Hoch hinaus mit Holz

Wolkenkratzer müssen nicht zwangsläufig aus Stahl und Beton sein. Neue Verfahren, Normen und der Ruf nach Nachhaltigkeit machen Holz in der Stadt wieder salonfähig.

Bauarbeiten am 18-stöckigen Holzgebäude auf dem Gelände der University of British Colombia in Vancouver. Foto: UBC Public Affairs

Bauarbeiten am 18-stöckigen Holzgebäude auf dem Gelände der University of British Colombia in Vancouver. Foto: UBC Public Affairs

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Wer Hochhaus sagt, denkt an Manhattan. Oder Hongkong. An Stahl und Beton. Aber nicht an Holz. Doch eben damit planen Shop Architects ein zehngeschossiges Gebäude in New York, wo das Hochhaus dank Stahl und Beton einst gross geworden ist. Erst diese beiden hochfesten Baustoffe erlaubten ab Ende des 19. Jahrhunderts, die Grenzen des Backsteins zu sprengen. Nun läuft ihnen ein Material den Rang ab, mit dem schon die ersten Menschen ihre Hütten bauten. Die Geschichte kehrt sich um.

Davon jedenfalls träumen Michael Green und Jim Taggart, zwei Architekten aus Vancouver. Im Buch «Hoch bauen mit Holz» erklären sie die konstruktiven Grundlagen und zeigen an Projekten aus Europa und Nordamerika, wie Holz abhebt.

Aus der Schweiz sind zwei Extrembeispiele aus Zürich vertreten: Das Tamedia-Gebäude von Shigeru Ban, das seine reine Holzkonstruktion medienwirksam zur Schau stellt. Anderseits ein Gebäude der Baugenossenschaft Zurlinden, das hinter der Fassade aus Faser­zement günstigen Wohnraum schafft. Beide ­Bauten zeugen vom Wiederaufstieg des ­Holzes in der Stadt, das gemeinhin als ländliches Baumaterial gilt. Obwohl sich hinter den verputzten Fassaden der ­Altstadthäuser oft Fachwerke oder zumindest Balkendecken verbergen.

Industrielle Fertigung

Bedeutete noch vor wenigen Dekaden Holzbau vor allem Handarbeit für Dachstühle und Denkmalpflege, so ist die Branche heute weitgehend industrialisiert: Mensch und Maschine stellen im Werk fixfertige Elemente her, die auf der Baustelle nur noch montiert werden. Die Vorfabrikation reduziert die Bauzeit auf Wochen oder gar Tage und garantiert millimetergenaue Details. Neue Holzwerkstoffe ermöglichen bisher ungeahnte Spannweiten und Traglasten. Aus dem Urmaterial wurde ein Hightech-Baustoff, gewachsen aus der Kraft der Natur, verarbeitet mit der ­Präzision des Computers.

Die Städte werden weltweit weiter wachsen, prognostiziert die UNO. Aber nicht wie bisher. Dazu fehlen schlicht die Rohstoffe. Der Welt geht der Sand für Beton aus, und die Stahlherstellung verfeuert Energie, als gäbe es keine Klimaerwärmung. Holz hingegen wächst nach. Der Begriff «nachhaltig» stammt aus der Forstwirtschaft, wenn nur so viel gefällt wird, wie der Wald ersetzt. Ein grosser Teil der CO2-Emissionen entfällt auf das Bauwesen. Holz kehrt diese Rechnung um: Ein Kubikmeter bindet eine Tonne CO2. Holz spart zudem Energie, da es leicht zu transportieren und einfach zu bearbeiten ist.

Bäume strecken ihre Kronen bis zu 40 Geschosse in den Himmel. Warum also damit nicht ebenso hoch bauen? Bisher verhinderten dies die Baureglemente, allen voran der Brandschutz. Doch grosse Balken brennen berechenbar und langsam, zudem sind sie schwer entflammbar – das weiss jeder, der je versucht hat, ein Scheit nur mit einem Streichholz anzuzünden.

Anders etwa Stahl, der zwar nicht brennt, unter Hitze aber instabil wird. Zum Brandschutz von Holzbauten gehören Sprinkler, Verkleidungen oder Überdimensionierung: Die Bauteile werden besonders dick ausgeführt, damit sie auch angekohlt weitertragen. So bleibt den Bewohnern ge­nügend Zeit, um zu flüchten.

Die Skyline in Ehren, doch Manhattan ist nicht der Hochhaus-Hotspot, wenn es um Holz geht. Anderswo stösst man in ganz andere Dimensionen vor. Bordeaux will 18 Geschosse erreichen, Amsterdam 21 und Wien gar 24. London träumt derweil vom ersten hölzernen Wolkenkratzer. Der Oakwood Tower soll 300 Meter hoch werden und auf 80 Stockwerken 1000 Wohnungen aufnehmen. Dafür braucht es massiv Holz: 2,5 Meter sollen die Stützen messen, 1,75 die Wände. Trotzdem wäre die Konstruktion viermal leichter als ein Tragwerk aus Stahlbeton.

All das sind einstweilen Pläne auf dem Papier. Nägel mit Köpfen machte die University of British Columbia, die auf ihrem Campus in Vancouver konsequent auf den Baustoff aus dem Wald setzt. Derzeit stellt sie ein Hochhaus fertig, in dem ab Mitte Jahr 400 Studenten wohnen werden. Entworfen haben das 18-stöckige Gebäude Acton Ostry Architects zusammen mit Hermann Kaufmann. Der Vorarlberger Architekt und Holzpionier hat mit seinem Life Cycle Tower in Dornbirn bereits 2012 gezeigt, wie tragfähig das Material ist: Das erste achtgeschossige Holzgebäude Österreichs kratzte an der Hochhausgrenze. In Vancouver verdoppelt er den Einsatz. Das Studentenwohnheim wird mit 53 Metern der vorerst höchste Holzbau der Welt.

