«Ich mag gelassene Räume, die nichts von mir wollen»

Architekt Peter Zumthor wird in Südkorea eine kleine Kapelle bauen. Sakralbauten faszinieren ihn, wenn sie nicht als herrschaftlicher Verkündigungsort konzipiert sind, sondern als offener Treffpunkt.

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Sie hatten kürzlich einen Auftritt im Zürcher Grossmünster. Was war Ihr Gefühl, als Sie die Kirche betraten?
Ich komme ins Grossmünster hinein – und schon gehen die Stufen hoch.

Das Erlebnis einer autoritären Architektur?
Ja, es ist dieses Erlebnis des erhöhten Chores, wo die Wahrheit verkündet wird. Aber das schneidet nicht mehr in mein Leben ein. Insgesamt hat dieses Gebäude eine sehr schöne Ausstrahlung, wobei mir der Innenraum besser gefällt als das Objekt von aussen. Ich habe grosse Freude an den Fenstern von Sigmar Polke; die wirken auf mich sehr tief und mystisch – einfach stark.

Was bedeuten Ihnen sakrale Räume?
Sakrale Räume sind für mich eine Kategorie von emotionalen Räumen. Sakrale Räume sind wichtig: Wir kommen alle aus Häusern, aber wir kommen auch alle aus Kirchen. Ich habe mich ein Leben lang zur Kirche verhalten, zur Kirche als Institution und zur Kirche als Raum.

Sie sehen die Institution Kirche sehr kritisch?
Als Institution hat mich die Kirche nie wirklich überzeugt. Je älter ich werde und mir die anderen Religionen ansehe, überzeugen mich auch die nicht. Aber ich habe grossen Respekt vor der Religiosität einzelner Menschen. Der ­Kirchenraum, das ist ein völlig anderer Zugang. Den habe ich zum Teil ausserordentlich stark erlebt. Ich kenne das ­intensive Gefühl von grossartigen Räumen, in denen es mir vorkommt, als würde darin etwas Heiliges aufbewahrt. Und auf der anderen Seite kenne ich den belehrenden Kirchenraum, den ich als anmassende Demonstration von Macht empfinde.

Es gibt für Sie den Kirchenraum im Guten und den Kirchenraum im Schlechten?
Im Schlechten, wenn die Kirche eben als autoritärer Raum etwas von mir will. Wenn sie ein einschüchternder Raum ist, wo eine Wahrheit verkündet wird. Ich mag gelassene Räume, die nichts von mir wollen. Es liegt mir einfach nicht, wenn sich Architektur als herrschaftlicher Verkündigungsort manifestiert. Wie St. Peter in Rom zum Beispiel. Ich bin froh, dass die Basilika St. Peter auch noch Seitenaltäre hat.

Warum bauen Sie Kapellen?
Ich bin ein leidenschaftlicher Architekt und liebe es, Räume zu erfinden für besondere Funktionen. Von klein auf habe ich immer wieder eindrückliche Kirchenräume erlebt, herrschaftliche und andere. Von daher fand ich es eine tolle Aufgabe, 1988 die Caplutta Sogn Benedetg, die Holzkapelle in der Surselva, zu bauen. Ich nahm mir vor, diese Kapelle aus der Stimmung heraus zu bauen, die ich als 17-Jähriger hatte. Aus der Stimmung heraus, dass jetzt alles anders wird: eine Stimmung, die Papst Johannes XXIII. mit der Einberufung des ­Zweiten Vatikanischen Konzils vermittelte. Ich wählte eine Form, die keine Hierarchie verkörpert. Zwanzig Jahre später habe ich die moderne Bruder-Klaus-Feldkapelle in der Eifel gebaut. Und vor kurzem habe ich zugesagt, eine kleine Fatima-Kirche in Seoul zu bauen, ganz in der Nähe, wo die Kathedrale von Mario Botta entsteht.

Städte und Dörfer sind heute noch von Kirchen dominiert. Passt dieses Städtebild zur Gesellschaft von heute?
Das ist halt ein Ausdruck, wie er gesellschaftlich gewachsen ist, in einer Zeit, als die Trennung von Kirche und Staat noch nicht vollzogen und Religion Macht war. Eigentlich liebe ich die Tatsache, von tausend Dingen umgeben zu sein, die älter sind als ich. Die von Menschen gemacht wurden, die ich nicht kenne, die niemand mehr kennt. Dieses Gefühl für Geschichte ist mir ausserordentlich wichtig.

Ist die Umnutzung von Kirchen statthaft?
Es tut den Städten gut, wenn sie öffentliche Einrichtungen haben. Man muss stets schauen, dass man eine schöne ­öffentliche Nutzung findet, wo möglichst viele Leute etwas machen können. Nicht aus architektonischen Gründen. Städte leben davon, dass zwischen privat und öffentlich ein gutes Verhältnis besteht. Städtebau ist nicht eine formale, sondern eine inhaltliche Disziplin. Es geht darum, den Menschen zu dienen, wie sie zusammenleben wollen. Heute regiert das Geld die Welt, und für die Öffentlichkeit gibt es kaum mehr Räume. Darum fände ich es äusserst problematisch, eine Kirche zu privatisieren und etwa in eine Bank umzunutzen. Wenn schon Kirchen als öffentlicher Raum da sind, müssen wir alles unternehmen, dass dieser Raum öffentlich bleibt.

