Holz erobert die Grossstadt

120 Wohnungen auf 13 Etagen, hölzern vom Liftschacht bis zur Fassade: Ein schwedisches Architekturbüro plant in Stockholm das höchste Holzhaus der Welt.

Kein Beton, kein Gips, kein Putz: Der geplante Zedernkomplex in Stockholm. Visualisierung: General Architecture

Kein Beton, kein Gips, kein Putz: Der geplante Zedernkomplex in Stockholm. Visualisierung: General Architecture

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Man riecht das Harz, bevor man das Holz sieht. Der Geruch reicht über die Strasse, durch Regen und Verkehr. Es riecht wie frisch geschnittene Fichte und Wald, wie Weihnachten, wie Papas Werkstatt. Der Geruch passt irgendwie nicht hierher, an diese hektische Strasse in Sundbyberg, einem Vorort von Stockholm. Dann sieht man die Häuser. Es sind zwei grosse Apartmentgebäude, acht Stockwerke hoch, Balkon über Balkon. Sie gelten als die weltweit höchsten Wohnhäuser, die ganz und gar aus Holz gebaut wurden.

Den Titel werden sie bald verlieren. Doch er bleibt im Land. Ein Stockholmer Architektenbüro möchte den rustikalen Baustoff Holz nämlich grossstadttauglich machen. Olof Grip und Josef Eder von General Architecture haben ein Hochhaus entworfen – hölzern vom Liftschacht bis zur Fassade. Mit 120 Wohnungen auf 13 Stockwerken soll es das nächste «höchste Holzhaus» der Welt werden. «Weil es noch keine Holzhäuser dieser Grösse gibt, mussten wir erst herausfinden, wie es aussehen könnte», sagt Grip. «Ein Holzhaus, das sich nicht seltsam anfühlt in der Innenstadt.»

Zu erklären, was genau sie sich haben einfallen lassen, fällt den beiden Architekten schwer. Grip und Eder sitzen in ihrem Büro im Stockholmer Stadtteil Vasastan, nicht weit weg von dem Ort, wo ihr Hochhaus, das «Zedernhaus», stehen soll. Sie schieben grosse Papierbögen zwischen Kaffeetassen hin und her. Die Fotos zeigen alte Häuser, Holzhäuser, Häuser, die auf Pfählen stehen. Grip und Eder haben sich aber auch viele Stadthäuser aus Stein angesehen. Zur Konkurrenz dagegen haben sie nicht geschaut.

Ganz und gar hölzern

Um den Titel des höchsten Holzhauses der Welt haben sich auch schon andere beworben. Sie haben dabei jedoch immer auf Hilfsmittel zurückgegriffen, die nicht aus Holz waren, haben Beton mit eingebaut und die Aussenwände verkleidet. Oft sieht man dann gar nicht mehr, dass man vor einer Holzkonstruktion steht. Die Stockholmer aber machen ernst: kein Beton, kein Gips, kein Putz für die Fassade. Das Zedernhaus soll zeigen, was es ist: ganz und gar hölzern. Seinen Namen hat es von den Schindeln aus kanadischem Zedernholz, die das Hochhaus verkleiden werden. Es ist dieselbe Fassade wie bei den achtstöckigen Häusern, die in Sundbyberg schon stehen. Die Schindeln erinnern an die Schuppen eines Tieres, fühlen sich rau und warm an, zumindest wärmer als Stein. Sie sind ja auch noch ganz frisch. Eines der Häuser ist erst im September 2014 fertig geworden, das andere im Sommer 2013. Noch sieht die Zeder rötlich aus, aber mit der Zeit und dem Wetter wird sie grau werden, fast schwarz bei Regen.

Ungefähr so wird dann also auch das Zedernhaus im Stockholmer Zentrum aussehen, zwischen seinen Nachbarn aus Stahl und Beton. Es wird Teil des neuen Hightechviertels Hagastaden, das an die Innenstadt grenzt, alles ganz modern. Zwei Hochhausreihen sind hier geplant, dazwischen ein Parkstreifen. Die Planer haben dabei vom Central Park geträumt, von einer Skyline über den Baumwipfeln. Und mitten drin zwei hölzerne Türme. Gebaut wird ab 2016.

Wie aber schaffen es die Architekten, dass ihr Holz zwischen den modernen Hochhäusern nicht mittelalterlich wirkt? Unter den Fotos, die Grip und Eder zwischen sich hin- und herschieben, ist auch das Bild eines typischen falunroten Schwedenhauses. Man achtet sonst kaum darauf, aber diese Häuser sind gar nicht völlig rot: Die weiss gestrichenen Kanten und Giebel sollen Säulen von Steinhäusern nachahmen, erklärt Grip. Bei ihrem Holzhaus haben sie etwas Ähnliches vor. Nur dass sie nicht von Nachahmen sprechen. Wenn man sie reden hört, wollen sie eher etwas ­zurückerobern.

«Wenn wir uns die Steinhäuser in der Stadt anschauen, finden wir eine Menge Elemente, die eigentlich aus der früheren Holzarchitektur kommen», sagt Grip und zählt Säulen, Gesimse und Pfeiler auf. Für das Zedernhaus wollen sie Stein zurück in Holz verwandeln. Dicke Holzsäulen umgeben das erste Geschoss, wie bei einem griechischen Tempel. Holzpfeiler zieren den ersten und zweiten Stock. Das Dach ruht auf hölzernen Stützen. Mag sein, dass all diese Elemente in grauer Vorzeit schon hölzerne Vorfahren hatten. Auf den Entwürfen und Modellen für das Zedernhaus erinnern sie aber tatsächlich eher an Steinhäuser des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts, wie man sie etwa in New York oder Chicago findet. Dort haben sich die schwedischen Architekten inspirieren lassen, zum Beispiel vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan. So passt ihr ­Zedernhaus dann auch in die Stock­holmer Fantasie vom Central Park.

