Der Traum von der perfekten Stadt
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 04.08.2010 4 Kommentare
Das Buch
«Chandigarh 1956», Fotografien von Ernst Scheidegger,
Hrsg: Stanislaus von Moos, Mit Texten von Maristella Casciato, Verena Huber Nievergelt, Stanislaus von Moos und Ernst Scheidegger. Verlag Scheidegger & Spiess, 272 Seiten, 79 Franken.
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Eine Stadt von Grund auf planen zu können – ein Traum für einen visionären Architekten wie Le Corbusier. Damit er diesen Traum in den 1950er-Jahren verwirklichen konnte, bedurfte es allerdings eines tragischen Zwischenfalls. Der ursprünglich zum Chefarchitekten der neuen Stadt Chandigarh ernannte Matthew Nowicki kam bei einem Flugzeugunglück ums Leben, wonach sich auch der Projektleiter Albert Mayer zurückzog. Dadurch wurde der Platz frei für den Schweizer. Im Dezember 1950 unterzeichnete Le Corbusier ein Abkommen, wodurch er zum leitenden Architekten mit Kontrolle über den Masterplan wurde.
Indien erreichte 1947 die Unabhängigkeit, die neue Stadt sollte als Zeichen für den Aufbruch in die Moderne verstanden werden, ein Symbol für die noch junge Demokratie, in der jedermann würdevoll leben kann und alle Zugang zu Bildung haben. Architektonische Visionen und gesellschaftliche Anliegen sollten verschmolzen werden. Was damals fortschrittlich war, tönt aus heutiger Sicht eher befremdlich: Da werden Experten aus dem Westen importiert, die in totalitärer Manier den Leuten sagen wollen, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Zu jener Zeit jedoch überwog die Faszination für diese Idee. Auch beim Schweizer Fotografen Ernst Scheidegger, der mehrmals nach Chandigarh reiste, um den Bau der Stadt festzuhalten.
Corbusiers Sektoren
Die Bilder Scheideggers sind nun erstmals in einem Buch erschienen. Die Fotos fesseln vor allem wegen der Ambivalenz: Einerseits wird da mit blossen Händen auf primitivste Weise gebaut, dabei entstehen modernste Gebäude – mitten im Nichts. Wie Ruinen in einer Gespensterstadt erscheinen die Rohbauten. Bei einem späteren Besuch Scheideggers hat die Stadt zu leben begonnen. Im Vorwort zum Buch gibt sich der Fotograf enthusiastisch, insbesondere über die Bildungseinrichtungen: «Die Kindergärten und Schulen waren eine Entdeckung. Hier entstand im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Stadt. Mit was für einer Fantasie und mit was für einem Erfindungsreichtum wurde, speziell auf diesem für Indien so wichtigen Gebiet der Erziehungsarbeit, gebaut, und was für eindrucksvolle Modelle wurden zusätzlich entworfen!»
Die Stadt war ursprünglich für 150'000 Einwohner geplant, in einer zweiten Phase für 500'000. Heute leben mehr als 900'000 Personen in Chandigarh. Das Besondere an Le Corbusiers Planung war die Aufteilung der Stadt in Sektoren. Arbeit, Wohnen, Verwaltung etc. wurden klar voneinander getrennt, grosse Verkehrswege verbinden die Sektoren. Damit sollte das Chaos verhindert werden. Noch heute gilt Chandigarh als modellhaft für die Stadtplanung – auch wenn einiges nicht so herausgekommen ist, wie der Meister dies vorgesehen hat. Der Zustand der Gebäude ist heute miserabel, viele Gebiete sind verslumt, das Chaos macht sich genauso breit wie in vielen anderen Städten. Im Buch wird darauf nicht eingegangen. Dass bei dieser Vorzeigestadt nicht alles perfekt lief, ist aber auch an Ernst Scheidegger nicht vorbeigegangen. In seinem Vorwort schreibt er, er sei nie mehr in Chandigarh gewesen. «Schade eigentlich – oder hätte mich die weitere Entwicklung vielleicht zu sehr geärgert?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2010, 14:35 Uhr
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4 Kommentare
Leider vermisst man bei heutigen Stadtplanungen auf der grünen Wiese, wie sie in den Golf-Emiraten oder in China in Dutzenden im Bau sind, jene gestalterische Eigenständigkeit von Brasilia (von Oscar Niemeyer und Lucio Costa) oder Chandigarh (Le Corbusier). Die Visionen werden leider nur noch in Dollars gemessen und das architektonische Ideal ist das Disneyland oder Paris (siehe Tianducheng/China) Antworten
auch hier ein Experiment eines Sozialisten. Totale Geldverschwendung. Bauruinen und Unrat. Wann merkt das Volk endlich, dass die Linken zwar schoene Worte und Zeichnungen machen aber schliesslich und endlich eben voellig unrealistisch sind. Ganz besonders vor selbstherrlichen Architekten muessen wir uns in Acht nehmen. Kleinere, etwas weniger teure Beispiele: jeglich Sorte von "Expo". Antworten
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