Der Weg zu einer humanen Moderne

Die Natur war Alvar Aalto Vorbild, das menschliche Wohlbefinden sein Ziel: Das Vitra Design Museum würdigt den finnischen Architekten, dessen Werk aktueller ist denn je.

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Diese Linien sind in die Geschichte eingegangen. Feine Wellen verbinden sich mit grossen Kurven zu einer schwungvollen Form: Die Savoy-Vase ist eine Ikone der organischen Gestaltung, ein Symbol des finnischen Designs. Den Entwurf betitelte Alvar Aalto ursprünglich als «Lederhose einer Eskimofrau», doch viel eher sieht man darin eine Amöbe oder Seelandschaft. Das Glasgefäss verkörpert die naturbezogene Haltung, für die der finnische Architekt und Designer steht. «Second Nature» heisst denn auch die Ausstellung im Vitra Design Museum, die in vier Abschnitten chronologisch zurückblickt auf sein Werk.

Alvar Aalto gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Moderne. Der Architekturkritiker Sigfried Giedion nannte ihn den «Magus des Nordens». Oft wird er zusammen mit Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright zu den grossen vier gezählt, welche das Bauen im 20. Jahrhundert grundlegend veränderten.

Aalto kam 1898 zur Welt, kämpfte im finnischen Bürgerkrieg, studierte Architektur und eröffnete bereits mit 25 Jahren sein Atelier. Dass er mit seiner feinfühligen Architektur einmal eine ganze Generation prägen würde, sieht man seinen frühen Entwürfen nicht an. Noch 1927 gewinnt Aalto den Wettbewerb für eine Bibliothek in Viipuri mit einem neoklassizistischen Entwurf. Doch die Weltwirtschaftskrise verhindert die Realisierung – zum Glück, könnte man sagen. Aaltos zweiter Entwurf, der gebaut wurde, ist eines seiner frühen Schlüsselwerke, das in Weil am Rhein ausführlich zu sehen ist. Aussen zwei simple Kuben, schmiegen sich die Räume innen den Benutzern an: runde Oberlichter, geschwungene Handläufe, weiche Vorhänge. Im Auditorium zieht Aalto eine gewellte Holzdecke ein, um die Akustik zu verbessern. Schon hier ist klar: Die nüchternen Formen der Moderne greifen für Aalto zu kurz.

«Politische Diktatur»

Auch beim Sanatorium in Paimio zeigt sich dieser Fokus auf den Menschen. Das Gebäude greift weit aus in die Landschaft, um Licht in die Zimmer zu holen. Die Inneneinrichtung kann man in der Ausstellung im Original betrachten. Keine sterile Tristesse erdrückt hier die Patienten wie in vielen Spitälern. Vor der Entdeckung des Antibiotikums musste die Architektur den Körper gesunden, nicht nur aufbewahren.

Aalto steht für eine andere, eine humanere Moderne. Seine Bauten spreizen sich muschelförmig, kurven weich oder zacken aus wie eine Bergkette. Er entwerfe aus dem Unbewussten, sagte er einmal. Damit steht der Architekt im Kontrast zu orthodoxen Vertretern der Moderne, die mit kühlem Verstand eine Neue Sachlichkeit heraufbeschworen, Wände weiss entmaterialisierten und das Leben mit repetitiver Berechenbarkeit effizient gestalteten. Auch Aalto erkannte den Sinn der Standardisierung, um nach dem Zweiten Weltkrieg rasch Wohnraum zu schaffen. Doch er versuchte der Wiederholung die Härte zu nehmen, indem er sie modular plante. Die gleichgeschaltete Massenfertigung verglich er mit «politischer Diktatur».

Als Vorbild für diese flexible Standardisierung diente ihm die Natur, die regelbasiert eine blühende Vielfalt hervorbringt. Auch seine Möbel konstruierte Aalto aus einheitlichen und darum günstigen Elementen, die sich vielschichtig kombinieren lassen. Neben der Natur spielte die Kunst eine wichtige Rolle für Aalto. Er war mit László Moholy-Nagy befreundet, in der Schau sind Bilder von Jean Arp und Fernand Léger zu sehen, welche die Natur abstrahieren.