Bauherr ist, wie bei den Sundbyberg-Häusern, die Baufirma Folkhem, Volksheim. Der Name weckt grosse Erwartungen, er beschrieb einst den schwedischen Wohlfahrtsstaat. Folkhem möchte mit seinen 50 Angestellten das weltweit führende Unternehmen für Holzhäuser werden. Folkhem-Sprecherin Sandra Frank zählt die vielen Vorteile auf, die so ein Holzhaus hat. Hier kommt wieder der schwedische Wald ins Spiel: Er sorgt dafür, dass das Holz für eines der Häuser in Sundbyberg innerhalb von nur einer Minute nachgewachsen ist: Genug Rohstoff für 33 Wohnungen, 750 Kubikmeter Material. Folkhem hat das ausgerechnet. Während der Wald wächst, wandelt er Kohlendioxid in Sauerstoff um. So ein Holzhaus hat also auch noch eine tadellose CO2-Bilanz.

Ausserdem ist Holz leichter, aber genauso tragfähig wie Stahl. Und dazu wärmedämmend. Wer mit Holz baut, verbraucht weniger Energie als beim Betonbau. Ganz zu schweigen von der Energie, die das Haus freisetzt, wenn man es irgendwann wieder abreisst und die Reste einfach verbrennt. Auch das Aufbauen geht viel schneller. Die Wände für die Folkhem-Häuser stellt eine Firma in Nordschweden her, komplett mit Fenstern und Leitungen. Für das Zedern-Hochhaus werden sie 14 Meter lang und 3 Meter hoch. Fertig geliefert, müssen sie nur noch zusammengesetzt werden, fast wie bei einem Fertighaus.

Feuerfest muss es sein

Holz hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Es brennt ganz gut. In Deutschland darf man Holzhäuser deswegen höchsten vier bis fünf Stockwerke hoch bauen. Wer darüber hinausgehen will, braucht eine Sonderge­nehmigung. Er muss unter anderem nachweisen, dass sein Holzhaus Feuer genauso lange standhält wie andere Gebäude.

In Berlin hat Tom Kaden im Prinzip vorgemacht, was Folkhem nun in Stockholm plant: Er hat 2008 das al­lererste Holzhochhaus mitten in der Grossstadt gebaut, Prenzlauer Berg, sieben Stockwerke. Kadens Decken be­stehen aus Holz-Beton-Verbund, nicht nur wegen des Brandschutzes. «Wir mischen gern», sagt der Architekt. So könne er die Vorteile beider Materialien nutzen. Beton macht die Decken dünner, das bedeutet auch höhere Räume für die Bewohner.

Das Berliner Hochhaus hat Kaden für eine private Baugemeinschaft entworfen. Seine Kunden beschreibt er als «A-Gruppe», Akademiker, Anwälte, Ärzte, Architekten. Menschen, die Biosupermärkte mögen und sie sich leisten können – genauso wie Holz: Möbel aus Holz, Kinderspielzeug aus Holz, Häuser aus Holz. Die baut Kaden schon seit 25 Jahren. Lange Zeit habe sich auf dem Gebiet nicht viel getan, sagt er. Sein Hochhaus allerdings habe immense Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Inzwischen hätten auch städtische Wohnungsbaugesellschaften die Vorteile von Holz entdeckt. «Der Holzbau in der Stadt geht gerade erst los», sagt Kaden.

In Stockholm geht er derweil in die nächste Runde. Dicke Wände sind für Folkhem kein Problem, solange nur alles Holz ist. Die Bauherren haben zwischen der Decke der einen und dem Fussboden der nächsten Wohnung sogar extra Luft gelassen, um den Schall zu dämmen. Eine Wohnung im dritten Stock steht leer, Sandra Frank schliesst die Tür auf. Drinnen: Alles klinisch weiss, das Holz an Wänden und Decke ist hinter Putz versteckt. «Da waren wir nicht mutig genug», sagt Frank. Als sie das Haus vor fünf, sechs Jahren geplant haben, war Weiss modern, alles musste reduziert und schlicht sein. Holz? Viel zu provinziell. «Wir dachten, wir können nicht 60 Wohnungen verkaufen, die drinnen aussehen wie Ferienhäuser aus Holz», sagt Frank. Die Wohnungen in Sundbyberg sehen nun sehr edel aus. Holz scheint nur noch dort durch, wo die Wände durchbrochen sind. Türen und Fensterrahmen sind mit Holz verkleidet. Umgerechnet mehr als 750'000 Franken Euro kosten die 124 Quadratmeter.

Beim Zedernhaus will Folkhem jetzt mutiger werden und auch in den Wohnungen mehr Holz zeigen. Die Baugesellschaft plant auch schon das nächste Holzhochhaus und überholt sich damit quasi selbst. Es soll in einem Vorort stehen und mit 22 Etagen noch viel ­höher werden als die 13 Stockwerke im Zentrum.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2015, 18:25 Uhr)

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