Schweizer Theater: Auf die Expansion folgt die Finanzmisere

Seit acht Jahren expandieren die grossen Schweizer Bühnen – als herrschte ein Theaterboom. Künstlerisch sind die neuen Spielstätten ein Gewinn, finanziell ein Desaster.

1/5 Trotz Geldnot haben die grossen Schweizer Theater in den letzten zehn Jahren stark expandiert. Ein Überblick über die neuen Spielstätten.
Eröffnung im Jahr 2000: Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses. Bitte weiter klicken.
Foto: Wikimedia / Peter Berger

Die Euphorie bei der Eröffnung des Schiffbaus war im September 2000 gross. Von «unbegrenzten Theatermöglichkeiten» schwärmte der damalige Stadtpräsident Josef Estermann über die neue Spielstätte des Zürcher Schauspielhauses. Unbegrenzte Theatermöglichkeiten – das wollen nicht nur die Zürcher. 2001 eröffnete in Basel das Schauspielhaus als Ersatz für die alte Komödie; ein eleganter Neubau, finanziert von einer Gruppe reicher Frauen. Das Stadttheater Bern erfüllt sich seine Theaterträume im Liebefeld, letztes Jahr hat es die Vidmarhalle als neue Spielstätte bezogen.

Auch St. Gallen und Luzern wollen da nicht hintanstehen: Sollte die Volksabstimmung im November positiv ausfallen, kann das Theater St. Gallen in der Lokremise zwei neue Theatersäle beziehen, in Luzern ist gar ein 100 Millionen Franken teurer Neubau fürs Musiktheater geplant.

Akute Geldknappheit in Zürich und Basel

Das Theater erlebt einen grossen Boom, könnte man meinen. Doch die neuen Spielstätten brachten bisher kein zusätzliches Publikum. Im Gegenteil. In Basel und Zürich sanken die Eintritte nach der Erweiterung. Zudem leiden beide Institutionen unter akuter Geldknappheit. Erst in den letzten Tagen kam aus Basel der Hilfeschrei, falls nicht rasch zusätzliches Geld gefunden werde, müsse man das Ballett abschaffen. Und der Zürcher Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hat schon vor einiger Zeit angekündigt, dass das Geld für Neuproduktionen in der Schiffbau-Halle nicht mehr reiche.

Eine neue Spielstätte aufzubauen bedeutet Prestige – Politiker und Privatpersonen lassen dafür gerne ein paar Millionen springen. Dass der Betrieb nachher dauerhaft Geld kostet, wird dabei oft vernachlässigt. Das ist nicht nur in der Schweiz ein Problem: Weltweit gibt es teure, prestigeträchtige Kulturneubauten, bei denen das Geld für eine angemessene Bespielung fehlt.

Falsche Erwartungen

Beim Schauspielhaus Zürich hatte man zudem völlig falsche Vorstellungen: Man erwartete mit dem Schiffbau mehr Zuschauer, stattdessen sanken die Zahlen. «Die Zuschauerzahlen von früher zu erreichen, ist kaum mehr möglich. Die Mittel verteilen sich nun auf zwei Häuser, entsprechend weniger Neuproduktionen sind auf der grossen alten Pfauenbühne machbar», sagt Pressesprecher Matthias Wyssmann. In Basel sieht man das Problem weniger beim neuen Schauspielhaus, «als bei der alten Grossen Bühne, die für Basel völlig überdimensioniert ist», wie Verwaltungsratspräsident Martin Batzer sagt.

Die Theater haben die neuen Spielstätten nicht einfach aus Grössenwahn bezogen, künstlerisch sind sie sinnvoll und notwendig. In den alten Theatern mit fester Bestuhlung und Guckkastenbühne sind die Möglichkeiten für Regisseure und Bühnenbildner stark eingeschränkt. Ganz anders in einer leeren Halle: dort kann man die Spielfläche und den Zuschauerraum je nach Projekt anders anordnen. Dies entspricht viel mehr den heutigen Bedürfnissen, ist aber auch sehr teuer. Ausser beim Schauspielhaus Basel ist diese Flexibilität in allen neuen Spielstätten gegeben.

Bern und St. Gallen sind gewarnt

Das Stadttheater Bern hat erst eine Spielzeit in der Vidmarhalle hinter sich, in der Lokremise St. Gallen läuft bis zur Abstimmung erst ein provisorischer Betrieb. Hat man dort aus den Finanzmiseren in Zürich und Basel etwas gelernt? Zumindest in Bern glaubt man, den Kostenrahmen einhalten zu können. Verwaltungsdirektor Anton Stocker: «Voraussetzung für den Bezug der Vidmarhalle war, dass kein zusätzlicher Subventionsbedarf entsteht. Dazu ist viel Disziplin nötig, es sollte aber machbar sein.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 13.10.2008, 21:44 Uhr

7 KOMMENTARE

patrik huber

ausgerechnet die reiche schweiz hat kein geld für ihre theater. strassen werden jede nacht repariert, auch wenn sie keine schäden aufweisen! die schweizer haben seit jahrhunderten keine beziehung zu den künsten.


Henry Wundergut

Werter Hans Gucker die Banken und Staatskassen buttern Geld in diese Institutionen rein, - deshalb, dass nicht alle Menschen auf Ihrem ziemlich primitiven und einfältigen Bildungsstand bleiben müssen. Es ist nicht alles Örgeli-Musig, SVP hin oder her. Waren Sie jemals im Theater? Was haben Sie gesehen? Christoph Blocher hat mir mal gesagt: Gutes bleibt nur wenigen vorbehalten. Offenbar Ihnen auch. stets höflich, Henry Wundergut


Werner F. Löhr

Es braucht wirklich keinen Wahrsager um solchen Grössenwahn im voraus zu interpretieren. Aber bekanntlich will ja das gemeine Volk von unsern sogenannten sechs Siebengescheiten tell quell belogen werden. Das gleiche Fiasko wird sich beim Letzigrundstadion einsplielen, sollten einst die überteuren Ballspieler keine Fans mehr finden !


Gerry Stadler

Das kommt davon, wenn die linke Schickeria in den Städten, allen voran in Zürich, am profanen Bürger vorbei Kulturinstitute in die Gegend plant, die nur der eigenen Profilierung und der Beschäftigung der Kulturschaffenden dient.


mars kunst

@ Gucker wenn Sie so rumpoltern und polemisieren, höre ich gar nicht was Sie sagen!


Banause .

Zitieren Sie doch bitte die Tagi-Artikel über die SVP, die genau das vorausgesagt hat.


Hans Gucker

Die Meldung, dass trotz Schiffbau die Besucherzahlen zurückgingen und -gehen, ist typisch für eine völlig verquere und unehrliche Zürcher Kulturpolitik. Rückblickend handelte es sich beim riesigen (und einen fast erschlagenden) Mediengebimmel also um reine Euphorie? Da ist ja die Grenze zur alten DDR und zum neuen China mit gekauften Claqueuren und sonstigen Inszenierungen nicht mehr sehr weit. Man fühlt sich, als wäre man falscher Wahrsagerei aufgesessen. Anderseits bleibt wohl unverständlich, weshalb die Banken, unser grossartiges Aushängeschild, ihre Gelder, zur eigenen Glorifizierung, nicht eher in die Kulturstätten investieren. Aufkommende Finanzlöcher in schaumschlagenden Kulturstätten sollten vorab durch schaumschlagende Wirtschaftsträger gestopft werden, damit sich der Kreis wieder schliesst.



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