Heute beziehen sich manche Architekten wieder auf die Natur – dank des Computers, der scheinbar zufällige organische Formen errechnet. Doch was da im PC wächst, hat mit Aalto oft wenig zu tun. Zu weit entfernt sind die Algorithmen von der menschlichen Wahrnehmung, um die sich der Architekt so bemühte. «Es gibt nur zwei Dinge in der Architektur», hielt er fest. «Menschlichkeit oder keine.»

Villen, Kirchen, Fabriken

Viele der Möbel, die Aalto entwarf, gingen später in Serie und fanden reissenden Absatz, besonders seine Stühle und Sessel, die in der Ausstellung zu einer Pyramide aufgetürmt sind. Als Stahl während der Wirtschaftskrise Mangelware wurde, konzentrierte er sich auf Holz. 1932 entwarf er den Armlehn­sessel Paimio aus laminierter Buche und Sperrholz. Der Clou: Die gebogenen Holz­elemente lassen die Formen ineinanderfliessen. So auch die Beine von Hocker 60, ein schlichter und doch sinnlicher Klassiker.

Aalto plante Villen, Kirchen, Fabriken, Arbeiterhäuser. Über 500 Projekte soll er entworfen haben. Kurator Jochen Eisenbrand konzentriert sich auf wenige Werke und gibt ihnen viel Raum. Ein Höhepunkt sind die wandgrossen Fotografien von Armin Linke, der viele Gebäude neu aufgenommen hat. Stille Bilder, die von der präzisen Komposition aus Licht und Material erzählen. Daneben setzt die Ausstellung auf Modelle und Originalskizzen. Die Erklärungen bleiben leserlich kurz. Wer mehr wissen will, leiht sich ein Tablet aus, greift zu den Zetteln zum Abreissen oder kauft den Katalog, in dem kluge Essays das Werk des Architekten diskutieren. Über die Person Aalto und seine erste Frau Aino, mit der er zusammenarbeitete, erfährt man allerdings auch dort wenig.

Ein Hochhaus in Luzern

Die meisten seiner Gebäude hat Aalto in Finnland realisiert. Doch in den 50er- und 60er-Jahren – seiner Hochphase, die im letzten Raum zu sehen ist – war er zunehmend international tätig. Er baute in den USA, Frankreich, Italien, vor allem aber in Deutschland, in Wolfsburg, Berlin und Essen. Auch in der Schweiz war Aalto tätig. 1968 hat er in Luzern das Wohnhochhaus Schönbühl errichtet: ein Bau mit fächerförmigem Grundriss.

Trotz der Internationalität: Aalto glaube fest an die lokale Gemeinschaft. In Finnland stärkte er die Stadtzentren in abgelegenen Gebieten – ein Thema, das heute in Europa manche Randregionen beschäftigt. In Seinäjoki baute er ab 1958 ein eindrückliches Ensemble mit Kirche, Rathaus und Theater. Die Realisierung dauerte fast dreissig Jahre. Nach Aaltos Tod 1976 leitete seine zweite Frau Elissa das Projekt, das elf Jahre später fertiggestellt wurde.

Mit seinen Entwürfen suchte Aalto nach einer eigenen architektonischen Sprache für den jungen Staat Finnland. Wichtig für diese nationalromantische Sicht war Material, das den Bau mit einem Ort verwurzelt. Aalto experimentierte mit Backstein, Keramik und Holz. Gerade heute entdecken junge finnische Architekten das Material wieder, wie eine Ausstellung im deutschen Architekturmuseum in Frankfurt derzeit zeigt.

Aalto bewies: Lokale Tradition und internationaler Stil sind kein Widerspruch. Letzterer ist heute zum globalen Einheitsbrei mutiert, formal entleert und kapitalistisch ausgeweidet. Die Balance zu finden zwischen regionalen Werten und weltweiten Strömungen, ist wichtiger denn je. Nicht nur weil das Klima ob der Warenflüsse überhitzt, sondern auch weil die Architektur unterkühlt ohne Ortsbezug. Weder Natur noch Mensch ist damit gedient.

Bis 1.3.2015
www.design-museum.de
Der Katalog erschien bei Vitra Design Museum, 2014, 688 S., ca. 70 Euro.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.10.2014, 11:55 Uhr)

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