Die Schweiz ist Architektur-Exportweltmeisterin

Eine Ausstellung in Basel erklärt die Erfolgsgeschichte vom Sichtbeton-Minimalismus der 90er-Jahre bis zur «Entwicklungshilfe» in Afrika.

Ein Bau der HHF Architekten in Jinhua, China. Foto: Benjamin Krüger

Ein Bau der HHF Architekten in Jinhua, China. Foto: Benjamin Krüger

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Die gebaute Schweiz ist schön, aber klein und ein bisschen langweilig. Wer keine Zürcher Grundrisse schruppen, wer Architektur grösser denken möchte oder seinen Lebenssinn nicht darin sieht, an der hiesigen Wohlstandsspirale zu drehen, muss das Bauparadies verlassen. Das haben in den letzten 20 Jahren viele Büros getan: Die Schweiz ist Architektur-Exportweltmeisterin.

«In Land aus Land» betitelt Andreas Ruby seine zweite grosse Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum (SAM) in Basel, in der er, nach der Nabelschau «Schweizweit», hinaus in die Welt blickt. Die aktuelle Ausstellung funktioniert als klug sortierter Projektreigen, der die Erfolgsgeschichte der Architekturausfuhr entlang der wichtigsten Akteure erzählt, und zwar so, dass auch Laien den Einstieg finden.

Angefangen hatte die Exportwelle mit fünf grossen Namen, von denen Ruby je ein Schlüsselprojekt auf den Sockel hebt: den Parc de la Villette in Paris von Bernard Tschumi, die Kathedrale von Mario Botta in Evry, Peter Zumthors «Topographie des Terrors» in Berlin, Herzog & de Meurons Tate Modern in London und die Botschaft von Diener & Diener in Berlin. Gebremst durch die Immobilienkrise der 90er rückten die Architekten mit Gebäuden ins Rampenlicht, die das Image des Schweizer Minimalismus nachhaltig prägten.

Sichtbeton oder Lehmziegel?

Die Pioniere bereiteten den Weg für die zweite Welle, zu der die Schau der Buchstabenbüros EM2N und E2A aus Zürich sowie HHF aus Basel zählt. Die ­kryptischen Kürzel zeigen: Statt Einzelkämpfern steht das Kollektiv im Zentrum. Und statt um Museen oder Kathedralen geht es um Wohnungen oder Bürohäuser, die die Besucher an Modellen studieren können, während die Architekten in Videointerviews zu hören sind.

Rundum hängen Ruby und sein Team zehn Arbeiten der Nachzügler auf: jüngere Büros, die erste Schritte ins Ausland wagen und für private Auftraggeber Schweizer Wohnarchitektur nach Griechenland, Ecuador oder Südkorea tragen. Wenn etwa roter Backstein auf Seouls bleiche Moderne trifft, zeigt sich das Dilemma, in dem der globale Architekt steckt: Entwirft er nun Architektur, die nichts mit dem Ort zu tun hat, oder lokale Architektur, die nichts mit der Schweiz zu tun hat? Also: Sichtbeton oder Lehmziegel?

Jacques Herzog stellt im Videointerview klar: «Es macht keinen Sinn, im Ausland Schweizer Qualität als Reproduktion realisieren zu wollen.» Er muss es wissen, schliesslich hat sein Büro alle Kontinente bis auf Australien bebaut. «Ohne Ausland würde es mir stinken», so der Architekt. Die Neugierde aufs Fremde ist in einem viersprachigen Land in der nationalen DNA angelegt. Es gibt aber auch konkretere Gründe für den Welterfolg der Schweizer Architektur: die guten Architekturschulen, das solide Bauhandwerk oder das gesunde Wettbewerbswesen, das auch junge Büros zum Zug kommen lässt. All das bedingt eine hohe Sensibilität für Baukultur in der Bevölkerung, die das Museum in Basel entscheidend mitpflegt.

Die Welt retten

Es sei den Basler Politikern darum geraten, die Ausstellung zu besuchen, um sich ein Bild zu machen davon, wie man Architektur klug vermittelt. Sie entscheiden im Herbst, ob sie den Beitrag des Kantons für das Museum erhöhen, um mit den Geldern des Bundes mitzuhalten. So will es das neue Förderkonzept des Bundesamts für Kultur. Ob sinnvoll oder nicht: Ohne die Kantonsgelder wird es düster am SAM-Himmel.

Dass Schweizer Architektur lebenswichtig sein kann, zeigt der letzte Teil der Ausstellung. Eine neue Generation von Architekten will mit Bauten die Welt retten. Fabienne Hoelzel kämpft in den Slums von Laos gegen den Abbruch. Gunter Klix wirkt in Tansania als «Architectural Pioneering Consultant». An der Wand hängt ein Teppich eines vertriebenen Volks aus der Westsahara, dem Manuel Herz an der Architekturbiennale 2016 einen Pavillon gewidmet hat. Ist das Architektur oder Entwicklungshilfe? Und was hat das mit der Schweiz zu tun? Viel – ruft man sich die Tradition der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz in Erinnerung.

Bis 12. November, www.sam-basel.org

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 19:35 Uhr

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