Herzog & de Meurons Albtraum
Von David Nauer, Hamburg. Aktualisiert am 28.05.2010 3 Kommentare
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Durch Hamburg ziehen sich unsichtbare Linien, wie Fronten in einem Krieg. Gekämpft wird mit Bauplänen, Gutachten und Gegengutachten. Das Fussvolk giesst Beton und schweisst Stahlträger zusammen, während die Generäle Briefe schreiben, Anwälte engagieren und in Hinterzimmern lobbyieren.
Es geht eigentlich um etwas Schönes, Hohes, um die Elbphilharmonie. Dereinst soll der Kulturtempel ein Wahrzeichen sein, ein architektonisches Weltwunder der Neuzeit – wie die Oper in Sydney oder das Guggenheim Museum in New York. Doch noch ist der Bau am Hafen ein staubiger Ort, in den grossen Konzertsaal regnet es hinein, das Dach fehlt. Ein paar Arbeiter montieren irgendetwas, irgendwo bläst ein Sandstrahler. Die Jahrhundertbaustelle wirkt an diesem Nachmittag im Mai fast banal.
Der grösste Bauskandal
Dabei hat sich die Elbphilharmonie längst zum «grössten Bauskandal» der Bundesrepublik entwickelt, wie die «Süddeutsche Zeitung» jüngst feststellte. Die Kosten sind explodiert – von einst geschätzten 77 Millionen auf 323 Millionen Euro, und das ist allein der Anteil, den die Stadt Hamburg tragen muss. Dazu kommt noch Geld privater Spender und Investoren. Auch der Zeitplan läuft völlig aus dem Ruder. Eigentlich sollten an der noblen Adresse am Hamburger Hafen bereits Weltklasse-Orchester auftreten. Doch die Eröffnung wurde immer wieder verschoben. Inzwischen hofft man, dass das Bauwerk wenigstens in drei Jahren fertig ist.
Was ist geschehen, was lief schief? Wer das fragt, findet sich mitten im Getümmel wieder. Die Akteure: Herzog & de Meuron, das Basler Architekturbüro, das das Wunderwerk entworfen hat; Hochtief, der Grosskonzern, der mit dem Bau betraut wurde – und die Stadt Hamburg. Die Parteien schieben sich gegenseitig die Schuld zu an dem Schlamassel.
«x-fache Versionsänderungen»
Hochtief behauptet, die Architekten hätten nicht alle Pläne rechtzeitig abgeliefert. Ohne Pläne könne man nicht bauen, das koste Zeit und Geld. Es habe zum Teil «x-fache Versionsänderungen» gegeben, klagt Konzernsprecher Bernd Pütter. Zudem seien die Kosten durch Entscheidungen der Architekten in die Höhe getrieben worden. Als Beispiel nennt Pütter die sogenannte Weisse Haut, die Innenverschalung des grossen Konzertsaales. Ursprünglich mit 3 bis 4 Millionen Euro budgetiert, koste sie inzwischen 15 Millionen, weil Herzog & de Meuron aus Gipsfaserplatten aufwendige Reliefs fräsen liessen.
Die Architekten schütteln da nur den Kopf. «Wir haben unseren Anteil an den Planungsarbeiten schon im vergangenen Herbst vollständig und fristgerecht erledigt», sagt Pierre de Meuron. Auch die Vorwürfe bezüglich der Innenverschalung lässt das Büro nicht gelten. Die Weisse Haut sei kaum teurer geworden, als im Herbst 2008 vereinbart.
Feinde lauern überall
Unterstützung erhalten die Schweizer von der Stadtverwaltung. Herzog & de Meuron hätten die Pläne rechtzeitig geliefert, bestätigt Karl Olaf Petters von der Behörde für Kultur Sport und Medien. Anders als offenbar Hochtief. Inzwischen hat die Stadt gar Klage gegen den Konzern eingereicht, weil er immer noch keinen endgültigen Terminplan vorgelegt hat. Auch bei vielen Politikern gilt der Baukonzern als Bösewicht. Hochtief habe seinerzeit ein Dumpingangebot gemacht, im Wissen, dass die geforderte Summe nie ausreichen würde, so die Unterstellung. «Die haben darauf gebaut, dass sie anschliessend mithilfe ihrer Rechtsabteilung die Stadt ausplündern könnten», sagt Jens Kerstan, Fraktionschef der Grünen. Ein Vorwurf, den Hochtief natürlich zurückweist. Der geldgierige, skrupellose Baukonzern da, die chaotischen Architekten, die sich einen Deut um die Kosten scheren, dort. Hamburg ist voller Feindbilder, voller Vorurteile und Klischees.
