Kultur

St. Moritz im Wandel

Von Helene Arnet. Aktualisiert am 13.01.2011 1 Kommentar

Die Zürcher Vorortsgemeinde Schlieren und die Region Oberengadin zeigen auf, wie sich Schweizer Kulturräume verändern.

1/10 Abseits der Postkarten-Ansichten: Der Hauptplatz in St. Moritz Dorf in den 70er-Jahren.
Bild: Bild: www.archiv-des-ortes.ch

   

Langzeitbeobachtung

Die Entwicklung von Schlieren wird nicht nur mit dem Forschungsprojekt «Archiv des Ortes» beobachtet. Das Institut für Gegenwartskunst der Zürcher Hochschule der Künste hat in der Zürcher 15'000-Seelen-Gemeinde bereits vor sechs Jahren eine Langzeitbeobachtung gestartet, die bis ins Jahr 2020 angelegt ist. Über den ganzen Stadtraum verteilt, wurden 63 Standorte definiert, an denen alle zwei Jahre eine Aufnahme mit identischem Blickwinkel gemacht wird. Alle fünf Jahre werden zudem optisch prägende Details – wie etwa ein farbenfroher Kebabstand – fotografiert. Die Bilder sind online für jedermann zugänglich. Die fotografische Langzeitbeobachtung soll zeigen, wie sich die im Stadtentwicklungskonzept vorgeschlagenen Massnahmen für eine nachhaltige Stadtentwicklung auf den Lebensraum auswirken. Seit drei Jahren untersucht die Forschungsstelle Auditive Architektur der Universität der Künste Berlin zusätzlich den Ton vor Ort. Für 2012 ist eine Zwischenauswertung vorgesehen – zum Beispiel in Form von Bild- und Klanginstallationen. Die Zürcher Vorortsgemeinde Schlieren ist für solche Studien besonders geeignet, weil sie zurzeit eine stürmische Entwicklung durchlebt.

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In den 60er- und 70er-Jahren wandelten sich die Bauerndörfer rund um die Stadt Zürich zur Agglomeration. Seither haftet der abwertende Klang der Bezeichnung «Agglo» an ihnen: Er meint gesichtslos, grau, kleinkariert, spiessig. Und er ist mit der Vorstellung der Unveränderlichkeit verbunden. Dass dem nicht so ist, zeigt das Forschungsprojekt «Archiv des Ortes» von Meret Wandeler und Ulrich Görlich vom Institut für Gegenwartskunst der Zürcher Hochschule der Künste. Das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Projekt will die räumliche Entwicklung von Kulturräumen seit dem Zweiten Weltkrieg aufzeigen. Meret Wandeler ist selbst überrascht, dass sichtbar wurde, wie stark die scheinbar in Beton und Asphalt erstarrte Agglomeration im Wandel ist.

Wandeler und Görlich haben als Forschungsobjekt die an die Stadt Zürich grenzende Stadt Schlieren gewählt. Die Gemeinde war bis zum Zweiten Weltkrieg ein Bauerndorf mit peripherer, gut funktionierender Industrie. Als 1985 die Wagonfabrik Schlieren (Schindler) geschlossen wurde, war das ein Schock für die ganze Region und nur der Anfang vom Ende vieler Produktionsstätten rund um Zürich. Schlieren wuchs schnell zu einer Agglomerationsgemeinde mit den spezifischen Imageproblemen: Verkehr, Lärm, hoher Ausländeranteil. Zurzeit wiederholt sich in der Region der Wachstumsschub der 70er-Jahre.

Ferienhäuser wie Pilze

Die beiden Dozenten nahmen auch eine Gegenwelt in den Fokus: das Oberengadin, insbesondere die Gegend zwischen St. Moritz und Maloja. In ihren Köpfen und den bereits erschlossenen Archiven bestimmten erst Postkartenansichten die Vorstellung: Schnee auf den Wipfeln, blauer Himmel, lachender See. Im Oberengadin war und ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Tourismus. «Auf den Fotos zeigt sich aber, wie sich dies intensiviert und beschleunigt», sagt Wandeler. Ferienhäuser wachsen wie Pilze aus dem Boden. Touristische Einrichtungen dominieren immer stärker die Umgebung.

