Mit dem Füdli zum Sieg?

In London wird heute der wohl berühmteste Kunstpreis der Welt vergeben. Die Nominierten gehen mit einem Riesenhintern und einem Münzhaufen ins Rennen.

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Ach, England. Du machst es uns leicht, dich zu hasslieben. Die Royals, die Fussballhooligans, das Lamm mit Minzsauce, die Spice Girls. Und dann noch der Brexit! Du magst es auf deiner Insel exzentrisch-extrem. Und wir, jenseits des Kanals, sind vor den Kopf gestossen und ja, wir gebens zu: gleichzeitig fasziniert.

Jetzt hast du es wieder geschafft, kurz vorm Jahreswechsel. Denn immer, bevor es mit dem ganzen Weihnachts-Klimbim so richtig losgeht, zündest du in den altehrwürdigen Hallen deiner Tate Gallery den Showdown für den vielleicht berühmtesten Kunstpreis der Welt: den Turner Prize. 25’000 Pfund (circa 30’000 Franken) gibts jeweils für einen von vier Nominierten, die alle unter 50 und mit England zumindest wohn- oder arbeitstechnisch verbandelt sein müssen. Damien Hirst kam 1995 in die Kränze, mit einem in Formaldehyd eingelegten, längs zersägten Kalb; Chris Ofili 1998 dank seinen mit Elefantendung gemalten Bildern. Tracy Emin reichte es 1999 zwar nicht für den Sieg; aber ihr versifftes Bett, das sie für die Nominierten-Ausstellung aus ihrem Schlafzimmer in die Tate verpflanzen liess, hat heute Ikonencharakter.

Damien Hirst wusste 1995, wie man den berühmtesten Kunstpreis der Welt gewinnt: Kalb auseinanderschneiden, einlegen, fertig. Bild: Adrian Brooks, «The Times».

Man merkt: Wer «turnern» will, der darf sich nicht scheuen, in die Skurrilitätenkiste zu greifen. Und wenn die letzten paar Jahrgänge auch etwas ruhiger ausfielen, so war die Marke Turner doch nach wie vor immer für ein Aufregerchen gut, und seis auch nur, weil ein Flitzer im Ballettröckchen die Preisverleihung stürmte oder Jude Law – eingeladen, um dem Sieger den Preis zu überreichen – die Gelegenheit auf dem Podium nutzte, um mit strahlendem Lächeln über die Sparpolitik in den Schulen zu meckern.

Kein Wunder also, rieben sich die Berichterstatter vor ein paar Wochen die Hände, als ein riesiger, lebensechter Hintern für die diesjährige Schau in die Tate gekarrt wurde. Dort steht er nun und noch bis Anfang Januar, und zwar so platziert, dass die Besucher von schräg unten direkt zwischen die (von zwei riesigen Händen auseinandergedrückten) Backen blicken können.

Ob dieser Hintern Anthea Hamilton zum Sieg führen wird? Bild: Joe Humphrys, Tate Gallery, London

Die Künstlerin Anthea Hamilton, die dieses (Un)ding verantwortet, will die Idee dazu bei Scherzkeks-Designer Gaetano Pesce gemopst haben, der den Hintern 1970 als Eingangsdekoration für ein New Yorker Wohnhaus entworfen hatte. (Es blieb, wenig verwunderlich, beim Entwurf.) In der Tate geht es auf der Rückseite des Hinterns freilich mit Kunst weiter, und man bekommt da unter anderem zu sehen: einen am Bügel baumelnden Herrenanzug in Backsteinoptik, einen von Pilzen und Flechten bewachsenen Plateaustiefel und einen Schwarm Plexiglas-Keuschheitsgürtel vor babyblauer Schäfchenwolkentapete. Weil Anthea Hamilton sich «generell fürs Weiterdrehen bereits bestehender Ideen interessiert» (O-Ton des Tate-Kuratoriums), darf man bei diesem Anblick getrost an den Surrealismus von Magritte und Dalí denken wie an Madonnas «Like a Virgin». Oder an den vergammelten Ruhm von Gary Glitter.

Klar, macht so ein wilder Ritt durch die Popkultur erst einmal Spass. Wenn man genug gelacht hat, bleibt immer noch Zeit genug, das Ganze durch den politischen Filter anzuschauen. Tatsächlich funktioniert die Szenerie auch wunderbar als Kommentar auf den Zustand Grossbritanniens. Denn bleibt, nachdem die Insel am 23. Juni dem Kontinent den (unteren) Rücken zugekehrt hat, nicht etwa ein wirtschaftlich vor sich hin moderndes Land zurück, in dem jene, die sich brav den Allerwertesten aufreissen, doch nur «another brick in the wall» sind?

Hängt auf der Rückseite des Riesenhinterns: Ein Massanzug der etwas anderen Art von Anthea Hamilton. Bild: Joe Humphrys, Tate Gallery, London

In dieselbe Kerbe schlagen die Arbeiten der übrigen drei Finalisten. Michael Dean hat 20’436 Britische Pfund – die Summe, die laut Regierung die Armutsgrenze markiert, sofern eine vierköpfige Familie ein Jahr lang davon leben muss – in Ein-Penny-Stücken ins Museum geschüttet, von dem glänzenden Haufen dann eine Münze weggenommen – und so der Existenzangst eine geradezu obszön schöne Gestalt verliehen. Josephine Pryde zeigt eine (deutsche) Mini-Lokomotive, vor die ein paar (britische) Mini-Waggons gespannt sind, auf einem superkurzen Mini-Gleis. An Bewegung ist nicht zu denken; dafür darf man sich, so stehts explizit geschrieben, auf das Gefährt setzen und über seine politische Bedeutung sinnieren. Und Helen Marten, mit Jahrgang 1985 die jüngste der vier Nominierten und der einzige «Digital native»? Bastelt durch und durch analoge Bojen aus Alltagsgerümpel.

Angst vorm Ertrinken im endlosen www-Ozean? Realitätsflucht? Wir sind uns nicht ganz sicher. Eines aber wissen wir mit Bestimmtheit: Die diesjährige Turner-Auswahl ist wieder mal very British, sprich: herrlich verquer. Zum hasslieben, halt!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2016, 17:06 Uhr

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