Scheuer Optimismus in Venedig
Schweizer Pavillon: Brücken in der Landschaft
Im Schweizer Pavillon stellt der Bündner Bauingenieur Jürg Conzett ein «persönliches Inventar» von Kunstbauten vor. Zusammen mit dem Fotografen Martin Linsi zog er durch die Schweiz und erfasste rund 50 Brücken, Stege, Tunnelportale und Stützwände - das technische «Mobiliar» des zerklüfteten Landes. Gebaut wurde diese Ausrüstung von etlichen Generationen von hervorragenden Schweizer Bauingenieuren, die aber oft im Schatten der Architekten bleiben. Conzetts Ausstellung zeigt die enorme Leistung der Ingenieure, die dem steilen Terrain ein weit verzweigtes Wegnetz abgerungen hat. Doch nicht die schlichte technische Machbarkeit steht im Zentrum seiner Sammlung, sondern die aktive und selbstbewusste Gestaltung dieser Übergänge. Gemeinsames Merkmal aller Objekte ist ihr fein abgestimmtes Verhältnis zur Landschaft, in der sie stehen. Auf Martin Linsis Schwarzweiss-Fotos kommen die Qualitäten der Bauwerke schön zur Geltung; sie machen deutlich, dass selbst die mächtigste Brücke klein bleibt im Vergleich zur Landschaft. (csh)
Begleitpublikation «Landschaft und Kunstbauten» bei Scheidegger & Spiess.
Die Architektur meldet sich zurück in den fast endlosen Hallen des Arsenale in Venedig. Ganz weg war sie ja nie, bloss für kurze Zeit ein wenig in den Hintergrund getreten, als 2006 der damalige Chefkurator Richard Burdett mit Diagrammen, Satellitenbildern und Zahlenbergen an die Verantwortung der Architekten für die Gestaltung einer besseren Welt appellierte. Bereits 2008 war dieser Spuk vorbei und eine sanfte, grüne Nachhaltigkeits-Welle überrollte die Biennale.
Mit der Japanerin Kazuyo Sejima konnte für dieses Jahr nach längerer Zeit wieder einmal eine praktizierende Architektin für das Kuratorium gewonnen werden – just in dem Jahr, in dem in Lausanne mit dem Rolex Learning Center ein epochales Bauwerk aus ihrem Atelier SANAA eröffnet wurde. Kurz darauf erhielt sie den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung in der Disziplin.
Irrelevanter Slogan
Sejima stellte für die diesjährige Biennale das Motto «People meet in Architecture» auf, ein Slogan aus der Welt des Marketings, so irrelevant wie diejenigen zuvor. Denn um handfeste Architektur – geplante oder sogar gebaute – geht es in dieser bedeutendsten Leistungsschau der globalen Szene eigentlich nur noch am Rande. Fest etabliert hat sich inzwischen das architektonisch-künstlerische Objekt im Gewand der Installation, manche begehbar, manche nicht, einige mit zusätzlichen Audio-, andere mit Videoeffekten. Von einigen Ausnahmen abgesehen, die sich an einer Hand abzählen lassen, sucht man hier Pläne oder ähnliche ur-architektonische Darstellungsformen vergebens.
Das Modell oder eben die künstlerisch überformte Installation haben sich auf breiter Front durchgesetzt. Trotzdem ist die Inszenierung in den 300 Meter langen Hallen der Corderie und im Palazzo delle Esposizioni in den Giardini beeindruckend. Sejima hat insgesamt 46 Architekten, Fotografen, Künstler und Leute aus anverwandten Disziplinen eingeladen und die verschiedenen Beiträge zu einer abwechslungsreichen, entspannten, ja fast heiteren Abfolge verknüpft.
Obwohl die Beteiligten aus allen Ecken der Welt kommen und völlig unterschiedliche Projekte und Objekte zeigen, ist die ordnende Hand der Kuratorin nicht zu übersehen. Über allem schwebt die unbestreitbare Eleganz der japanischen Ästhetik, die dem Schweizer Auge durchaus schmeichelt.