Selbst dann, wenn die Kirche zur Moschee wird?
Warum nicht? Es ist mir schon klar, dass jede Religion von sich meint, sie sei die beste. Aber es ist doch unsere Aufgabe, in Europa und der Schweiz anzuerkennen, dass die Christen hier nicht mehr alleine sind.

Fünfbändige Werkausgabe: Peter Zumthor, Bauten und Projekte 1985–2013. Herausgegeben von Thomas Durisch. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2014. 800 S., ca. 250 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.04.2014, 08:45 Uhr)

Das Zumthor-Werk in fünf Bänden

Der Basler Architekt Peter Zumthor gehört zu den international renommiertesten Vertretern seines Fachs. Eine neue Werkausgabe zeigt, warum: Zumthors Werke zwischen 1985 und 2013 zeigen eine formale Geschlossenheit und konsequente Strenge und wirken doch voller Spiritualität. Ob Kapellenbau, Wohnhaus oder Schutzbauten für Ausgrabungen: Stets ist die Autorschaft des ehemaligen Möbelschreiners erkennbar, der mit Materialien, Licht (und Schatten) gestalterisch souverän umzugehen weiss. Zweck und Ort bestimmten die Form, schreibt Zumthor im Vorwort – und das ist nicht nur Bescheidenheit, es ist auch die Sicherheit des erfahrenen Gestalters, der die richtige Form erkennt.

Dafür musste sich Zumthor erst freimachen vom ideologischen Ballast der 60er- und 70er-Jahre; er steht bis heute nicht im Verdacht, Kompromisse zu machen, und misstraut folglich jedem Renditebau. Wie ein Schriftsteller erst gut wird, wenn er sich von Ideologie befreit, so geht es auch dem Architekten: Zumthor bezeichnet, nach einem eher spielerischen Einstand als Architekt, die späten 70er und frühen 80er als Start zu seinen inspirierten Jahren. So beginnt die Werkausgabe 1985 mit seinem Atelierbau im bündnerischen Haldenstein. Ende der 90er kam dazu auch ein Wohnhaus; sein Lebens- und Arbeitszentrum nahe Chur ist heute ein Anziehungspunkt für Architekturstudierende aus aller Welt.

Verneigen vor der Vollendung

Die fünfbändige Werkausgabe stellt Skizzen, Pläne, Fotografien der Modelle und des Realisierten sowie kurze Texte zu Bauten aus drei Jahrzehnten zusammen. Eingestreute Landschaftsbilder, zeigen, was die Entwürfe inspirierte. Und es gibt Skizzen und Pläne der Projekte, die nicht gebaut wurden. Zumthor versteht die Bauleute und Benutzer, die während der Zusammenarbeit «ohne bequeme Kompromisse» einiges aushalten mussten. «Wir gingen an die Grenzen des Konstruierens und des Bauens», schreibt er zum gescheiterten Bau des Ausstellungs- und Dokumentationszentrums «Topographie des Terrors» und «damit auch an die Grenzen des damals in Berlin Machbaren». Trotzdem denkt er bei solchen Entwürfen bis heute: Schade, dass sie nicht gebaut wurden.

Sakrale Bauten sind eine Kontinuität in seinem Werk: die Kapelle in Sonvitg GR, die Herz-Jesu-Kirche in München und die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf sind die bekanntesten. Mit der hohen Spiritualität seiner Bauten ist im Grunde fast jedes seiner Werke im Kern auch ein sakraler Bau: Zumthor setzt darin um, was der französische Philosoph André Comte-Sponville einst als «Spiritualität ohne Gott» bezeichnet hat: den Respekt vor Farbe und Form, Licht und Schatten, Zeit (Entschleunigung!) und Raum (Weite!). Wer je nachts in der Therme Vals gebadet hat, wird sich vor dieser Formvollendung verneigt haben.

Auch für die Werkausgabe wurde eine gute Form gefunden: fünf Bände, je rätselhaft gewidmet, eingebunden in feste Buchdeckel, überzogen mit grauem Leinen, beschriftet mit grauer Versalschrift, dazwischen sind insgesamt über siebenhundert Seiten. Das ist, wie auch Zumthors Bauweise, nicht unbedingt die günstigste Form der Produktion, aber um es mit seinen Worten zu sagen: Man bekommt von ihm keinen BMW zum Preis eines VW. Dank folglich auch an den Verlagsleiter Thomas Kramer von Scheidegger & Spiess, dass er es gewagt hat, diesen BMW in Verkehr zu setzen.

Res Strehle (Tages-Anzeiger)

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Peter Zumthor

Der Architekt wurde 1943 als Sohn eines Schreinermeisters in Basel geboren, er lebt in Haldenstein GR. Nun ist eine
fünfbändige Werk­ausgabe erschienen. (Bild: PD)

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