Lernen vom Chaos

Slums sind mehr als Elend. Eine Ausstellung in Winterthur zeigt, wie Menschen in einem besetzten Hochhaus in Venezuela leben.

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Kaum fliessend Wasser, kein Strom, ungenügende sanitäre Einrichtungen. Slums assoziieren wir oft nur mit hoffnungsloser Armut. Doch damit machen wir es uns zu einfach. Jeder zweite Mensch weltweit lebt in einer Stadt. Ein Grossteil jener, die vom Land in die Metropolen fliehen, strandet in notdürftigen Unterkünften. Es sind also nicht wenige, sondern viele, die in prekären Verhältnissen hausen. Und: Sie ersticken nicht im Chaos, sondern haben sich organisiert.

Die beiden ETH-Professoren Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, die sich den Urban-Thinktank-Lehrstuhl für Architektur und Städtebau (und das gleichnamige Architekturbüro) teilen, erforschen seit zwei Jahrzehnten die Metropolen dieser Welt. Sie wenden sich jenen Orten zu, wo die Menschen ihre Stadt selber in die Hand nehmen, nachdem die Planer sie fallen gelassen haben. Wo andere Städtebauer wegblicken, schauen sie genau hin – und entdecken Erstaunliches. Mit der Ausstellung «Gran Horizonte» haben sie schon an der letzten Architekturbiennale in Venedig den Besuchern die Augen geöffnet – und einen Goldenen Löwen abgeräumt. Nun ist die Schau in der Winterthurer Fotogalerie Coalmine zu Gast.

Wolkenkratzer ohne Lift

Der erste Teil der Ausstellung ist dem Torre David in Venezuela gewidmet. Der Wolkenkratzer mit seinen 45 Stockwerken ragt in der Nähe des Bankenviertels von Caracas 192 Meter in den Himmel – und war eigentlich für tot erklärt worden, noch bevor er fertiggestellt war. Die Wirtschaftskrise der 90er-Jahre machte den Investoren einen Strich durch die Rechnung und setzte dem ambitionierten Bauvorhaben ein jähes Ende. Vor einigen Jahren nun erweckten illegale Bewohner die Betonleiche zum Leben. Mittlerweile sind 750 Familien in diesem «vertikalen Slum» zu Hause.

Grossformatige Bilder des holländischen Fotografen Iwan Baan zeigen, wie die Menschen sich ihre Nachbarschaft im Turm eingerichtet haben. Denn sie wohnen nicht nur im Hochhaus. Hier gehen sie im Laden einkaufen, lassen sich beim Friseur die Haare schneiden, heben im Fitnessstudio Gewichte. Die ganze Infrastruktur haben die Besetzer in Eigenregie organisiert. Da sich das Hochhaus bei seiner Aufgabe noch im Rohbau befand, sind die Liftschächte leer. Entsprechend ist der Turm nur bis zum 28. Stock belegt: Jeder Transport erfolgt zu Fuss, nur im Sockel fahren kleine Busse. Ein ausgeklügeltes System versorgt die Geschosse mit Wasser und Strom. Was die Bewohner brauchen, bauen sie selbst. Stück für Stück wandelt sich der verlassene Turm so zu einer kleinen Stadt.

Brillembourg und Klumpner haben den Mikrokosmos anderthalb Jahre lang untersucht. Im Zentrum standen keine visionären Pläne, sondern die Menschen und ihre Umgebung. Die nun in Winterthur ausgestellten Fotografien dokumentieren das Leben im Torre David ganz nah – und sind doch unaufdringlich. Texte, die direkt an der Wand angebracht wurden, skizzieren den Kontext; Comics erklären die politischen Hintergründe kurz und prägnant. Die Präsentation ist einfach gehalten, aber lehrreich.

Organisation ohne Kontrolle

Den Horizont erweitert der zweite Teil der Ausstellung. Hier taucht der Besucher via drei Leinwände ins urbane Leben rund um den Globus ein und reist an insgesamt 80 Orte: Menschen handeln auf dem Markt in Mumbai, waschen ihre Wäsche in São Paulo oder trainieren in Hongkong auf offener Strasse Boxen. Diese «urbane Poesie», wie die Ausstellungsmacher sie nennen, will nicht alles rational begreifen, wie die Moderne dies bis zum Exzess lehrte. Sie zeigt vielmehr die täglichen Freuden und Leiden in diesen Megastädten mit ihren Riesenproblemen. Dabei vermischen sich die vielen Szenen zu einem dichten Bild.

Die Kreativität der Menschen in Not beeindruckt. Sie organisieren eine halbe Stadt ohne Kontrolle von oben. Für den Planer heisst das: Er muss Platz machen für spontane Experimente, Zufälliges, Unvorhergesehenes. Die Architekten bezeichnen dies als «Überwindung des modernen Formenfetischismus». Und um etwas zu bewirken, muss der Städtebauer mit den Fehlern von früher zurechtkommen. Statt alles vorzuspuren, bessert er die Vergangenheit nach. So wächst die neue Stadt in den Ritzen der alten.

«Gran Horizonte» lässt uns erkennen, wie vielfältig informelle Siedlungen organisiert sind. Das soll nicht heissen, dass es nichts zu tun gibt. Brillembourg und Klumpner haben schon mehrfach gezeigt, wie sich die schwierige Lage verbessern lässt, etwa als sie in einem Slum in Caracas eine Seilbahn samt Gemeinschaftszentrum bauten. Auch für den Torre David machen sie Vorschläge, um die Elektrizität oder die Wasserversorgung zu optimieren.

Doch für solche Akupunkturen muss man die Situation erst kennen und ernst nehmen. Die meisten Städteplaner wollen sich auf dieses scheinbare Chaos gar nicht erst einlassen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.09.2013, 08:40 Uhr)

Stichworte

Alfredo Brillembourg, Hubert Klumpner (Hg.): Torre David. Fotografien von Iwan Baan. Lars Müller Publishers, Zürich 2012. 416 S., ca. 55 Fr.

Die Ausstellung

Bis 20. Dezember. www.coalmine.ch

Der Torre David in Caracas. (Video: Youtube)

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