Osten, völkerrechtliche Aspekte, die Situation der Palästinenser in Israel und in den besetzten Gebieten sowie die jüdische Identität und Israel.

Rahmenprogramm: www.kulturhaus-helferei.ch


Kritik an Schweizer Unterstützung

Von Anja Burri

Das Kulturhaus Helferei kann für die Ausstellung über die israelische Organisation Breaking the Silence auch auf die Unterstützung der politischen Schweiz zählen. Das Aussendepartement EDA leistet einen Beitrag von 15'000 Franken. Das Engagement passe gut zur Strategie der Schweiz, das humanitäre Völkerrecht im Nahen Osten zu stärken. Auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt Breaking the Silence. Seit 2012 flossen rund 140'000 Franken. Das hat der Schweiz die Kritik Israels eingetragen; es sei nicht Aufgabe der Behörden, eine solche Organisation zu unterstützen.

Die von israelischen Soldaten und Reservisten gegründete Organisation ist jedoch keine Ausnahme. Die Schweiz unterstützt weltweit Akteure der Zivilgesellschaft: Organisationen oder Bürgerinitiativen, die sich für Menschenrechte, Frauenrechte, ethnische Minderheiten oder politische Mitsprache starkmachen. «Die Entwicklungszusammen­arbeit des Bundes beschränkt sich schon lange nicht mehr darauf, in Ländern des Südens Brunnen zu bauen», sagt SP-Nationalrat Carlo Sommaruga, Präsident der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates (APK).

Die Stärkung der Zivilgesellschaft sei ein wichtiger Pfeiler der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Er verteidigt den Support für Breaking the Silence: «Das sind nicht irgendwelche Feinde Israels, sondern israelische Soldaten, die den Gazakrieg erlebt haben», sagt Sommaruga. «Es gehört zur schweizerischen Politik der Guten Dienste, in einem Konflikt auf beide Seiten zuzugehen», sagt der Präsident der ständerätlichen APK, Felix Gutzwiller (FDP). Der Aspekt der Friedensförderung ist auch in der Botschaft über die internationale Zusammenarbeit festgehalten und vom Parlament so verabschiedet worden.

Diesen Beschluss würde SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli am liebsten rückgängig machen. «Die Unterstützung von NGOs ist problematisch», sagt er. So entstünden ideologische Konflikte. Für die parlamentarische Gruppe Schweiz - Israel ist es «ein Skandal, dass die Schweiz solche Machenschaften (Breaking the Silence) finanziell unterstützt». In einem Schreiben fordern zehn Parlamentarier der SVP, CVP und BDP das EDA dazu auf, sich von der Ausstellung in Zürich zu distanzieren.

Eine Delegation der ständerätlichen APK hat sich kürzlich ein eigenes Bild des Schweizer Engagements gemacht. Sechs Ständeräte, darunter auch Gutzwiller, reisten Mitte Mai nach Israel und in das besetzte palästinensische Gebiet. Im Rahmen eines Treffens mit verschiedenen Organisationen, die von der Schweiz unterstützt werden, habe man auch mit einem Vertreter von Breaking the Silence gesprochen, sagt Gutzwiller. Er könne hinter dem Engagement der Schweiz stehen. Es sei aber wichtig, dass die Schweiz sorgfältig auswähle, mit welchen Organisationen sie zusammenarbeite, und auf eine ausgewogene Zusammensetzung achte. Wie heikel die politische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten nach wie vor ist, erlebten die Ständeräte selber. Israel verweigerte ihnen die Bewilligung, in den Gazastreifen zu reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2015, 19:56 Uhr

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