«Unnütze Pracht ist zu vermeiden»
Es ist das Heiligste in den heiligen Hallen des Bundeshauses: Das Schweizer Kreuz, das im Boden der oberen Halle des Westflügels eingelassen ist. Bundesräte und Staatsgäste machen ehrfürchtig einen Bogen um das zwei Meter grosse Wappen, um es nicht mit Füssen zu treten. Manch einer würde freilich darüber hinweglaufen, wenn er wüsste, was der Berner Geologe Toni Labhart weiss: «Es ist europäisch.»
Das weisse Kreuz auf rotem Grund besteht aus Carrara-Marmor und Rosso-Verona aus Italien. Ausgerechnet das Kreuz! Dabei sollte das Bundeshaus nach dem Willen seines Architekten Hans Wilhelm Auer doch ausschliesslich aus Schweizer Baumaterialien gefertigt und von heimischen Handwerkern gebaut werden. Ein Nationaldenkmal sollte es sein, eine nationale Werkschau. Selbst im Innern müssten «Hartsteine und Marmore der Schweiz, vollständig und ohne Ausnahme, herangezogen werden», verlangte Auer. «Seine Vorgabe wurde allerdings nicht restlos eingehalten», weiss Toni Labhart. Und just auch der zweite Kristallisationspunkt im Bundeshaus gehört zum Rest: Walther Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal sind nicht aus Innerschweizer Holz geschnitzt, sondern aus Botticino-Kalk gehauen. Die drei Eidgenossen sind in Wahrheit Italiener.
Steine aus A wie Appenzell bis Z aus Zug
Das Bundeshaus wurde an einem 1.April eingeweiht. 1902. Es sollte, so Auer, «ein Symbol schweizerischer Einheit und Einigkeit» sein, ein Nationaldenkmal. Andere haben Paläste, wir haben das Bundeshaus. Ein Haus das Programm ist. Im Sinne des Föderalismus liess man Bausteine aus sämtlichen Landesteilen herschaffen, aus A wie Appenzell bis aus Z wie Zug.
Geologe Labhart kommt bei einem Rundgang durchs Gebäude ins Schwärmen. Einem Weinkenner gleich verkostet er die edlen Steine: den Châble Rouge, den Roc de Cernia oder den Brocatello d’Arzo. Er weiss, von welchem Hang sie stammen, liest aus ihrer Farbe die Bodenbeschaffenheit und kann ihr Alter bestimmen. Und zu jedem Stein kennt Labhart eine Anekdote. Etwa, dass Architekt Auer den für Bern klassischen Sandstein ganz und gar nicht mochte. Was die Nationalbank ziert und das Unesco-Weltkulturerbe Bern ausmacht, bezeichnete er als «den allerschlechtesten Baustein» überhaupt. Doch die Berner Baukommission bestand auf dem Material. «So bleiben Geld und Arbeit im Lande.»
Gebrauchte Steine
Bescheidenheit und Zurückhaltung sollte das Bundeshaus ausstrahlen als ein Spiegel der Volksseele. «Unnütze Pracht und übertriebene Dimensionen» seien zu vermeiden, hielt die Regierung bei der Planung fest. Weil Zurückhaltung eine Zierde sei und auch weil man im Staate Bern schon damals kein Geld hatte. So griff man selbst für den Bau des Parlamentsgebäudes auf Bauschutt als Baustoff zurück. «Für die prunkvolle Haupttreppe wurden die Sockel des alten Inselspitals und des alten Zuchthauses am Bollwerk recycliert», sagt Toni Labhart. «Wenn die Parlamentarier die Stufen emporsteigen, stehen sie also gewissermassen mit einem Bein im Spital und mit dem anderen im Zuchthaus.»
Wo andere achtlos darüber hinweggehen, sieht Toni Labhart genauer hin. Die Steinfliesen sind ein Geschichtsbuch, das viele Kapitel weiter zurückreicht als die Historie des Bundesstaats. «Darin eingeschlossen sind Versteinerungen aus der Eozänzeit, als die Schweiz noch von einem tropischen Ozean überdeckt war», erklärt der Geologe mit Blick auf die Platten aus Merliger Stein. Austern, Schnecken und Korallen erkennt er darin, Tiere, die vor 40 Millionen Jahren das Zeitliche segneten. Auch sie widerspiegeln ein Stück Schweiz. Es sind Sedimente und Granite, die durch Ablagerung und durch Erstarrung entstanden sind.
Steinreich ist Labhart, wenn er durchs Bundeshaus geht. «Und bei jedem Rundgang entdecke ich einen neuen Schatz.» Einen Stein aus jüngerer Geschichte kennt er allerdings nur vom Hörensagen. «Ich habe als kleiner Junge von dem Stein gehört und bin damals sofort zum Bundeshaus gelaufen, um ihn zu sehen.» Doch da war er bereits verschwunden. Die Rede ist von jenem faustgrossen Brocken, den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler als Parlamentarier 1948 ins Bundeshaus trug und damit – um seiner Rede zur Landesversorgung mehr Gewicht zu verleihen – eine Scheibe einschmiss. Von innen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.07.2010, 07:58 Uhr
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