Im 26. Stock der Elbphilharmonie, ganz oben, verschwindet das hässliche Gezanke für einen Moment. Es eröffnet sich ein atemberaubender Ausblick auf den Hafen, auf die Lastkräne und Werften. Im Norden liegt die Altstadt mit ihren schicken Läden, ihren Gassen und Kirchen. Soeben fährt ein Containerschiff vorbei. Der Handel mit aller Welt, das ist es, was Hamburg reich gemacht hat, mächtig und modern.
Wie gekräuselter Schlagrahm
Diese Eigenschaften sollen sich in der Elbphilharmonie wieder finden. Sie ist – so haben es die Hamburger gewollt – einmalig in ihren Ausmassen, in ihren Ansprüchen. Das Fundament des Bauwerks bildet der alte Kaispeicher, einst Lagerhaus für Kakaobohnen. Darauf gepflanzt ist ein eleganter Glaskubus, der die Launen des Wetters widerspiegelt. Wie gekräuselter Schlagrahm soll schliesslich das Dach in den Himmel ragen.
«Einen architektonischen Prototyp» nennen sie das Projekt. Alt und Neu sind hier vereint, die Geschichte Hamburgs mit dem Zukunftsglauben der Stadt. Wenn das kein Touristenmagnet wird! Doch was viele begeistert, ist für Planer und Bauarbeiter ein Albtraum. Nicht nur müssen ein Hotel, Luxuswohnungen, ein Parkhaus und drei Konzertsäle aneinander vorbei untergebracht werden. Das grösste Problem ist die anspruchsvolle Akustik, entwickelt vom japanischen Star-Akustiker Yasuhisa Toyota. Da draussen im Hafen die Motoren der Ozeandampfer dröhnen und immer mal wieder ein Schiffshorn tutet, braucht es eine totale Lärmisolation. Diese soll erreicht werden, indem der Grosse Konzertsaal gleichsam «aufgehängt» wird. Er ruht auf Federpaketen, die jeden Schall schlucken sollen.
«Von allen etwas unterschätzt»
Um diese Hochtechnologie hat sich zuletzt ein neuer Konflikt entfacht. Einzelne der Federpakete seien von Hochtief schief eingebaut worden, heisst es in einem Bericht, den Herzog & de Meuron erstellte. Es handle sich nur um Abweichungen im Millimeterbereich, rechtfertigt sich der Konzern. Und die Mängel könnten behoben werden. Mit anderen Worten: schon wieder ein Streit für Experten.
Karl Olaf Petters von der Hamburger Kulturbehörde gesteht ein, der Bau sei wohl «von uns allen etwas unterschätzt» worden. Immerhin ist jetzt Richtfest für den Kulturtempel. Ein Haufen Prominenz hat sich für heute Freitag und morgen Samstag angemeldet. Es gibt Konzerte unter freiem Himmel. Viele Tausend Menschen werden kommen, um die Jahrhundertbaustelle zu besichtigen, zu bewundern. Die Vorfreude auf die Elbphilharmonie sei zweifellos noch da, sagt Petters. «Sie ist allerdings», fügt er an, «bei einigen etwas getrübt.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.05.2010, 08:19 Uhr
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3 Kommentare
Dieses Unternehmen missfaellt mir immer mehr. Beim Wettbewerb innerhalb des Budget offerieren und bei Erhalt des Auftrags kraeftig zu verdoppeln oder mehr. Fuer mich ist das Betrug! Dieses Unternehmen glaenzt ja nicht nur einmal damit..in Basel ja das selbe mit der MUBA soweit ich mich erinnern mag. Antworten
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