Kultur

Der vergessene Traum vom Wohnen in der Agglo

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 12.11.2010 36 Kommentare

Die Aussage von Edita Abdieski über Bümpliz macht den Stadtrand zum Thema. Die Architektin Gabriela Barman sagt, was an den Vorurteilen über Betonblock-Siedlungen wahr ist – und warum sie einst so zahlreich gebaut wurden.

1/14 Vollmond in Bern-Bümpliz; über das Quartier scheiden sich die Geister. Ist es eine Trendgegend oder doch ein Ghetto?
Bild: Peter Schütz

   

Gabriela Barman ist Architektin und Co-Autorin der Publikation «Handbuch zum Stadtrand. Gestaltungsstrategien für den suburbanen Raum».

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Sind Vororte mit riesigen Betonbauten wie Bümpliz, Schlieren, die Liebrüti in Kaiseraugst oder Le Lignon tatsächlich «Scheissgegenden»?
In der Fachsprache nennt man diese Gegenden «suburbane Räume» oder «Stadtrandgebiete». Sie sind nicht so schlimm, wie man immer glaubt. Der schlechte Ruf kommt mehr von der Bevölkerungsstruktur als von der Architektur. Dass diese Quartiere kein schöner Anblick sind, hängt nicht nur mit den grossen Wohnbauten zusammen, sondern auch mit dem Teppich an Einfamilienhäuschen, der sich in der Regel gleich daneben ausbreitet, oft steht mittendrin auch noch ein altes Bauernhaus. Das sind Relikte inmitten einer ungeplanten Wachstumsstruktur.

Was war der Grundgedanke der damaligen Stadtplaner?
Auslöser für diese Entwicklung waren das Bevölkerungswachstum und die bessere Verkehrsanbindung. Die Städte wuchsen über die Zentren hinaus, ehemalige Dörfer wurden von den Städten eingeholt. In der Boomphase ab den 1950er- bis in die 1970er-Jahre plante man nach dem Prinzip der «gegliederten und aufgelockerten Stadt».

Und dann stellte man die riesigen Betonblöcke hin, die heute als Schandflecke verschrien sind.
Man wollte möglichst rasch möglichst viel Wohnraum schaffen. Die Idee war: Wenn man nach oben verdichtet, hat man rundherum mehr Grünflächen und mehr Freiräume zur Verfügung. Davon versprach man sich Lebensqualität.

Tönt gut. Weshalb gefällt das den meisten Menschen aber doch nicht?
Das Problem war, dass man sich nicht genügend Gedanken über die Nutzung dieser Freiräume machte. Grünräume, die weder Parks noch richtige Natur sind, sondern einfach Zwischenräume, bieten nicht jene Aufenthaltsqualität, die man sich versprochen hat. Das ungeplante, strukturlose Wachstum hatte zur Folge, dass diesen Gegenden oft die Identität fehlt, was der Hauptgrund für das Unbehagen jenen Gegenden gegenüber ist.

Heute werden solche «Schandflecken» zum Teil gar unter Denkmalschutz gestellt, zum Beispiel Le Lignon bei Genf. Für viele Leute unverständlich.
Es handelt sich bei Le Lignon um eine bauliche Grossstruktur, die heute gar nicht mehr umsetzbar wäre, da der Platz fehlt. Die bauliche Dichte jener Häuser ist sehr spezifisch für diese Zeit. Der Denkmalschutz will Zeitzeugen erhalten. Zudem sind nicht alle Grossüberbauungen aus jener Zeit schlecht. Es gibt auch gute Beispiele. Viele von ihnen besitzen bauliches und funktionales Verdichtungspotenzial, es muss aber kreativ geplant werden.

Welche?
Bleiben wir bei Le Lignon. Hier waren die Bemühungen, ein Gemeinschaftsleben herzustellen, den sozialen Zusammenhalt zu garantieren, vorbildlich: Mit Gemeinschaftsräumen, Kindergärten etc. Ganz anders die monofunktionalen Wohnsiedlungen, wie sie zum Beispiel vom Grossunternehmer Ernst Göhner in der ganzen Schweiz erbaut wurden. Ein Buch über seine Projekte trägt sinnigerweise den Titel «Göhnerswil. Wohnungsbau im Kapitalismus». Er hat in kurzer Zeit halbe Dörfer aus reinen Wohnbauten erstellt. Aber wenn es keinen Nutzungsmix gibt, dann lebt ein Ort weniger, dann sinkt die Lebensqualität.

Wird man bei heute entstandenen Siedlungen in 30 Jahren auch von «Schandflecken» und «Scheissgegenden» sprechen?
Diese Begriffe sind wirklich unschön, aber bleiben wir bei der Sache: Ich glaube, heute wird besser geplant, vor allem auch, weil die öffentliche Hand mehr Einfluss nimmt und die Gesetzgebungen angepasst wurden und werden. Man berücksichtigt mehr die sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen beim Siedlungsbau. Es handelt sich nicht um reine Architekturprojekte, auch die Erschliessung durch die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer, die demografische Entwicklung, die kulturhistorischen Merkmale und noch vieles mehr werden berücksichtigt. Das ist alles sehr komplex, führt aber zu nachhaltigeren Resultaten, davon bin ich überzeugt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.11.2010, 18:04 Uhr

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36 Kommentare

Hugo Stiglitz

12.11.2010, 18:59 Uhr
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Würde man mehr dieser Siedlungen bauen (vielleicht in einem gefälligeren Stil) könnte man die Losangelisierung unseres Landes verhindern. Beton ist Beton, ob als EFH oder als Trabantenstadt. Bei Trabantenstädten würde aber die Landschaft weniger leiden. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn man nur noch 4-Stöcker erlauben würde. In 20 Jahren ist die ganze Schweiz eine "Scheissgegend", leider. Antworten


Hans Estermann

12.11.2010, 18:50 Uhr
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Heute besser geplant- ist lachen gestattet ? Sicher gibt es auch wenige positive-die muss man aber wirklich suchen.Am extremsten von Phantasielosigkeit sind Einf.reihenhäuser betroffen. Bei uns nennt man dies nur "Chüngeliställ".Aber die Käufer mit dem letzten Cent müssen das akzeptieren,wenn sie unbedingt dem Trend folgen wollen-anstatt zufriedener Mieter zu sein. Antworten




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