Kein visionäres Element
Das im Vergleich zu früheren Ausgaben reduzierte Teilnehmerfeld lässt vor allem im Arsenale den einzelnen Beiträgen mehr Platz – und den Besuchern mehr Musse, die Ausstellung auf sich wirken zu lassen. Die zuvor fast schon chronische Reizüberflutung wurde auf ein erträgliches Mass zurückgefahren. Und erst dadurch wird klar, dass Sejima und ihre Mitstreiter trotz aller abstrakten Installationen nahe an der Architekturpraxis bleiben.
Das visionär-utopische Element, in dem oft auch eine unterschwellige Anklage mitschwingt, fehlt weitgehend. Für die obligate Provokation ist einmal mehr der niederländische Architekt Rem Koolhaas zuständig, der in diesem Jahr von der Biennale für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wird. Als der wohl berühmteste Architekt der Welt kann er es sich leisten, das System der «Starchitects» zu kritisieren, in dem er selbst eingesperrt ist. Einen «faustischen Pakt» hätten die grossen Architekten mit den Mächtigen und Reichen dieser Welt geschlossen, so Koolhaas.
Dicke Aufträge und Berühmtheit seien die Belohnung, der Verlust der Relevanz der Preis dafür. Als Beweis führt er die Titelbilder des Time Magazine ins Feld, auf denen seit 1979 kein Architekt mehr erschien. Wenn also nicht einmal er selbst es dorthin schafft, dann muss tatsächlich etwas faul sein an dem System.
Radikal hierarchielos
Neben der kuratierten Hauptausstellung wird an der Biennale wie üblich das nationale Schaulaufen in den Länderpavillons der Giardini zelebriert. Auch hier gehört die architektonische Installation zum guten Ton, mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie durch nationale Befindlichkeiten zusätzlich verschlüsselt und deshalb kaum noch decodierbar sind. Löbliche Ausnahmen gibt es dennoch genügend: Bei den Belgiern darf man gealterte und verfremdete Baumaterialien anfassen, die Japaner stellen die Eigenarten ihrer Haupstadt Tokio vor, Frankreich präsentiert in einer ausgeklügelten Videoshow stolz die Grösse seiner Grossstädte, Finnland zeigt vorbildliche Schulbauten und Israel geht der Geschichte der Kibbuzim nach.
Deutschland kämpft immer noch mit seinem monumentalen Pavillon aus der Nazizeit, lässt ihn aber dieses Jahr einfach mal als mehrheitlich leeren Raum stehen, wodurch das Verhältnis entkrampft werden könnte. Denn der Raum hat seine Qualitäten, das ist nicht zu übersehen. Mit einem angenehm konkreten Ansatz fällt der Schweizer Pavillon fast aus dem Rahmen.
Bei aller Fülle bleibt jedoch von der diesjährigen Biennale nicht viel haften. Der Blick in die Werkstatt des japanischen Architekten Toyo Ito vielleicht, der gerade auf Taiwan das anspruchsvollste Gebäude des Jahrzehnts baut, Wim Wenders’ bezaubernder, im Lausanner Learning Center gedrehter Film, oder das 1:1-Modell des für den Zürcher Escher-Wyss-Platz geplanten Nagelhauses von Caruso St. John und Thomas Demand.
Krise? Welche Krise?
Von einer Krise ist nicht viel zu spüren; die Ausstellung umweht eher ein scheuer Optimismus. Es geht jedoch weder darum, unversehens wieder zur «Architektur mit dem Wow-Effekt» zurückzukehren, noch eine «Neue Bescheidenheit» auszurufen. Sejimas Architektur (und diejenige ihrer eingeladenen Gäste, insbesondere der Japaner) operiert nicht in diesen Wertesystemen, sondern ist radikal hierarchielos und bewegt sich technisch an der Grenze des Machbaren. Man wird noch einiges von der Japanerin und ihrem Büro SANAA hören, und das ist im Grunde genommen die gute Nachricht, die von der Biennale ausgeht.
Bis 21. November. www.labiennale.org (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2010, 07:13 Uhr





