Der plattgewalzte Elfenbeinturm
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 18.02.2010
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Patrick Aebischer, seit zehn Jahren Präsident der ETH Lausanne, hat ein grosses Ziel. Die auf die grüne Wiese gebaute jüngere Schwester der ETH Zürich soll nach amerikanischem Muster ein Campus werden, auf dem nicht nur studiert und geforscht, sondern auch gelebt wird. Am nächsten Montag beginnt «das Herz dieses Campus» zu schlagen, wie der ehemalige Arzt und Neurowissenschafter Aebischer das Rolex Learning Center nennt. Der Zusatz Rolex rührt daher, dass der Bund nur gut die Hälfte des 110 Millionen Franken teuren Gebäudes bezahlt; 50 Millionen steuern Schweizer Unternehmen bei, angeführt von der Genfer Luxusuhrenfirma.
Die ETH Lausanne hatte 2004 Herzog & de Meuron, Jean Nouvel, Zaha Hadid und acht weitere Stararchitekten eingeladen, auf einem 88 000 Quadratmeter grossen Grundstück ein Lern- und Begegnungszentrum zu entwerfen. Das Gebäude sollte im Sinne der BolognaHochschulreform den Austausch unter Studierenden aus aller Welt fördern. Zudem sollte das an der ETH gesammelte Wissen aus den geschützten Zonen befreit und in einen offenen Raum übergeführt werden, den Studierende, Forscherinnen, Dozenten und die Allgemeinheit von 7 Uhr morgens bis Mitternacht benutzen dürfen.
Knacknuss für die Ingenieure
Mittelpunkt des Lernzentrums bildet eine Bibliothek, die mehr als eine halbe Million Bände umfasst und mit modernsten Mitteln den Zugriff auf das im Internet verfügbare Fachwissen erleichtert. Den Architekturwettbewerb gewann die japanische Architektin Kazuyo Sejima mit ihrem Partner Ryue Nishizawa vom Büro Sanaa. Die beiden sind in jüngster Zeit durch Projekte wie das New Museum of Contemporary Art in New York oder die Dépendance des Louvre im nordfranzösischen Lens über Japan hinaus berühmt geworden.
Das Learning Center in Lausanne macht den Anschein, als hätten Sejima und Nishizawa den sprichwörtlichen Elfenbeinturm platt gewalzt, daraus ein riesiges Rechteck geformt und dieses in sanften Wellen zu einer Landschaft mit Hügeln, Tälern und Plateaus aufgeworfen. Das Architektenduo liess sich durch die hügelige Landschaft der Schweiz sowie durch die vielen Rampen und Innenhöfe der Stadt Lausanne inspirieren. So ist der Bau durch 14 grosse und kleine «Patios» aufgelockert, die – wie auch die verglasten Aussenfronten – das Tageslicht durch die Räume fluten lassen. Unter den wenigen Mauern im Hauptgeschoss reicht keine bis zur Decke – in Anspielung auf Aebischers Motto: Reisst die Wände zwischen den Fachgebieten ein! Die Benutzer bewegen sich auf Schrägflächen statt auf Treppen oder in vertikalen Liften von den «Tälern» auf die «Hügel».
Im Gegensatz zu herkömmlichen Einraumgebäuden würden sich im Learning Center neue Beziehungen ergeben, ist die 53-jährige Sejima überzeugt. «Wenn man auf einem der Hügel steht, sieht man den nächsten vielleicht nicht, hört aber gedämpfte Stimmen. Oder man sieht einen anderen Ort nicht, aber der eigene Körper spürt die Verbindung zu ihm.» Bei früheren Projekten hätten sie sich stark mit der vertikalen und der horizontalen Dimension auseinandergesetzt, sagte der 43-jährige Nishizawa bei einem Rundgang durch das Lernzentrum. «Hier war unsere grösste Herausforderung, wie man diese dreidimensionale Form entwirft.» Lächelnd meinte Kazuyo Sejima, die Jury habe seinerzeit «nicht den einfachsten Vorschlag ausgewählt». Tatsächlich runzelten gestandene Bauingenieure die Stirn, ob die weit gespannten flachen Bögen der gewellten Betonplatte, auf denen das Gebäude ruht, «konstruierbar» seien. Aebischer spornte dies jedoch zusätzlich an, zumal er eine Hochschule mit renommierten Abteilungen für Architektur und Bauingenieurwesen leitet. Um die Bögen aus Spezialbeton zu giessen, mussten 1440 Bretter unterschiedlicher Grösse mit Laser zugeschnitten und mittels GPS-Technologie positioniert werden. Die Mühe hat sich gelohnt. Für Projektleiter Francis-Luc Perret jedenfalls ist das Learning Center «eine virtuelle Garderobe, an der man den Stress abgibt». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.02.2010, 08:58 Uhr
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