Die Werte der Schweiz in Beton gegossen
Von Henrik Bork. Aktualisiert am 30.04.2010
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Mitten auf dem Gelände der Weltausstellung in Shanghai steht eine Parkgarage aus Beton. Nein, es ist gar keine Parkgarage. Es ist der Schweizer Pavillon. Und der sieht so aus wie eine Parkgarage.
«Also mir gefällt er», sagt Manuel Salchli, der Pavillon-Direktor und VizeKommissär des Schweizer Expo-Auftritts. Betretenes Schweigen in der Runde. Salchli und seine Begleiter stehen vor einem grauen Monstrum aus Beton. An seiner Aussenseite schlängelt sich eine Rampe nach oben. Auch sie ist aus Beton. Das Ganze sieht ähnlich aus wie die zentrale Parkgarage in Saas-Fee, durch deren Hässlichkeit erst einmal alle Besucher des Bergdorfes hindurchmüssen, bevor sie mit der Sesselbahn in die Natur schweben dürfen.
Zwischen all den futuristischen Architektenentwürfen auf dem diesjährigen Expo-Gelände – etwa der spanischen Fantasie-Fassade aus Fächern rechts neben den Schweizern und dem verschachtelten Ufo der Deutschen links daneben – wirkt der eidgenössische Pavillon wie ein Fremdkörper. Die Besucher müssen schon die kluge Idee kennen, die dahintersteckt, um das Werk geniessen zu können. «Interaktion zwischen Stadt und Land» hatten die chinesischen Expo-Macher als Unterthema angeboten, und das Architekturbüro Buchner und Bründler aus Basel hat es vertikal umgesetzt.
Aus der Stadt in die Natur
«Unten der Beton, der soll bewusst das graue, brutale Städtische darstellen», sagt Salchli. «Ich glaube, diesen Stil nennt man Brutalismus», ergänzt Clelia Kanai, die Pressesprecherin des Pavillons. Aus dem Betongehäuse schwebt dann eine Seilbahn mit Sechsersesseln auf das mit Gras bepflanzte Dach, also aus der Stadt in die Natur. Die Ähnlichkeit zum Parkhaus von Saas-Fee ist verblüffend. Es mag auch eine gewisse Rolle gespielt haben, dass die Zementfirma Holcim einer der Hauptsponsoren des Pavillons ist.
An diesem sonnigen Apriltag weniger als eine Woche vor der Eröffnung der Expo am 1. Mai sollten eigentlich schon die ersten chinesischen Besucher kommen. Doch der Vulkanausbruch in Island hatte nicht nur Manuel Salchli, sondern das halbe Schweizer Expo-Team eine Woche lang in Europa festgehalten. Auch wird noch kräftig an der Seilbahn geschraubt und gesägt, und so wurde der Probelauf abgesagt. Bislang kann man sich nur vorstellen, wie die Schweizer Seilbahn in Shanghai bei den Chinesen ankommen wird – bestimmt sehr gut. «Hao wan!», werden sie rufen, «das ist lustig.» Chinesen lieben Action.
Sessellift für einige wenige
Mit der Attraktion Sesselbahn hatten bei früheren Weltausstellungen oft die Deutschen gepunktet. Es ist anzunehmen, dass sich Hunderte Meter lange Schlangen vor dem Eingang zur Schweizer Betonrampe bilden werden. Allerdings werden «nur» rund 20 000 Besucher am Tag in den Genuss der vierminütigen Schwebefahrt kommen. Das sind rund zweieinhalb Millionen Besucher während der gesamten, sechs Monate dauernden Expo-Zeit; eine bescheidene Zahl im Vergleich zu den erwarteten 70 bis 100 Millionen ExpoBesuchern vorwiegend aus der chinesischen Provinz.
