Die schlimmstmögliche Wendung
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 16.10.2010 1 Kommentar
Und aus dem Geschenk wurde ein Befehl. Es war im vergangenen Juni, als die Vertreter der anonymen Geldgeber die Luzerner unter Druck setzten: Das Konzept für die Salle modulable müsse jetzt auf den Tisch, sonst ziehe man sich vom Projekt zurück. Vier Monate später ist die Drohung wahr geworden: Der amerikanische Trust, der das 120 Millionen Franken schwere «Geschenk» verwaltet, teilte diese Woche seinen Rückzug mit. Es gebe zu «viele Ungewissheiten hinsichtlich Standort, Bau- und Betriebskosten». Damit ist der Bau eines neuen Konzert- und Theatersaals in Luzern trotz aller Durchhalteparolen in weite Ferne gerückt.
Viele Details des Debakels blieben bis gestern im Dunkeln. So bestätigten in der «Neuen Luzerner Zeitung» beide Seiten die Aussprache im Juni. Doch widersprachen sie sich darin, bis wann das Konzept hätte vorliegen müssen – diese Woche oder erst Ende Jahr?
Das Terrain war bereitet
So oder so ist der Zeitpunkt für den Übungsabbruch grotesk. Denn es stimmt zwar, dass das Projekt nach seiner Ankündigung im Herbst 2007 kaum vom Fleck gekommen ist. Aber gerade in den letzten Wochen gab es klare Fortschritte: Erstens liegt das geforderte Betriebskonzept als Entwurf vor. Und zweitens haben Stadt und Kanton Anfang Oktober das politische Terrain dafür vorbereitet, sich am Bau der Salle modulable – entgegen langjährigen Beteuerungen – eben doch finanziell zu beteiligen. Ganz einfach, indem man das Luzerner Theater ausrechnen liess, wie viel sein Erhalt kosten würde. Das Resultat: Eine Sanierung lohne sich kaum, ein Neubau koste 80 Millionen Franken. Geld, das besser in die Salle modulable umgeleitet wird, wie alsbald auch sparsame Parlamentarier einsahen.
Der Trick könnte sich nun gegen die Behörden wenden: Scheitert die Salle modulable, müssen Stadt und Kanton trotzdem mit dem Druck für den Neubau eines Theaters leben, den sie selber aufgebaut haben – im Wunsch, 15 Jahre nach dem KKL einen weiteren kulturellen Leuchtturm aufzumauern, ein europaweit ausstrahlendes Haus für zeitgenössisches Musiktheater.
Verhaltene Begeisterung
Tatsächlich hat sich Luzern in diesem Projekt früh selber unter Druck gesetzt. Nämlich schon am ersten Tag, als das Lucerne Festival das Geschenk publik machte, in hinterhereilender Begeisterung freudig begrüsst von den Behörden. Zu Recht angetan von der prima funktionierenden Public Private Partnership, mit der man mit Privaten das KKL realisiert hatte, liess man sich sehr rasch auf das Geschenk ein. Nicht ahnend oder nicht ahnen wollend, dass private Spender auch ihre unberechenbaren Launen haben, was den Geldfluss betrifft.
Die Kulturpolitik packte hier also kein eigenes, in einer öffentlichen Debatte erwirktes Projekt an. Sie machte sich den Wunsch von Dritten zu eigen, die notabene für die Öffentlichkeit lange anonym blieben (so lange, bis die «SonntagsZeitung» vor einem Jahr aufdeckte, dass es sich um einen Kreis um den deutschen bei Luzern wohnenden Milliardär Christof Engelhorn handelte, der vor zwei Monaten verstorben ist). Die Luzernerinnen und Luzerner blieben gegenüber der Salle modulable denn auch eher reserviert – namentlich in der Kulturszene, wo man, während die 120 Millionen über die Stadt kamen, gerade mit einer Fünfliberaktion dafür sorgte, dass der Theaterpavillon gebaut werden konnte, eine wichtige Bühne für die freie Szene und das Jugend- und Amateurtheater. Und mit den 6 Millionen Franken aus dem Engelhorn-Trust, die in die Planung der Salle modulable geflossen sind, hätte man, wie jetzt ausgerechnet wird, im unterfinanzierten Kulturzentrum Südpol die Subvention auf zehn Jahre hinaus verdoppeln können.
Der Mut fällt auf die Politik zurück
Stadt und Kanton Luzern sind in allen Gremien vertreten, welche die Salle modulable planen. Aber so wegweisend das Projekt für das kulturelle Zentrum der Zentralschweiz ist oder war, so standen die Behörden doch hörbar im Ruch, die kulturellen Vorlieben eines reichen Mitbürgers zu befördern. Eines wohltätig und kulturell engagierten Mannes sehr wohl. Eines Mannes aber auch, der 1997 seine 3 Milliarden Franken schweren Anteile der engelhornschen Pharma-Unternehmung verkauft hat – via Bermudas und am deutschen Fiskus vorbei.
Mit Teilen aus diesem Vermögen sollte in Luzern nun die Salle modulable verwirklicht werden, eine Vision des französischen Komponisten Pierre Boulez. Und dafür waren die Behörden in Luzern bereit, sehr weit zu gehen. So wurde kürzlich ein neues Kulturleitbild in Aussicht gestellt, das die städtische Kulturpolitik unter den neuen Vorzeichen der Salle modulable formulieren sollte. Und mehr noch, die Stadtregierung stellte vor gut einem Jahr das Luzerner Theater zur Disposition. Die 170-jährige Institution sollte aufgelöst, das Musiktheater in die Salle modulable integriert und der Tanz und das Schauspiel an die freie professionelle Szene ausgelagert werden. Nicht nur die Theaterszene sah sich an Claire Zachanassian erinnert, die bei Dürrenmatt einem Dorf ein Vermögen offeriert, unter der Bedingung, Mitbürger Ill werde getötet, der Vater ihres unehelichen Kindes.
Zurück nach Amerika
Der Mut, für ein vielversprechendes Projekt an kulturpolitischen Tabus zu rütteln, fällt jetzt, da sich das Versprechen in Luft auflöst, auf die Politik zurück. Sie hat die richtigen Fragen aufgeworfen, aber womöglich aus dem falschen Anlass, nämlich im Dienst eines einzelnen Projekts und eines privaten Spenders. Jetzt ist die alte Dame abgereist, weil die Güllener in Luzern einfach zu langsam waren, zu demokratisch vielleicht. Und die, die zurückbleiben, stehen entblösst da.
Umso mehr, als sich die Salle modulable kaum mehr realisieren lässt. Möglich, dass sich die 120 Millionen, wie man hofft, notfalls auf juristischem Weg erstreiten lassen. Doch das wäre in der Tat eine Geschichte, die ganz im dürrenmattschen Sinn auf ihre schlimmstmögliche Wendung hin erzählt ist: Das Geld ist da, das Projekt steht, das Geld geht zurück in den Trust nach Amerika. Ganz einfach darum, weil man sich nicht vorstellen kann, dass die Luzerner ihm je zustimmen. Diesem Geschenk, aus dem ein Befehl wurde, dann ein Aprilscherz und schliesslich ein Gerichtsfall. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2010, 23:00 Uhr
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