Die Aufrichte geschah in der Rekordzeit von 66 Tagen. Die hölzerne Tragstruktur ist im Inneren allerdings nicht zu spüren, da sie verkleidet wurde, um dem Feuer zu widerstehen. Einzig im Gemeinschaftsraum im obersten Geschoss prägen die Holzstützen den Raum sichtbar. Hinter den architektonischen Erwartungen bleibt auch die Fassade zurück, der man die rationelle Fertigung allzu offensichtlich ansieht: Das Mass der Elementbauweise definiert das strenge Raster. Dabei würde die computergesteuerte Produktion viele Frei­heiten gewähren.

Pläne auch in der Schweiz

Wohin dies wiederum führen kann, verdeutlicht der schwedische Architekt Anders Berensson. Er plant in Stockholm einen 133-Meter-Turm, auf dessen Fassade geschosshohe Nummern aus Holz das jeweilige Stockwerk anzeigen. Rationale Banalität in Vancouver, nummerischer Firlefanz in Stockholm – die beiden Beispiele zeigen: Bezüglich Fantasie gibt es im hölzernen Hochhausbau noch einiges zu tun.

In der Schweiz bleibt der Höhenrausch bisher bescheiden. Bis zu sechsgeschossige Wohnsiedlungen sind hierzulande keine Seltenheit mehr. Seit die Brandschutzauflagen 2015 gelockert wurden, darf bis zu hundert Meter hoch mit Holz gebaut werden. Das erste hölzerne Hochhaus der Schweiz entsteht auf dem Areal Suurstoffi in Risch Rotkreuz. Dort wird 2018 ein 36 Meter hohes Bürogebäude eröffnet. 2019 will die Hochschule Luzern auf dem Gelände ebenfalls ein Hybridhochhaus beziehen, das 60 Meter aufragen soll. Kein Manhattan aus Holz, aber ein Anfang.

Jim Taggart, Michael Green: Hoch bauen mit Holz. Technologie, Material, Anwendung. Birkhäuser, Basel 2017. 176 1S., ca. 78 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2017, 18:29 Uhr

Natur am Bau

Bäumige Aussichten

Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Land zubetoniert. Um die Natur in die Stadt zu retten, begannen Pioniere wie der Pariser Botaniker Patrick Blanc vor Jahren, Fassaden zu begrünen. Der Nutzen liegt auf der Hand. Erstens beschatten Pflanzen im Sommer die Fassade und sparen so Kühlenergie. Im Winter wiederum, wenn das Laub gefallen ist, wärmen die Sonnenstrahlen das Gebäude. Zweitens kühlt die Verdunstung die Luft, was insbesondere in überhitzen Städten helfen kann, das Klima zu verbessern. Zudem absorbiert der Bewuchs CO2, produziert Sauerstoff und filtert Feinstaub aus der Luft.

Der italienische Architekt Stefano Boeri war einer der Ersten, die Hochhäuser bepflanzten. 2014 eröffnete er in Mailand den Bosco Verticale, vor dessen Fassade rundum Bäume spriessen. Derzeit plant er den Tour des Cèdres bei Lausanne. Auch dort pflanzt Boeri einen vertikalen Wald mit Bäumen und Sträuchern, der wie ein Filter wirken soll. Nach Fertigstellung 2020 wird das Hochhaus mit 117 Metern nicht nur das grünste, sondern auch das höchste Gebäude der Romandie sein.

Bereits gebaut ist der Garden Tower in Wabern bei Bern, der erste wachsende Turm in der Schweiz. Auf 17 Geschossen verbindet das Büro Buchner Bründler aus Basel Natur und Architektur. Mit dem Schweizer Pavillon an der Expo in Shanghai haben die Architekten 2010 erste Erfahrungen mit begrünten Fassaden gesammelt.

Technische Herausforderung

In Wabern spannen sie rund um den Turm ein Metallnetz, an dem sich auf jedem Geschoss Kletterpflanzen in die Höhe ranken. Sie wachsen aus rund hundert Betontrögen, die an verschiedenen Stellen in die Balkonplatten integriert sind. So entsteht die Illusion, man befinde sich auf dem Erdboden – wäre da nicht die schwindelerregende Aussicht.

Die Kletterpflanzen werden als Sicht- und Blendschutz integraler Bestandteil der Architektur. Die Fassade erscheint als ein zufälliges Gewirr aus Linien, über das sich allmählich die Pflanzenhaut legt. «Haus und Natur sollen eins werden», erklärt Andreas Bründler.

Technisch ist die Fassade eine Herausforderung. Damit die Pflanzen nicht verdorren, werden sie automatisch bewässert. Zudem dürfen sie nicht höher als drei Geschosse klettern. Für die Pflege der Bepflanzung sind die Bewohner selber zuständig. Ob sie den grünen Daumen besitzen, wird sich zeigen. Der Ansatz jedenfalls, die Höhenmenschen zu erden, erscheint vielversprechend.

Auch wenn andere Lösungen günstiger, flexibler und unterhaltsarmer sind, hat die Begrünung einen Vorteil: Sie wirkt positiv aufs Gemüt – ähnlich wie Urban Gardening mehr fürs gute Gewissen und weniger fürs nachhaltige Gemüse sorgt. Der Naturersatz erleichtert den bodenständigen Schweizern den Sprung vom Einfamilienhaus ins Hochhaus. Und bewahrt damit die knappe Ressource Land vor dem Betonmischer.
Andres Herzog

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