Die anderen, die nicht mitgondeln dürfen, müssen nicht verzagen. Sie können immerhin unten zwischen den Betonzylindern herumwandern, Alphornbläser bewundern oder eine SwatchUhr im Shop des Pavillons erstehen. Schon jetzt blitzen die Chinesen mit ihren Fotokameras begeistert die roten Teller mit Solarzellen an, mit denen die Betonfassade behängt ist. Je mehr Sonnenlicht und Blitzlicht sie bekommen, desto wilder blitzen die Solardinger zurück, womit die Schweiz ihre Modernität und ihr fortgeschrittenes Umweltbewusstsein zu dokumentieren hofft.
Innovationen durchs Fernglas
Die glücklichen Seilbahnfahrer aber werden zunächst die Rampe emporwandern, auf der sie über zehn Fernrohre auf 3-D-Bilder der Schweizer Bergwelt blicken, und durch weitere vierzig Ferngläser auf innovative, ökologisch fortschrittliche Schweizer Projekte. Da werden sie etwa erfahren, dass 96 Prozent alles weggeworfenen Glases in der Schweiz rezykliert werden oder dass Schweizer Bauern Pioniere des ökologischen Ackerbaus waren.
Im Innern der Betonstruktur erscheinen plötzlich zwölf prominente Schweizer in Originalgrösse auf riesigen Bildschirmen. Verblüffend echt steht da Aussenministerin Micheline CalmyRey, die von der ethnischen Vielfalt in der Schweiz und der Achtung der Menschenrechte erzählt.
Von der Initiative gegen Minarette sagt sie nichts, aber das wäre sicherlich auch eine Überforderung der Chinesen. Die müssen schon weiter zur lebensgrossen Figur des Renzo Blumenthal, der erläutert, wie er einst den Wettbewerb des bestaussehenden Bauern im Kanton Graubünden gewann und wie ihn das verändert hat. Professor Hans-Rudolf Schalcher von der ETH Zürich lobt die «ertragreiche» Kooperation seiner Universität mit der Holcim-Stiftung, und ein Banker schafft es, über Tradition zu reden, ohne auch nur einmal das Wort «Bankgeheimnis» in den Mund zu nehmen.
Zu wenig Geld für Blumenwiese
Hinter all dem dröhnt die imposante Schweizer Bergwelt in einem ImaxFilm. Selbstverständlich wird hier auch für den Schweizer Tourismus geworben, schliesslich hat der Bund 15 Millionen des Gesamtbudgets von 24 Millionen Schweizer Franken bereitgestellt. 5,5 Millionen kommen von den Sponsoren, deren Gäste daher aus einer mit Designermöbeln bestückten VIP-Lounge von oben auf die Imax-Bergwelt und die normalsterblichen Pavillonbesucher herabblicken dürfen. Der Rest des Budgets soll durch die Vermietung der Lounge an andere Schweizer Firmen, das Restaurant und die Läden erwirtschaftet werden.
Die Hauptattraktion des Pavillons wird dennoch der Sessellift sein, auch wenn das Geld nicht ganz für die ursprünglich auf dem Dach geplante Alpwiese gereicht hat. Nur eine kleine Fläche, etwa so gross wie zwei Bettlaken, ist nun mit Blumen verziert. Der Rest ist schlichter grüner Rasen. Doch was an Naturerlebnis fehlt, macht das Panorama wieder wett. Vom Dach des Schweizer Pavillons blicken die Sesselbahnfahrer auf den Huangpu-Fluss mit seinen Lastkähnen, auf die Hochhäuser der Shanghaier Stadtteile Puxi und Pudong und auf die spektakuläre LupuBrücke. Es ist atemberaubend schön.
Trotzdem wehren sich die Ausstellungsmacher vehement gegen die Idee, der «Spassfaktor» dominiere das Konzept des Schweizer Pavillons in Shanghai. Man will sich betont auch als innovative, Bildung und andere Werte schätzende Nation präsentieren, dies eben durch die Fernrohre auf der Rampe. «Ich hoffe, dass irgendein chinesischer Bürgermeister eine unserer ökologischen Ideen mit nach Hause nimmt», sagt Clelia Kanai. Dann hätte sich das Vergiessen von 600 Kubikmetern Beton in Shanghai gelohnt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.04.2010, 10:01 Uhr
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