Schlieren und das Oberengadin gelten als modellhaft. Das Ziel der Forschungsarbeit war, Sammelstrategien für ein fotografisches Archiv zur Raumentwicklung zu konzipieren. Ausgangspunkt war die Fotosammlung «Ortsansichten» der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek. Das Sammelkonzept will es anderen Gemeinden erleichtern, sich ebenfalls ein visuelles Gedächtnis zu erarbeiten, wofür es laut Wandeler höchste Zeit sei. Immer mehr Unternehmen entstauben nämlich ihre Archive, weil sie den digitalen Ansprüchen nicht genügen.

Gebrauchsbild statt Postkarte

Wandeler ruft das Bild einer nebligen, tristen Industrielandschaft auf den Bildschirm. Man wähnt sich in einem Londoner Vorort der 20er-Jahre. Sie sagt: «Manchmal dachte ich perplex: Was – das soll in der Nachkriegszeit und in der Schweiz sein?» Schlieren zeigt aber auch seine Idyllen, St. Moritz seine ärmlichen Seiten. Das «Archiv des Ortes» erschliesst eine neue Quelle für die Landschaftsentwicklung. «Die Fotografie ist für eine solche Veranschaulichung natürlich prädestiniert», sagt Wandeler. Münzt man ihren Ansatz auf das Familienalbum um, sind eben weniger die gestellten Geburtstagsfotos interessant: Kind am ersten, zweiten, dritten Geburtstag, sondern eher die Schnappschüsse, die den Alltag zeigen. Bei Stadtansichten sind das dann eben Gebrauchsbilder statt Postkartenmotive.

Die Studienleiter machten sich erst bei Fachleuten kundig, in welchen Bereichen sich räumliche Veränderungen optisch manifestieren. Dann stiegen sie in die Keller von Baufirmen, Strassenbauern und Planungsbüros. Sie durchforsteten die Fotoarchive der Lokalpresse und Ortsmuseen und blätterten sich durch Fotoalben einiger Privatpersonen. In eineinhalb Jahren trugen sie so je 2000 Fotos zusammen. Die meisten waren bisher nicht öffentlich zugänglich. Dabei spielte die künstlerische Qualität des Bildes eine untergeordnete, der räumliche Bezug dagegen eine grosse Rolle. Die Bilder wurden digitalisiert, beschriftet und auf einer Website aufgeschaltet. Wandeler und Görlich stellten auch Serien zusammen, um die verschiedenen Aspekte zu illustrieren, welche das Material erschliesst: so etwa Zwischensaison und Werbebild im Oberengadin, Industriegebiete und Siedlungsrand in Schlieren.

Wandel der Reklameschilder

Die Fülle der Beobachtungen und Aussagen, welche diese Bilderbögen erlauben, ist erstaunlich: Sichtbar werden nicht nur die grossräumlichen Veränderungen durch Zersiedelung und durch die zunehmende Dominanz von Verkehrsinfrastruktur. Augenfällig werden auch architektur-, kultur- und gesellschaftshistorisch interessante Veränderungen. Allein der Wandel der Reklameschilder wäre eine eigene Studie wert – und ist ganz unwissenschaftlich amüsant zu verfolgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2011, 15:50 Uhr

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1 Kommentar

Herbert Berger

13.01.2011, 16:45 Uhr
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Da fehlen einem fast die Worte ab der Fülle und Vollständigkeit historischer Aufnahme von Schlieren. Für jeden Bewohner dieser Stadt ein Muss! Ein Riesenkompliment an die Macher! Da hat jemand viel nachgedacht und Top-Arbeit geleistet. Danke. Hoffen wir, dass das Archiv schweizweit wächst. Als "Gedächtnis" der Schweiz eine riesige Bereicherung. Antworten




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